Rietheim
Umsiedeln einmal anders: Muscheln bekommen ein neues Zuhause

Primarschüler graben im Schlamm des «Chly Rhy» nach Muscheln, um sie umzusiedeln. Dabei konnten sie auch einiges über die Lebensweise von Muscheln lernen.

Nadja Rohner
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Muscheln bekommen ein neues Zuhause.
28 Bilder
Iiih, das stinkt - zögerlich stecken die ersten Schüler ihre Hände in den Schlamm
So eine Muschel ist erstaunlich gross
Schmutzige Gesicher überall
Schlammmasken scheinen wirklich Freude zu bereiten
Projektleiter Erik Olbrecht erklärt den Kindern, was in der Aue passiert
Ob diese Schuhe je wieder sauber werden
Pflotschnass, aber zufrieden
Muschelsuchen macht durstig - gut, hilft der Lehrer, damit man die Flasche nicht mit dreckigen Händen anfassen muss
Muschelexperte Heinrich Vincentini zeigt den Primarschülern, wo er ein paar Stunden zuvor schon Muscheln ausgesetzt hat
Muschelsuchen ist eine schmutzige Sache
Mittendrin statt nur dabei - die Schüler suchen fleissig nach Muscheln
In den Schlamm geplumpst und trotzdem fröhlich
Muschelexperte Heinrich Vincentini erklärt den Schülern, wie eine Muschel aufgebaut ist
Im Gegensatz zu den Mädchen schauen die Jungs noch etwas skeptisch auf den Schlammhaufen
Im Innern dieser leeren Muschel kann man gut die Perlmutt-Schicht erkennen
Die Muscheln werden an ihrem neuen Zuhause wieder ausgesetzt
Ein menschlicher Stiefelknecht kann ganz nützlich sein
Ein Schüler betrachtet seinen Fund
Der Spass darf nicht zu kurz kommen
Der Gummistiefel blieb im Schlamm stecken
Der Schlammhaufen wurde aus dem Chly-Rhy-Altarm gebaggern
Der Dreck sitzt fest zwischen den Fingern
Der Baggerführer beobachtet das schmutzige Treiben amüsiert von der Führerkabine aus
Da hilft nur noch ein zünftiger Sprutz Wasser
Auch hier - eine prächtige Schlammaske
Auch die Brille hat Schlamm abbekommen
Auch diese Schülerin hat einen kleinen Fund gemacht

Muscheln bekommen ein neues Zuhause.

Nadja Rohner

Am Montagabend dürfte es im Stromnetz von Rietheim eine ungewöhnlich grosse Stromspitze gegeben haben. Dann nämlich, wenn alle Eltern der Fünft- und Sechstklässler ihre Waschmaschinen anschalteten – Programmwahl: «Intensiv».

Schliesslich galt es, die schlammverkrusteten Kleider ihrer Kinder wieder sauber zu kriegen. Denn: Der Nachwuchs hatte den Nachmittag auf der Baustelle des Auenparks verbracht und sich dabei richtig, richtig dreckig gemacht.

Muscheln werden umgesiedelt

Dabei ging es eigentlich um eine Rettungsaktion: Die Schüler sollten nämlich Muscheln sammeln, die sich im Alt-Arm des «Chly Rhy» befinden. Dieser wird nach der Renaturierung wieder teilweise durchströmt werden – und das behagt den Muscheln nicht. Auf einem Abschnitt von hundert Metern mussten sie deshalb evakuiert und in ein neues Zuhause gebracht werden.

Zuvor hatten die Schüler im Fach Realien das Thema «Aue als Lebensraum» behandelt. Zudem durften sie Fragen vorbereiten, die vom Muschel-Experten Heinrich Vincentini vor Ort am «Chly Rhy» beantwortet wurden. Zum Beispiel: «Schlafen Muscheln?» – «Nicht wirklich. Aber wenn es kalt ist, wird ihr Herzschlag langsamer, sie fahren ihren Organismus auf ein Minimum herunter», erklärte Vincentini.

Die Kinder erfuhren auch, dass es männliche und weibliche Muscheln gibt: Die männlichen geben Samenzellen ins Wasser ab. Diese gelangen auf diesem Weg in die weibliche Muschel und befruchten dort deren Eizellen – was beim Menschen kaum funktioniert, ist bei Muscheln normal.

Die weibliche Muschel sondert später kleine Muschellarven ab, die sich in den Kiemen der Fische einnisten. Dank der Fische als «Taxi» können sich die Larven rasch fortbewegen und verbreiten.

Aber nicht nur die Muscheln sind auf Fische angewiesen: Eine ganz besondere Fischart, der Bitterling, legt seine eigenen Eier in Muscheln ab – ohne Muscheln gäbe es also keinen Bitterling, und umgekehrt. Nicht zuletzt deshalb sollten die Kinder die Muscheln aus dem alten «Chly Rhy»-Schlamm fischen, um sie an einem sicheren Ort im Auengebiet wieder auszusetzen.

Zwei, drei Baggerschaufeln voll Schlamm wurden dazu auf die Wiese neben dem Altarm gebaggert. «Iih, das stinkt», sagte jemand. Neugierig scharten sich die Kinder um den braunen Haufen. Die ersten steckten probeweise ein paar Finger hinein, dann den Unterarm – und bald gab es kein Halten mehr.

Immer mehr dunkelbraune Flecken bedeckten weisse Leggings und hellgrüne Turnschuhe, die mitgebrachten Gummihandschuhe erwiesen sich in der Schlammschlacht als unzureichend. «Ich hans i de Ohre!» – «Ich i de Hoor!» – «Wääh, und ich hans im Muul!»

Während sich die Mädchen den Schlamm sofort ins Gesicht schmierten, zierten sich die Jungs noch etwas. Aber bald steckten auch sie mindestens kniehoch im Sumpf, und so mancher zog den Fuss ohne Gummistiefel wieder heraus. Dabei fiel es kaum ins Gewicht, dass nicht viele Muscheln gefunden wurden.

Die Kinder trugen die paar ausgegrabenen Exemplare anschliessend zu einem neuen Tümpel direkt am Rheinufer, wo sie wieder ausgesetzt wurden. «Das dürft ihr aber nicht mit Muscheln oder anderen Tieren machen, die ihr in der Tierhandlung kauft – die gehören hier nicht hin», mahnte Erik Olbrecht, «Chly Rhy»-Projektleiter beim kantonalen Baudepartement.

Und er gab den vor Schmutz starrenden, aber glücklichen Kindern eine Botschaft an die Eltern mit nach Hause: «Sie sollten die Kleider heute noch waschen – sonst gehen die Flecken nie mehr raus.»