Projekt Rheintal+
Warum will Fisibach partout eigenständig bleiben?

Als einzige Gemeinde hat Fisibach den Fusionsvertrag mit 81 Prozent abgelehnt. Der Ammann hofft, dass die anderen Gemeinden nicht nachtragend reagieren.

David Rutschmann und Andreas Fretz
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Fisibachs Gemeindeammann Roger Berglas.

Fisibachs Gemeindeammann Roger Berglas.

Chris Iseli

Vor dem Mehrzweckgebäude Chilewies in Fisibach tummeln sich am Donnerstagabend die Dorfbewohner. Nach der ausserordentlichen Gemeindeversammlung wird die Ablehnung des Fusionsvertrags gefeiert wie in den Nachbargemeinden die Zustimmung. Im Gebäude werden die Stühle versorgt, 167 Stimmberechtigte hatten hier Platz gefunden – lediglich 31 von ihnen votierten mit «Ja». Gemeindeammann Roger Berglas schüttelt Hände und erhält Schulterklopfer. Im Namen des Gemeinderats hatte er den Fusionsvertrag zur Ablehnung empfohlen. Überrascht sei er ob des Resultats nicht, sagt er: «Mit diesem Ergebnis war zu rechnen. Ich habe das Gefühl, dass ich weiss, was die Fisibacher wollen und was nicht.» Schliesslich habe Fisibach seinerzeit als einzige Gemeinde bereits bei der Abstimmung zur vertieften Prüfung einer Fusion dagegen gestimmt und musste erst vom Gemeinderat zur Teilnahme überzeugt werden.

Ergo: Fisibach wollte von Anfang an nicht fusionieren. War der zweijährige Prozess mit Ausarbeitung des Vertrags letztlich vergebene Liebesmühe? Berglas: «Wenn wir gar nicht erst mit den Nachbargemeinden an einen Tisch gesessen wären, hätten wir wichtige Einblicke verloren. Nun wissen wir, über welche Kompetenzen wir in Zukunft verfügen müssen.»

So stimmten die 10 Gemeinden ab:

Voller Saal in Bad Zurzach: Im Bezirkshauptort sind 414 von 2291 Stimmberechtigten anwesend.
49 Bilder
In mehreren Gemeinden wird eine geheime Abstimmung verlangt, etwa in Rietheim.
Bad Zurzachs Gemeindeammann Reto S. Fuchs begrüsst die Stimmberechtigten zur Abstimmung über den Fusionsvertrag.
Bad Zurzachs Ammann Reto S. Fuchs.
Die Abstimmung in Bad Zurzach: Hände schiessen in die Höhe.
395 von 414 Anwesenden sagen Ja zu Rheintal+ – 10-Nein-Stimmen werden gezählt.
Weitere Impressionen aus Bad Zurzach.
Weitere Impressionen aus Bad Zurzach.
Weitere Impressionen aus Bad Zurzach.
Weitere Impressionen aus Bad Zurzach.
Grossauflauf auch in Rietheim: Wenige Minuten vor Beginn der Gmeind sind alle Plätze besetzt.
Der Gemeinderat von Bad Zurzach.
Projekt Rheintal+: Diese zehn Zurzibieter Gemeinden prüften die Fusion.
So sollte das Wappen für die Gemeinde "Zurzach" aussehen – weil Fisibach Nein gesagt hat, fällt wohl ein blauer Flussstreifen weg.
Das Abstimmungsprozedere zum Fusionsvertrag Rheintal+.
10 Zurzibieter Gemeinden entscheiden über den Zusammenschluss. Es folgen Bilder zu diesen Gemeinden. Hier im Bild ist Bad Zurzach, die mit Abstand grösste der zehn Gemeinden
Blick aus der Vogelperspektive auf Bad Zurzach und und das Rietheimer Feld der Nachbargemeinde Rietheim.
Bad Zurzach ist weitherum bekannt als Wellness- und Kurort. Im Bild der Turm neben dem Thermalbad Zurzach. Oben im Turm befindet sich das Panoramarestaurant.
Blick in den historischen Ortskern von Bad Zurzach. Hier sind 4328 Einwohner gemeldet.
Der Flecken, wie die Einheimischen den historischen Ortskern nennen, ist ein beliebter Ort für Märkte und Events - hier die Tavolata, die ein grosses Publikum anlockte.
Rietheim ist, vom Rhein aus gesehen, die unterste der zehn "Rheintal+"-Gemeinden. Hier leben 741 Einwohner.
Rietheim: Der Zug fährt durchs Dorf.
Das Auenschutzgebiet Chly Rhy in Rietheim – ein Naturparadies.
Auch ein touristisches Strassenschild macht Werbung für die besondere Auenlandschaft in Rietheim.
Die andere Rheintal+-Nachbargemeinde von Bad Zurzach ist Rekingen (rheinaufwärts) mit 951 Einwohnern. Hier befindet sich das Wasserkraftwerk, das 60'000 Haushalte mit Strom versorgt. Auf der deutschen Seite liegt Reckingen (mit c).
Blick vom Nurren auf Rekingen und Bad Zurzach (hinten).
Die Gemeinden am Rhein, also Rietheim, Bad Zurzach, Rekingen, Mellikon, Rümikon und Kaiserstuhl, verfügen über einen SBB-Bahnhof oder eine SBB-Bahnstation.
Von Rekingen hinauf geht es nach Böbikon.
Die Kleinstgemeinde Böbikon hat 171 Einwohner. Es ist einwohnermässig die kleinste der "Rheintal+"-Gemeinden.
Höher als Böbikon liegt Baldingen (im Bild), wo 257 Einwohner leben.
Markant: Die Kirche von Baldingen. Im Dorf wuchs übrigens der ehemalige Aargauer National- und Ständerat Jules Binder (Jahrgang 1925, CVP) auf.
In Baldingen bestehen einige landwirtschaftliche Betriebe. Der höchste Punkt der Gemeinde liegt auf 575 Metern, auf der Spornegg.
Von Rekingen dem Rhein entlang kommt man nach Mellikon (235 Einwohner).
Auch Mellikon ist eine Kleinstgemeinde, verfügt aber über eine Bahnstation und ein Industriegebiet.
Von Mellikon hinauf geht es nach Wislikofen, das zum sogenannten Studenland gehört.
Bekannteste Liegenschaft in Wislikofen (340 Einwohner) ist die Propstei.
Mellstorf ist ein Ortsteil von Wislikofen. Die beiden Ortschaften fusionierten auf den 1. Januar 1899.
Von Mellikon rheinaufwärts geht es nach Rümikon.
Rümikon gilt noch heute als Fischerdorf – hier wurden einst Lachse gefangen.
Auch Rümikon (321 Einwohner) liegt am Rhein und verfügt über eine Bahnstation.
Neben Rümikon am Rhein liegt das Städtchen Kaiserstuhl (435 Einwohner). Mit den beiden Fernsehgrössen Dietmar Schönherr und Dieter Moor hatte Kaiserstuhl einst zwei prominente Einwohner.
Kaiserstuhl ist flächenmässig die kleinste Gemeinde im Kanton Aargau. Die Schüler von Kaiserstuhl und Fisibach gehen im Kanton Zürich in Weiach und Stadel (Oberstufe) zur Schule.
Ein Hingucker: Der Stadtturm von Kaiserstuhl.
Zu Kaiserstuhl gehört der Rhein beim Grenzübergang nach Hohentengen/Deutschland (rechts). Dort steht auch das Schloss Rötteln.
Fisibach (498 Einwohner) liegt neben Kaiserstuhl, und grenzt auch an den Rhein. Es geriet schweizweit in die Schlagzeilen, weil sich Einwohner Gedanken machten über einen Kantonswechsel zum Kanton Zürich. Dieser ist allerdings vom Tisch.
Vorne landwirtschaftliche Nutzfläche, hinten das Gebäude der Ziegelei.
Fisibach verfügt – wie alle zehn "Rheintal+"-Gemeinden – über landschaftliche Qualitäten.
Weitherum bekannt: Das Baggermuseum Ebianum in Fisibach.
Im Ebianum lassen sich Events durchführen: Auch eine grosse Informationsveranstaltung zu Rheintal+ fand im Januar 2017 hier statt. Quelle Einwohnerzahlen: Statistisches Amt Aargau, Ende Juni 2018.

Voller Saal in Bad Zurzach: Im Bezirkshauptort sind 414 von 2291 Stimmberechtigten anwesend.

Chris Iseli

Berglas hatte den Anwesenden zuvor die – aus Sicht des Gemeinderats – Vor- und Nachteile einer Fusion dargelegt. Einheitliche Behörden, Bauverwaltung und Bau- und Nutzungsordnung lagen auf der Pro-Seite. Allerdings würde, gemessen am Bevölkerungsanteil in der neuen Grossgemeinde, «das Mitbestimmungsrecht von Fisibach von 100 auf 6 Prozent begrenzt». Zudem fürchten die Fisibacher, sich mit der Eingemeindung dem geliebten Zürcher Unterland zu verschliessen – gar ein Kantonswechsel stand zwischenzeitlich zur Debatte. Er plädiere aber trotz der Absage weiterhin für eine gute Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden, allerdings als eigenständige Gemeinde.

«Mit der Ablehnung des Fusionsvertrags gehen wir das Risiko ein, dass uns die anderen Gemeinden in Zukunft die kalte Schulter zeigen», ist sich Berglas bewusst. «Es wäre schade, wenn man in so einem Prozess nicht mal ‹Nein› sagen darf.» Für ihn überwiege dennoch die Hoffnung, dass man weiterhin konstruktiv mit der Region Zurzach zusammenarbeiten könne und für das «Nein» von den Rheintal+-Gemeinden nicht abgestraft werde.

Was aber, wenn die Stimmung kippen sollte und Fisibach doch noch fusionieren möchte? Es blieben zwei Möglichkeiten: Dass die Bevölkerung an der Gemeindeversammlung am 12. Juni einen Überweisungsantrag stellt oder eine Initiative einreicht. Roger Berglas: «Bei einer Ablehnung von 81 Prozent ist eine Kehrtwende aber sehr unwahrscheinlich.»