Arco/Döttingen
Vierzehn Jahre früher: Auch die USA hatten ihr eigenes Beznau

Was ein stillgelegter Reaktor in der Wüste von Idaho mit dem heute dienstältesten Atomkraftwerk gemeinsam hat.

Daniel Weissenbrunner (Text/Foto)
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Auch die USA haben ihr Beznau
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Die Leitwarte: Aus der Nahsicht wirkt die Technik im Innern des Reaktors wie die Ausstattung eines alten VW-Käfers.
Das City-Office von Arco. Willkommen im weltweit ersten Ort, der mit Atomstrom versorgt worden ist
Im Nichts. Der Eingang zum INL in der Halbwüste Idahos
Ein T-Shirt mit Atom-Slogan für knapp 15 Dollar im Supermarkt in Arco.

Auch die USA haben ihr Beznau

Daniel Weissenbrunner

Arco, ein scheinbar unbedeutender Fleck Erde. Das war schon anders: Das Örtchen an der Interstate 93 schrieb vor mehr als einem halben Jahrhundert Geschichte. Den Hinweis auf das denkwürdige Ereignis liefert das Gebäude gleich gegenüber von Kathys Arbeitsplatz. Im ehemaligen Gemeindehaus steht über dem Eingang in grossen Lettern: «The First City in der World to be lit by Atomic Power».

Kathy, so steht es auf ihrem Namensschild, steht an der Kasse des Minimarkets. Sie zieht die Artikel gelangweilt durch den Scanner. Ihre Lustlosigkeit widerspiegelt die Szenerie draussen auf der Strasse. Gluthitze, 38 Grad Celsius, menschenleer, frei von Charme. Die wenigen Touristen, die sich hierher verirren, sind normalerweise auf der Durchreise zum Craters of the Moon National Monument, einer Mondlandschaft aus Lavagestein in der Halbwüste, im Niemandsland des Bundesstaats Idaho, im Nordwesten der USA.

Das Nest mit seinen knapp 1000 Einwohnern steht am Rand des Idaho National Laboratory (INL). Eine euphemistische Bezeichnung für ein Gelände, auf dem ab 1949 die ersten Atomreaktoren gebaut wurden. Arco war weltweit die erste Stadt, die ab 1955 mit Atomstrom versorgt wurde.

Vierzehn Jahre später nahm das heute dienstälteste Kernkraftwerk der Welt seinen Betrieb auf. 1969 ging Beznau 1 im Ortsteil Döttingen ans Netz. 1971 folgte der baugleiche Block 2. Seither beliefert die Anlage, wenn sie nicht wie gerade in diesen Tagen wegen Unterhaltsarbeiten ihre Produktion unterbricht (siehe Box), den Schweizer Strommarkt. Jährlich mit rund 6000 Gigawattstunden, rund dem doppelten jährlichen Bedarf der Stadt Zürich.

Bis 1963 in Betrieb

Weniger leistungsstark verlief der Start der Stromgewinnung ins kommerzielle Atomzeitalter. Am 20. Dezember 1951 leuchteten vier Glühbirnen in einem Hochsicherheitsraum auf dem Gelände des INL. Vier Glühbirnen, die elektrischen Strom in Licht umsetzten, den der Experimental Breeder Reactor I (EBR-I), der älteste Reaktor, erzeugt hatte. Der erste Atomstrom erhellte unter grossen Sicherheitsvorkehrungen die Weltgeschichte. Heute ist die Anlage, die bis 1963 in Betrieb war, für Besucher den Sommer über geöffnet. Die Empfangsdame am Eingang begrüsst die Handvoll Interessierten persönlich.
Aus der Nahsicht wirkt die Technik im Innern des Reaktors wie die Ausstattung eines alten VW-Käfers. Massig gebaut, aber nicht verrostet, altertümlich und doch zeitlos. Das Kommandopult wird mit Knöpfen und Drehrädern gesteuert, Analoganzeigen erinnern auf dem Rundgang an die grossen Tage der «Raumpatrouille Orion», Bilder aus den Tagen des Betriebs zeigen Männer in weissen Kitteln mit Zigaretten in der Hand, wichtig an grossen Tischen sitzend und scheinbar beiläufig in die Kamera blickend.

Umstrittenes Zwischenlager

Der EBR-I ist ein Steinhülle gewordenes Dokument grosser Visionen. Hier im Out of Nowhere wurde die Atomkraft zur materiellen Gewalt, hier wurde auch klar, dass ihre Nutzung schwieriger sein würde als ursprünglich gedacht. Nach anfänglicher Euphorie regte sich nach mehreren Zwischenfällen in der Bevölkerung Widerstand. Erst recht, als bekannt wurde, dass die Gegend als Zwischenlager, vergleichbar mit der Zwilag in Würenlingen, für Atommüll dient.

Vor der Tür stehen zwei nackte Reaktoren, die einst von General Electric als Zwischenstufen auf dem Weg zu einem Mini-Reaktor gedacht waren, mit dem die US-Air-Force Flugzeuge antreiben wollte. Drinnen ist es düster und warm, die beiden Kühlmittelkreisläufe sind ebenso wenig zu sehen wie das Flüssigmetall aus Natrium und Kalium, das früher darin herumschwappte. Aber die Funktionsweise ist zu verstehen: Der Kern heizte das Wasser, ein Wärmetauscher fing es ein, eine Turbine trieb dann einen Generator an.

Radioaktiv ist im Inneren nichts mehr, jedenfalls nicht mehr als im 300 Kilometer entfernten Yellowstone-Nationalpark. Abgerissen werden soll der Reaktor nicht. Er steht seit 1966 als National Historic Landmark. Eine Ehre, die Beznau nach seiner Abschaltung ebenfalls zu Teil werden könnte.