Koblenz
Vor 100 Jahren kam der Denner-Patron zur Welt: Vom kleinen Karli zum Discounter-König

Denner-Patron Karl Schweri ist der bekannteste Sohn der Grenzgemeinde am Rhein. Am Freitag wäre er 100 Jahre alt geworden.

Daniel Weissenbrunner
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Denner-Gründer Karl Schweri (1917-2001)
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Am 31. März 2017 wäre Karl Schweri 100 Jahre alt geworden. Im Bild: Am 9. August 1973 eröffnet Karl Schweri (rechts) mit volkstümlichen Klängen in Mendrisio den 100. Denner-Superdiscount.
Schweri übernahm 1951 die Denner-Ladenkette. 1967 eröffnete Schweri in Zürich den ersten Lebensmittel-Discountladen der Schweiz. Das Bild stammt von 1967.
1967 eröffnete Schweri in Zürich den ersten Lebensmittel-Discountladen der Schweiz. Das Bild stammt vom 29. Januar 1970. Denner eröffnete damals in Genf seine 50. Filiale, die erste in der Westschweiz überhaupt.
Karl (links) mit seinem Bruder Walter um 1933.
Karl Schweri kämpfte gegen Kartelle und Monopole. Dank ihm zerbrach etwa das Bierkartell. Denner-Gründer Karl Schweri, aufgenommen im September 1979.
Mit einem dichten Laden-Netz machte Schweri Denner zum führenden Discounter der Schweiz. Im Bild: Karl Schweri (rechts), Verwaltungsratspräsident der Denner AG, und Rechtsberater A. Galliker (links) informieren am 25. März 1987 an einer Pressekonferenz über ihre Usego-Tremerco-Aktienmehrheit.
Karl Schweri machte auch mit seinen Volksinitiativen Schlagzeilen. Er lancierte insgesamt zehn eidgenössische Volksinitiativen und Referenden. Im Bild: Karl Schweri am 25. März 1987 an einer Pressekonferenz in seiner Funktion als Verwaltungsratspräsident der Denner AG. Er bestätigt, dass er 52 Prozent aller Usego-Tremerco-Aktien kontrolliert.
Karl Schweri galt als scheuer Mensch und drückte sich vor öffentlichen Auftritten. Im Bild: Denner-Gründer Karl Schweri, aufgenommen 1967.
Nicolas Schweri, Sohn des Denner-Patrons Karl Schweri, war mehrere Jahre lang Vizepräsident des Denner-Verwaltungsrates. Er war eines von vier Kindern von Karl Schweri und seiner Frau Antoinette Schweri-Conrad (1923-2013). Das Bild zeigt Nicolas Schweri im Jahr 1990.
Ende 2000 übergab Schweri überraschend seinem damals 29-jährigen Enkel Philippe Gaydoul die Leitung des Denner-Konzerns. Seine Mutter Denise Gaydoul ist eines der vier Kinder von Karl Schweri. Das Bild zeigt Philippe Gaydoul in einer Dennerfiliale, aufgenommen im August 1998.
Philippe Gaydoul wurde damit auf Anfang 2001 Verwaltungsratspräsident des Denner-Konzerns.
Gayoul verkauft 2007 die Denner-Mehrheit (70 Prozent) an die Migros. Er bleibt aber bis 2009 Chef des Detailhandelsunternehmens, übernimmt aber das Präsidium des Verwaltungsrates.
Im März 2012 verlässt Gayoul den Discounter endgültig: Er tritt als Denner-Verwaltungsratspräsident zurück.
Auf eine gewisse Weise schliesst sich der Kreis mit Gaydouls Austritt bei Denner. Denn Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler (1888-1962) war das Vorbild seines Grossvaters Karl Schweri. In seinem Büro hing jahrelang ein Bild von Duttweiler.
«Der Unerbittliche», NZZ Libro Wirtschaftspublizist Karl Lüönd hat rechtzeitig zu Karl Schweris rundem Geburtstag eine Biografie veröffentlicht. Er beschreibt ihn als Visionär und Störenfried der Kartellwirtschaft. Für das Buch hat Denner erstmals die Archive geöffnet. Mehr zum Buch hier.

Denner-Gründer Karl Schweri (1917-2001)

Keystone/Str

In der Würdigung zum Tod des Schweizer Detailhandelsunternehmers Karl Schweri war der «Neuen Zürcher Zeitung» im Mai 2001 ein ärgerlicher Fehler unterlaufen. Die Richtigstellung folgte prompt: «Schweri ist nicht im deutschen Koblenz geboren, sondern entstammt einem alten Geschlecht im aargauischen Koblenz, wo seine Mutter ein kleines Einzelhandelsgeschäft betrieb», hiess es im Korrigendum. In der Grenzgemeinde reagierte man auf dieses Missgeschick überaus empfindlich. In geharnischten Leserbriefen wurde darauf hingewiesen, dass der «Karli» ein Sohn ihres Koblenz am Rhein im Aargau gewesen sei.

Morgen Freitag wäre der Denner-Patron 100 Jahre alt geworden. Wenn man sich in Koblenz umhört, schwingt hörbar Stolz mit, dass die Wurzeln des Kämpfers für faire Preise in der Zurzibieter Gemeinde liegen. Ein Denkmal hat Koblenz seinem bekanntesten Sohn bisher gleichwohl nicht errichtet. Auch einen Karl-Schweri-Weg sucht man im Grenzort bis heute vergebens. Daran dürfte sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Gemeindeschreiber Kurt Waser erklärt, dass diesbezüglich nichts in Planung sei.

Der spätere Denner-Chef wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Karl Schweris Eltern waren «gschaffige» Leute, wie der langjährige Kanton-Ressortleiter der Aargauer Zeitung, Hans-Peter Widmer, in seinem Artikel zu Schweris Tod festhielt. Der Vater führte bis 1927 – bis seine beiden Buben Karl und Walter zehn beziehungsweise sieben Jahre alt waren – eine Metzgerei und daneben einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb. Er war auch noch als Störmetzger und als Kirchensigrist beschäftigt. Das Elternhaus an der Griessenstrasse 8 und das danebenstehende Schlachthüsli mussten später einer Neuüberbauung weichen. Karl Schweris Mutter, die 1975 nach einem Verkehrsunfall ums Leben kam, wohnte in ihren letzten Lebensjahren in Miete bei Peter Gutzwiller, dem ehemaligen Koblenzer Vizeammann.

Karl Schweri mit seinem Bruder Walter 1933.

Karl Schweri mit seinem Bruder Walter 1933.

Archiv Denner AG

Aperitif für das Sängerfest des Männerchors spendiert

Karl Lüönd hat rechtzeitig zu Schweris rundem Geburtstag eine Biografie veröffentlicht («Der Unerbittliche», NZZ Libro). Der Publizist schildert den Werdegang des kleine Karli aus dem beschaulichen Zurzibiet bis hin zum unerbittlichen Kämpfer für faire Preise. Jahrzehntelang war Schweri als Störenfried in der kartellfreundlichen schweizerischen Wirtschaft unterwegs, schreibt Lüönd in seinem Vorwort.

Als 1967 die Preisbindung für Markenartikel fiel, verwandelte er seine kleine Kette von Tante-Emma-Läden in hohem Tempo in ein stolzes Geschwader von modernen Discountern. Im gleichen Jahr eröffnete er in Zürich den ersten Lebensmittel-Discounter der Schweiz und 1977 den ersten Discounter im Aargau, in Endingen.

Zurück nach Koblenz: Die Gemeindeschule bestand damals aus zwei Abteilungen: Nach der 4. Klasse wechselte der schmächtige Karli, wie sie ihn im Dorf nannten, in die Bezirksschule Leuggern. Hans-Peter Widmer liefert in seiner Hommage Anekdoten diverser Wegbegleiter Schweris. Beispielsweise von Hans Rüegge: Sein bester Jugendfreund war später Instruktor auf dem Militärflugplatz Payerne. Rüegge erinnerte sich, dass er den erschöpften Karli bei der einstigen Rheinfähre Waldshut–Koblenz, an der Stelle der jetzigen Brücke, einmal an den Haaren packte und vor dem Ertrinken rettete.

«Der Unerbittliche», NZZ Libro Wirtschaftspublizist Karl Lüönd hat rechtzeitig zu Karl Schweris rundem Geburtstag eine Biografie veröffentlicht. Er beschreibt ihn als Visionär und Störenfried der Kartellwirtschaft. Für das Buch hat Denner erstmals die Archive geöffnet. Mehr zum Buch hier.

«Der Unerbittliche», NZZ Libro Wirtschaftspublizist Karl Lüönd hat rechtzeitig zu Karl Schweris rundem Geburtstag eine Biografie veröffentlicht. Er beschreibt ihn als Visionär und Störenfried der Kartellwirtschaft. Für das Buch hat Denner erstmals die Archive geöffnet. Mehr zum Buch hier.

NZZ Libro

In Koblenz ist der Name von Schweri nach wie vor allgegenwärtig. Nur wenige haben ihn aber noch selber erlebt. Einer von ihnen ist Bruno Blum, der damalige Besitzer des Restaurants Engel. Schweri organisierte im Lokal die Feier für den 80. Geburtstag seiner Mutter. «Scheinbar hat es ihm so gut gefallen, dass er Jahre später den ‹Engel› für seinen eigenen Geburtstag buchte», sagt Blum, der mittlerweile pensioniert ist und in Döttingen lebt.

Vage Erinnerungen an Karl Schweri besitzt auch Walter Gassler, der 28 Jahre im Gemeinderat von Koblenz sass, davon 16 Jahre bis zu seinem Rücktritt 2001 als Ammann. «Er galt als eher menschenscheu und – nachdem er Koblenz verliess – als nicht mehr sehr heimatverbunden. Eine Bindung zu seinem Geburtstort habe es praktisch nicht mehr gegeben. Es gab eine Ausnahme: Schweri trat jeweils als Spender für einen Aperitif auf, wenn der Männerchor für das lokale Sängerfest Unterstützung suchte.

Auf Wikipedia noch immer ein Deutscher

Walter Gassler erinnert sich dennoch an ein für Koblenz denkwürdiges Ereignis. Kurz vor seinem Tod verkauften Karl und sein Bruder Walter der Einwohnergemeinde eine rund 10 Aren grosse Waldparzelle hinter der heutigen Turnhalle für einen symbolischen Franken. Die Brüder liessen der Gemeindeversammlung ausrichten, dass sie zur erwähnten Waldparzelle keine Beziehung mehr hätten und sich den zeitlichen und finanziellen Aufwand für die Beseitigung der damals hoch aktuellen «Lothar»-Sturmschäden sparen wollten. Für die Räumungs- und Vertragskosten genehmigten die Anwesenden einen Kredit in der Höhe von 3000 Franken, wie die Aargauer Zeitung im Juni 2000 ausführlich berichtete.

Direkte Nachfahren gibt es in Koblenz keine mehr. Die quasi letzte Schweri-Spur verliert sich 2010. Damals ging der Denner-Satellit im Ort zu. Geschäftsführerin war Esther Ernst. Sie ist heute noch stolz, Teil des Schweri-Lebenswerks gewesen zu sein. «Seine Philosophie, sich für gerechte Preise einzusetzen, hat mich stets beeindruckt.» Selber kennen gelernt hat Ernst den Denner-Patron nicht. Dafür seinen Nachfolger und Enkel Philippe Gaydoul, der auf seinen Rundgängen durch die Filialen auch in Koblenz nach dem Rechten sah.

Apropos richtiger Geburtsort: Während sich die «Neue Zürcher Zeitung» für ihren Fauxpas entschuldigte, wird Karl Schweri der Welt auf Wikipedia bis heute als deutscher Koblenzer verkauft.

Sprungbrett Baden: Zuerst Job, dann Liebe gefunden

Auch Baden war eine wichtige Station in Schweris Leben. Er absolvierte eine dreijährige Lehre beim Notar und Fürsprecher Peter Conrad II. Bei Conrad war es üblich, dass die Lehrlinge bei ihm an der Martinsbergstrasse wohnten. Dort lernte Karl Schweri nicht nur die Musik und den Gesang kennen und lieben, sondern auch seine Frau. Die jüngste Tochter Conrads, Antoinette «Toni» Conrad, hatte es Schweri angetan. Sie heirateten am 6. Juni 1942 in Baden und hatten gemeinsam vier Kinder.