Schulstandorte
Streit um Bezirksschule: Oberstufe Aaretal verwendet irreführende Schulweg-Zahlen

Wie schnell die Jugendlichen die Bezirkschule mit dem öffentlichen Verkehr erreichen können, ist für die Verantwortlichen des geplanten Gemeindeverbands Oberstufe Aaretal ein wichtiger Punkt für ihren Vorschlag. Doch ihre Angaben werfen Fragen auf.

Philipp Zimmermann
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Die öV-Zahlen der Oberstufe Aaretal halten einer genauen Prüfung nicht stand.

Die öV-Zahlen der Oberstufe Aaretal halten einer genauen Prüfung nicht stand.

HO/AZ

Im Unteren Aaretal gehen die Ansichten über die zukünftigen Standorte der Oberstufe auseinander: Die Verantwortlichen des geplanten Gemeindeverbands Oberstufe Aaretal (OSA) wollen die Bezirksschüler von neun Gemeinden, die bisher in Klingnau und Leuggern unterrichtet werden, neu nach Kleindöttingen schicken, die Sekundar- und Realschüler sollen neu in Leuggern statt Kleindöttingen und Leibststadt und wie bisher Klingnau unterrichtet werden. Darüber stimmen in den nächsten Wochen acht Gemeindeversammlungen ab. Koblenz hat den Entscheid auf Eis gelegt.

Deutliche kritische Stimmen aus der Bevölkerung sind nebst Koblenz auch aus Klingnau, Döttingen und Full-Reuenthal zu hören. Sie befürworten den Vorschlag der Oberstufe Unteres Aaretal (OSUA), die als Alternative vorsieht, die Bez in Klingnau zusammenzulegen und die Sereal an den Standorten in Klingnau und Kleindöttingen weiterzuführen. Die OSUA will vor allem aus Qualitätsgründen, und weil der Kanton diese Richtung vorgebe, die Schule unter einem Dach mit allen drei Typen Bez, Sek und Real in Klingnau erhalten.

Fast alles im «grünen Bereich»

Ein zentrales Argument der OSA-Verantwortlichen für Kleindöttingen als Bez-Standort ist die Erreichbarkeit. Das wurde schon im Mai 2016 deutlich, als die damals noch neun Gemeinderäte ihre Pläne für die OSA bekanntgaben und für einen Paukenschlag sorgten. In einem Interview mit der Lokalzeitung «Die Botschaft» sprach Patrick Gosteli damals denn auch von der «zentralsten Lösung mit den klar kürzesten Schulweg-Distanzen».

An den drei OSA-Infoveranstaltungen im Oktober präsentierte der Döttinger Gemeinderat Peter Schödler eine Tabelle zur Erreichbarkeit der drei Schulstandorte mit dem öffentlichen Verkehr von den neun Gemeinden aus. Dabei stach ins Auge, dass alle Verbindungen mit zwei Ausnahmen im «grünen Bereich» (maximal 20 Minuten) liegen. Es handelt sich um Mandach-Klingnau (über 30 Minuten) und Schwaderloch-Klingnau (20-30 Minuten).

Diese Angaben lassen sich im Online-SBB-Fahrplan auf den ersten Blick bestätigen. Von Mandach nach Klingnau benötigt man sage und schreibe 39 Minuten. Das ist eine Minute länger, als man von Klingnau zum Hauptbahnhof Zürich per Zugfahrt braucht. Wie ist das möglich?

Der Klick auf die Fahrplan-Detailansicht bringt Klärung: Die Bus-Fahrt von Mandach zum Bahnhof Döttingen dauert nur 16 Minuten. Der Fahrplan sieht nun aber eine Wartezeit von 22 Minuten vor, ehe der Zug nach Klingnau fährt und dort eine Minute später hält.

Nun ist es vom Bahnhof Döttingen nur 300 Meter weiter zur Klingnauer Bez als von der dortigen Bahnstation. Von Mandach aus ist die Bez per Bus und kurzem Fussweg demnach in rund 20 Minuten erreichbar, also ähnlich schnell wie die Schule in Leibstadt (21 Minuten). Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: In den letzten Jahren haben nämlich mehrere Mandacher Jugendliche die Oberstufe in Leibstadt besucht. Aktuell ist es einer. Von Schwaderloch dauert die Fahrt zum Bahnhof Döttingen maximal 22 Minuten. Je nach Verbindung und Tageszeit dauert auch die Fahrt von Full nach Kleindöttingen 18 bis 22 Minuten. Dies allerdings weist die OSA-Matrix nicht aus.

Auf die Matrix angesprochen, sagt Peter Schödler: «Ich gehe natürlich davon aus, dass ein Schüler aus Mandach nur zum Bahnhof Döttingen fährt und dann zur Oberstufe nach Klingnau zu Fuss gehen würde.» Auf die irreführenden Angaben angesprochen, sagt er, dass er die Zahlen nicht selbst erhoben, aber darauf vertraut habe, dass diese richtig seien. Kleindöttingen sei dennoch die zentralste Lösung. Schödler vermutet, dass die Matrix vom Klingnauer Gemeinderat Felix Lang stammt. Dieser zeigte sich an der Infoveranstaltung des Klingnauer Gemeinderats zur nächsten Gmeind überrascht über die irreführenden Angaben. Er habe sie nicht erstellt, sagte er und vermutete, sie stammten vom Kanton.

Schulhaus Rain in Kleindöttingen. Die Verantwortlichen des geplanten Gemeindeverbands Oberstufe Aaretal (OSA) wollen Kleindöttingen zum neuen Bezirksschulort machen. Er soll die Bezirksschulen Klingnau und Leuggern ablösen. Zurzeit werden hier 128 Sek- und Realschüler (Sek: 53, Real: 75) unterrichtet. Im OSA-Verband wären es 199 Bezschüler (Zahlen vom Schuljahr 2016/17).
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Das Schulhaus Schützenmatt in Klingnau Hier werden zurzeit Jugendliche in der Bezirksschule (5 Klassen), aber auch aus Sek und Real unter einem Dach unterrichtet. Weitere Sek- und Realschüler werden in einem zweiten Schulhaus unterrichtet. Geführt wird die Schule von der Oberstufe Unteres Aaretal (OSUA), die sich gegen die OSA-Pläne stemmt. Diese sieht vor, dass die Bezirksschule verschwindet. Im Schuljahr 2016/17 wurden hier 261 Schüler unterrichtet (Bez: 98, Sek: 85, Real: 78).
Die Bezirksschule Leuggern Sie wird geführt vom Gemeindeverband Kreisbezirksschule Leuggern. Die Gemeinden Leuggern, Böttstein, Leibstadt, Mandach, Schwaderloch und Full-Reuenthal haben die Schule gemeinsam im Baurecht erstellt.
Oberstufe in Leibstadt Wegen zu geringer Schülerzahlen wird die Oberstufe in Leibstadt ab 2022/23 schliessen müssen. Zurzeit werden hier noch drei Sek-Klassen mit insgesamt 60 Schülerinnen und Schülern unterrichtet (2016/17).

Schulhaus Rain in Kleindöttingen. Die Verantwortlichen des geplanten Gemeindeverbands Oberstufe Aaretal (OSA) wollen Kleindöttingen zum neuen Bezirksschulort machen. Er soll die Bezirksschulen Klingnau und Leuggern ablösen. Zurzeit werden hier 128 Sek- und Realschüler (Sek: 53, Real: 75) unterrichtet. Im OSA-Verband wären es 199 Bezschüler (Zahlen vom Schuljahr 2016/17).

Alex Spichale

Kanton stellt Sachverhalt klar

Auf Anfrage sagt Patrick Gosteli, Ammann von Böttstein und Präsident der OSA-Steuergruppe, dass die Matrix von Jürg Bitterli vom kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt stamme. Dieser bestätigt das: «Ich hatte für eine Sitzung der Regionalplanung Zurzibiet im August 2015 den Auftrag, die öV-Zeiten von den Abfahrts- zu Zielorten zusammenzutragen.» Wobei er eine Matrix zum ganzen Bezirk erstellt habe. An dieser Sitzung nahmen Vertreter aller Oberstufen teil. Anwesend war auch Patrick Gosteli.

Bitterli selbst bestätigt die irreführenden Angaben, indem er sagt: «Dies sind ‹reine› Verbindungen von öV-Haltepunkt zu öV-Haltepunkt.» Das habe er an jener Sitzung klar ausgewiesen. Dass die Oberstufe Klingnau vom Bahnhof Döttingen nur wenige hundert Meter weiter entfernt liege als von der Bahnstation Klingnau, sei nicht berücksichtigt. Bitterli unterstreicht: «Das heisst, dass in der Regel kaum jemand 22 Minuten am Bahnhof Döttingen auf den Zug Richtung Klingnau wartet, nur um kaum 300 Meter Gehdistanz einzusparen. Dies müsste man bei der Interpretation der Matrix erwähnen.» Für die Auswahl des «grünen» Bereichs von 20 Minuten gab es keinen speziellen Grund. Man hätte diesen also auch anders wählen können.

Damit stellt sich also die Frage, wieso die OSA-Steuergruppe diese Matrix nicht angepasst hat? Patrick Gosteli gibt, darauf befragt, nur eine ausweichende Antwort: «Die Arbeitsgruppe hat die Matrix des Kantons mit den Zielorten der öV-Verbindungen übernommen.»