Geschichte
«Vielleicht der schönste Ort im Kanton Aargau»

Soeben erschienen: Die Chronik der Gemeinde mit Geschichten und Lebenslinien.

Rosmarie Mehlin
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«Vielleicht der schönste Ort im Kanton Aargau»

«Vielleicht der schönste Ort im Kanton Aargau»

«Die Weltgeschichte hat einen Bogen um Baldingen gemacht» – so stehts geschrieben in der soeben erschienenen Dorfchronik von Baldingen, mit knapp 290 Einwohnern einer der kleinsten Orte im Aargau. Aber was ist schon die Weltgeschichte gegen Geschichten von Menschen aus unserer nahen Umgebung, die uns berühren und die uns das Leben mit seinen Entwicklungen, Fortschritten, Rückschlägen so schildern, dass wir es nachvollziehen können. Erstmals wird das Dorf 1275 in einem Besitzverzeichnis des Klosters Rheinau erwähnt.

Das Staunen bei der Lektüre des Buches beginnt mit Johannes Heinrich Meyer und der Tatsache, dass der 1755 geborene bedeutende Zürcher Landschaftsmaler und Kupferstecher die ältesten Abbildungen von Baldingen hinterliess.

Authentische Schilderungen

Der Historiker und Verfasser Fabian Furter (siehe Separattext) zeichnet auf insgesamt 176 Seiten und auf abwechslungsreich verschlungenen Pfaden auf, was Baldingen und seine Bewohner vom Mittelalter bis heute geprägt hat. Grosse politische Ereignisse und leichtfüssige Anekdoten gehen Hand in Hand. Dazwischen reizvoll eingefügt: «Lebenslinien» – authentische Schilderungen von sechs bekannten und weniger bekannten Baldingerinnen und Baldingern. Unter anderem erzählt alt National- und Ständerat Julius Binder aus seiner Kindheit im Dorf und von seinem politischen Werdegang. Gerhard Meyer (Jahrgang 1936) berichtet, wie ihn der Krieg geprägt und die Sehnsucht nach Afrika getrieben hatte. Und die Wirtin Martha Brusa klärt auf, wie es war damals, als zwei Artikel im «Blick» 1968 die «Rose» zum Nabel der helvetischen Beizenwelt erklärten und sie legendär werden liessen. Baldingen hat also doch zumindest Schweizer Geschichte geschrieben.

Man liest über das 17. Jahrhundert, als im Oberdorf ein «Schlössli» errichtet worden war. Über jene Zeit, als es noch Vögte, Leibeigene, Lehnsherren, Frondienst gab, berichtet die Chronik ebenso anschaulich, wie über die schrittweise Einführung demokratischer Strukturen im Dorf. Die Armut und die Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert sind ebenso eindrücklich thematisiert wie die Anfänge des Schulwesens.

Kühne Prognosen

Ein grosses und attraktiv illustriertes Kapitel ist dem Kampf um eine selbstständige katholische Pfarrei sowie der darauffolgenden Planung und dem Bau von Kirche und Pfarrhaus gewidmet. Kaum weniger interessant sind die Ausführungen über das Schul- und das Vereinswesen sowie ganz besonders jene über die steinigen Wege, welche die Wasserversorgung, die Elektrifizierung und schliesslich der Einzug des Telefons ins kleine Dorf nehmen mussten.

Dass der amerikanische Bomber, der an Weihnachten 1944 in Würenlingen abstürzte, auf der Baldinger Spornegg abgeschossen worden war, liest sich wie ein Krimi. Demgegenüber lässt einen das Kapitel über die Wahrheit hinter dem «Baldinger Doppelmord» ebenso schmunzeln wie die Wachstumsprognosen aus dem Jahre 1965, die im Jahre 2000 «eine Hotelstadt Rietheimerberg und ein Ferienhauszentrum Achenberg, verbunden durch Schwebebahnen mit dem Kurzentrum Zurzach» voraussagten sowie für Baldingen 3500 Einwohner, zu einem Zeitpunkt, als «gerade mal 190 Menschen im Dorf lebten und Baldingen weder asphaltierte Strassen noch eine Beleuchtung derselben hatte».

Bewegender Film

Eingeklebt in den hinteren Buchdeckel ist eine DVD. Darauf findet sich nebst zahlreichen Fotos ein rund 40-minütiger Film. Julius Binder berichtet darin; ebenso die über 80-jährige Bäuerin Berta Laube und der 79-jährige Bauer Josef Binder. Diese zwei spazieren erzählend und sich erinnernd durchs Dorf, bleiben hier seufzend, dort schmunzelnd stehen. Auch dieses bewegte Dokument ist ein richtiges Bijou – genauso wie die geschriebene Chronik über den wie es im Buch heisst «vielleicht schönsten Ort im Kanton Aargau».