Facebook-Aufruf
Suche nach Eltern: «Mit so vielen Reaktionen habe ich wirklich nicht gerechnet»

Der 19-jährige Marco Hauenstein startete letzte Woche einen Facebook-Aufruf, um seine Eltern und weitere Verwandte zu finden. Nun erzählt er, wie es dazu kam.

Philipp Zimmermann
Drucken
Teilen
Marco Julius Schelling.

Marco Julius Schelling.

Instagam/official_marco_schelling

Jahrelang suchte Marco Hauenstein vergeblich: Auf eigene Faust hatte er es versucht, Gemeinden angeschrieben, die Polizei kontaktiert. Doch was aus seiner Mutter geworden ist, wer sein Vater ist und wo seine Verwandten leben, das blieb für ihn im Dunkeln. Nach Weihnachten hatten zwei Freunde die Idee, die sein Leben ändern wird.

Am 6. Januar startete der 19-Jährige per Facebook einen Suchaufruf: "Ich heisse Marco Hauenstein, bin am 17.06.1997 in der Region Aargau/ Zürich geboren. (...) Ich suche meine leiblichen Eltern / Grosseltern! (...) Ich bitte darum, teilt diesen Beitrag, denn ich möchte nun endlich wissen, woher ich komme und ich habe Sehnsucht nach einer Familie."

Das Echo war gewaltig: Bis Donnerstag, 15 Uhr, wurde sein Posting rund 5700 Mal geteilt und 450 Mal kommentiert. Das bedeutet, dass ihn auf Facebook Zehntausende gesehen haben dürften. "Mit so vielen Reaktionen habe ich wirklich nicht gerechnet", erzählt er dem "Tages-Anzeiger". Mit seinen Freunden bewältigt er nun all die Hinweise, die er erhalten hat. «Wir haben zu Hause systematisch alle ­Hinweise aufgeschrieben und schauen nun, wie wir ihnen nachgehen können.»

Ein altes Foto von der Mutter

Von seinem Vater weiss Marco Hauenstein nichts. Von seiner Mutter hat er ein Schwarz-Weiss-Bild, das Ende der 90er-Jahre gemacht wurde und das er seinem Hilfeschrei auf Facebook anfügte. Gina Barbara Hauenstein (Jahrgang 1970) war drogensüchtig. Am 19. Februar 2000 wurde sie in Kleindöttingen als vermisst gemeldet.

Als Kleinkind machte Marco Hauenstein einen mehrmonatigen Entzug durch. Er wuchs bei zwei anderen Familien auf. Auf Facebook und Instagram nennt er sich nach wie vor Marco Julius Schelling. In seinem Pass stand dagegen schon immer der Nachname Hauenstein. Seine Pflegeeltern klärten ihn schon früh auf, dass er nicht ihr leiblicher Sohn ist. Das habe ihn anfangs nicht gestört. "Ich hatte ja eine Familie." Doch je älter er wurde, desto stärker wurde der Drang, mehr über seine Mutter wissen zu wollen. Als er 16 war, kam es zum Bruch mit der Pflegefamilie und er zog aus. Der Sohn der Familie ist nichtsdestotrotz heute seine engste Bezugsperson.

Sehr glücklich und überrumpelt

Mittlerweile hat Marco Hauenstein den Kontakt zu einer Halbschwester seiner Mutter knüpfen können. Dank einer Nachbarin, welche seine Tante auf den Facebook-Aufruf hinwies. Ein folgendes Telefonat mit ihr war das erste Gespräch mit einer leiblichen Verwandten überhaupt. "Es war sehr emotional, wir haben beide geweint", sagt Hauenstein dem "Tages-Anzeiger". Sehr glücklich, aber auch überrumpelt, nach fast 17 Jahren wieder von ihm zu hören, sei seine Tante gewesen. Nächste Woche wollen sie sich treffen.

Als seine Mutter vor 17 Jahren verschwand, publizierte die Kantonspolizei eine Vermisstmeldung, fahndete nach ihr – ohne Erfolg. "Die Frau ist bei uns nach wie vor als Langzeitvermisste registriert", sagte Mediensprecher Bernhard Graser der az. "Wir wissen nicht, was mit ihr ist." Heute gehört sie zur kleinen Gruppe der Langzeitvermissten im Kanton Aargau. Es ist völlig unklar, ob ihr damals etwas zugestossen oder ob sie womöglich untergetaucht ist.

In diesem Vermisstenfall habe sich seit Jahren nichts mehr getan. Es habe in der Vergangenheit mehrmals Überprüfungen gegeben, etwa bei Leichenfunden im Ausland. "Diese ergaben aber nie eine Übereinstimmung", hält der Kapo-Sprecher fest. Den Suchaufruf hat die Kantonspolizei auf ihrer Webseite entfernt. Bei Langzeitvermissten komme der Zeitpunkt, wo man sich für ein Entfernen entscheide. "Die gesuchte Frau würde heute komplett anders aussehen. Das Mittel der Öffentlichkeitsfahndung über unsere Homepage macht da keinen Sinn mehr", sagt Graser.