Lengnau
Steuerdebatte vor der Gmeind: «Das können wir uns nicht leisten»

Der Gemeinderat von Lengnau will trotz Ertragsüberschuss den Steuerfuss für 2016 anheben. Silvia Huber, CEO von Domaco, des grössten Arbeitgebers im Dorf, ist dagegen. Mit ihrer Kritik befeuert sie die Gemeindeversammlung vom Freitagabend.

Daniel Weissenbrunner
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Silvia Huber auf der Terrasse des Firmensitzes in Lengnau: «Im Zurzibiet wird viel Geld in das Standortmarketing investiert. Pro Einwohner sind es 5 Franken, die in einem Topf landen.»Mario Heller

Silvia Huber auf der Terrasse des Firmensitzes in Lengnau: «Im Zurzibiet wird viel Geld in das Standortmarketing investiert. Pro Einwohner sind es 5 Franken, die in einem Topf landen.»Mario Heller

Mario Heller

Die Gemeinde Lengnau steht auf einem soliden Fundament. Trotzdem soll der Steuerfuss angehoben werden. Die Gründe für diesen Schritt wird der Gemeinderat heute an der Gemeindeversammlung erläutern. Silvia Huber, Geschäftsführerin der Firma Domaco, prangert diese Strategie öffentlich an.

Frau Huber, mit Ihrem Leserbrief im Badener Tagblatt gegen die angekündigte Steuererhöhung in Lengnau haben Sie Dampf abgelassen und für
Aufsehen gesorgt.

Silvia Huber: Ich habe nicht Dampf abgelassen, sondern meine Besorgnis und meine Meinung ausgedrückt.

Hat der Gemeinderat auf den Leserbrief reagiert?

Nein, bis jetzt nicht. Ich nehme an, das wird er heute an der Gemeindeversammlung nachholen (lacht).

Weshalb haben Sie mit Ihrer Meinung nicht bis zur Versammlung gewartet?

Ich hielt es für angebracht, im Voraus Stellung zu beziehen und die Bevölkerung von Lengnau zu informieren.

Damit fallen Sie dem Gemeinderat in den Rücken.

Das glaube ich nicht. Wir haben sonst immer ein gutes Einvernehmen. In diesem Fall wurden wir als Industrie- und Gewerbevertreter über die geplante Steuererhöhung aber nicht informiert. Es hat keine Kommunikation über die Situation zu den Finanzen stattgefunden.

Das stört Sie?

Ja, es hat bisher regelmässig Aussprachen gegeben. Wie sich die Gemeinde entwickelt, was abläuft, usw. Ich denke, wenn die Kommunikation auf einmal abbricht, ist das bedauerlich.

Zur Person: Silvia Huber Seit 1993 führt Silvia Huber (60) das Familienunternehmen in Lengnau. Die Firma Domaco Dr. med. Aufdermaur AG ist Hersteller von pharmazeutischen Produkten gegen Husten und Heiserkeit sowie Nahrungsergänzungsmitteln mit Vitaminen und Mineralstoffen. Zusätzlich werden in Lengnau diverse Genussprodukte wie Tiki Brause zum Lutschen und Traubenzuckertabletten produziert. Mit 180 Mitarbeitenden ist die Firma einer der grössten Arbeitgeber der Region. Silvia Huber ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie wohnt in Lengnau.

Zur Person: Silvia Huber Seit 1993 führt Silvia Huber (60) das Familienunternehmen in Lengnau. Die Firma Domaco Dr. med. Aufdermaur AG ist Hersteller von pharmazeutischen Produkten gegen Husten und Heiserkeit sowie Nahrungsergänzungsmitteln mit Vitaminen und Mineralstoffen. Zusätzlich werden in Lengnau diverse Genussprodukte wie Tiki Brause zum Lutschen und Traubenzuckertabletten produziert. Mit 180 Mitarbeitenden ist die Firma einer der grössten Arbeitgeber der Region. Silvia Huber ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Sie wohnt in Lengnau.

Mario Heller

Es geht um eine Steuererhöhung von nur zwei Prozent. Das ist moderat.

Es geht nicht um die zwei Prozent. Es geht um das Signal, das ausgesendet wird. Es ist völlig falsch. Wir kommen aus einer Phase, in der wir gute Steuereinnahmen hatten. Diese Einnahmen werden voraussichtlich in den kommenden Jahren nun schwächer werden. Ich frage mich: Wie kann man eine Erhöhung jetzt vornehmen, wenn die Einnahmen noch nicht am Sinken sind? Was ist das für eine Strategie?

Macht der Gemeinderat einen guten Job?

Verstehen Sie mich richtig: Ich will den Gemeinderat nicht kritisieren.

Sondern?

Auf eine Fehlentwicklung hinweisen. Wir müssen uns als Lengnau und Zurzibiet stärken und nicht schwächen.

Sie sind in der FDP. Der Gemeinderat ist bürgerlich. Ist das eine bürgerliche Politik?

Wir haben einen Gemeinderat, der eher bürgerlich ist. Eigentlich erstaunen mich dieses Vorgehen und der vorliegende Finanzplan. Auf der anderen Seite ist auf Gemeindeebene die Parteizugehörigkeit nicht derart wichtig. Er muss seine Aufgabe als ganzes Gremium erfüllen. Da, habe ich das Gefühl, hat man nicht berücksichtigt, welche Veränderungen noch auf uns zukommen und welche Erwartungen die Gemeindeeinwohner haben.

Was kommt auf uns zu?

Es ist elementar, dass wir wettbewerbs- und innovationsfähig bleiben. In der Gemeinde, im Bezirk und natürlich im Gewerbe. Wenn wir das nicht begreifen, müssen wir uns in Zukunft mit einer anderen und unangenehmeren Realität auseinandersetzen.

Welche Realität?

Ganz einfach, es wird uns nicht mehr so gut gehen. Aufgrund der Steuersatzeinteilung belegt der Bezirk Zurzach künftig den letzten Rang im Kanton. Arbeitsplätze werden verloren gehen und der gewünschte Aufschwung des Zurzibiets wird für viele Jahre verhindert. Es geht darum, dass wir fit bleiben für alle Einwohner und deren ortsnahe Arbeitsplätze im Zurzibiet festigen können – und dies alles im Fokus des europäischen Umfeldes.

Bleiben wir beim Gemeinderat. Sie kritisieren, dass er eine Steuererhöhung auf Vorrat vornehmen will.

Es ist ein positiver Abschluss 2016 budgetiert. Selbst wenn die Steuererhöhung nicht beschlossen würde, bleibt das Resultat positiv. Zumal auf Kantonsebene die Steuern künftig neu aufgemischt werden. Die Situation, die mit dem neuen Finanzausgleich entsteht, wird einfach ausgeblendet.

Sie plädieren für keine Steuererhöhung und für ein Sparprogramm.

Absolut, wie es im Übrigen in der Wirtschaft längst praktiziert wird. Dass man die Löhne von 1,4 Prozent anheben möchte, finde ich in der jetzigen Lage, gelinde gesagt, sehr mutig. Ob sich das Lengnau leisten kann, bleibt die grosse Frage. Leider werden die Folgen für solche Entscheidungen erst in der Zukunft spürbar. Grosse Gemeinden haben die Signale erkannt und haben trotz tiefem Steuerfuss zuerst die Kosten und den Nutzen für die Bevölkerung als Ziel formuliert.

Gibt es in Ihrem Unternehmen keine Lohnerhöhungen?

Das kann ich momentan noch nicht beantworten. Die nächste Runde findet per 1. April statt.

Der Sozialausbau ist Ihnen ebenfalls ein Dorn im Auge?

Das stimmt so nicht. Wir müssen uns einfach fragen, was wir uns leisten können und ob der Nutzen heute und in Zukunft spürbar ist. Man sollte die Fähigkeit einer Verzichtstrategie haben und nicht nur eine Ausgabenstrategie. Diesen Weg der Bescheidenheit und der Frage, welchen Nutzen die Allgemeinheit hat, befürchte ich, verlässt Lengnau.

Lengnau hat in seinem Leitbild definiert, welche Leistungen man erfüllen will. Geschieht das?

In vielen Punkten sind wir auf einem guten Weg, vor allem dort, wo es um Mehrleistungen geht. Bei den Steuern sieht es anders aus. Dort hat man festgelegt, dass es keine Erhöhungen geben soll. Leider verliert das Leitbild an Glaubwürdigkeit und ist gerät aus der Balance.

Wie auch das Standortmarketing.

In der Tat. Im Zurzibiet wird dafür viel Geld investiert. Zur Erinnerung: Es sind 5 Franken pro Einwohner, die in einem Topf landen. Weil wir wissen, dass das Zurzibiet als Ganzes schwächelt. Und jetzt kommen wir und wollen die Steuern erhöhen. Eine dringende Notwendigkeit sieht anders aus.

Wir attraktiv bleibt Lengnau vor diesem Hintergrund für Ihr Unternehmen?

Für die Firma hätte eine Steuererhöhung keine grossen Auswirkungen. Für mögliche Zuzüger hingegen schon. Ausserdem sollte jedem Einwohner von Lengnau bewusst sein, dass er sein Einkommen, das in letzter Zeit auch nicht gewachsen ist, hier versteuern muss.

Dieser Ausriss stammt aus dem Leserbrief vom 20. November 2015. Silvia Huber hat ihn an das Badener Tagblatt gesandt.

Dieser Ausriss stammt aus dem Leserbrief vom 20. November 2015. Silvia Huber hat ihn an das Badener Tagblatt gesandt.

AZ

Wir stark leidet Ihre Firma unter der Aufhebung des Euro-Mindestkurses?

Massiv, wir haben über all die Jahre versucht, den Rückschlag des Euros von damals Fr. 1.50 auf Fr. 1.20 zu verkraften. Seit 2011 hatten wir diesen Januar erstmals das Gefühl, dass wir uns auf einer guten Flughöhe befinden. Nicht auf einer guten Ertragslage, aber dass wir wieder investieren können. Dann kam der 15. Januar. Das war ein Schlag ins Genick.

Mussten Sie Angestellte entlassen?

Im ersten halben Jahr haben wir unseren Mitarbeiterbestand reduziert, ja. Wir haben versucht, den Schock so gut als möglich abzufangen. Aber ohne Abbau ging es leider nicht. Zum Glück sieht das zweite Halbjahr erfreulicher aus. Wir haben uns aufgerappelt. Dennoch werden wir Ende Jahr weniger in der Kasse haben als ursprünglich budgetiert.

Wie viele Leute haben ihre Stelle verloren?

Durch Abgänge und Pensenreduktionen sind 450 Stellenprozent reduziert worden. Wir sind aktuell bei einem Stand von ungefähr 180 Mitarbeitern.

Wie kann sich die Wirtschaft im Zurzibiet in diesem unsicheren Umfeld entwickeln?

Sehr schwierig. Die Anforderungen werden in den kommenden Jahren massiv zunehmen. Der Freiraum wird immer kleiner, die Jongliermasse immer geringer. Das gilt für die Unternehmen, aber auch für unsere Behörden. Es geht nur gemeinsam. Darum wiederhole ich mich, finde ich die Ankündigung der Steuererhöhung grundlegend falsch. Solche Spiele können wir uns weder jetzt noch in Zukunft leisten, sondern wir müssen uns an die absoluten Notwendigkeiten halten.

Im Unterschied zu anderen Firmen sind Sie mit einem blauen Auge davongekommen. Andere Unternehmen im Zurzibiet verzeichnen Einbussen von 30 Prozent und mehr.

Da sind wir alle gefordert. Es ist jetzt umso wichtiger, dass wir zusammenarbeiten. Man darf sich die Frage ruhig zweimal stellen, welchen Handwerker man wählt, welche Baufirma den Zuschlag erhält, welchen Elektriker man engagiert. Bei unserem Neubau haben wir bewusst auf diese Kriterien geachtet. Das sind Entscheidungen, die wir täglich mitbestimmen können.

Sie sind Unternehmerin, Sie positionieren sich, Sie gehen an die Öffentlichkeit, Sie sind FDP-Mitglied. Warum engagieren Sie sich nicht politisch?

Ich sage es vielleicht ein bisschen lapidar: Ich bin zu alt (lacht).

Im Ernst?

Ich habe eine sehr breite Aufgabe als Familienmutter und als Geschäftsführerin. Das war und ist eine Doppelfunktion. Ich kann mir nicht ein zusätzliches Standbein aufbauen. Das hätte nämlich zur Folge, dass ich die anderen schwächen würde. Daher will ich mich auf meine Kernaufgaben konzentrieren. Zudem bringe ich mich im kleineren Bereich ein. Ich sitze im Vorstand der Industrie- und Handelskammer.

Wenn man sich im Zurzibiet umhört, macht sich bei den Leuten zunehmend Ratlosigkeit breit.

Das sehe ich anders. Ich war Gründungsmitglied vom Wirtschaftsforum Zurzibiet, mit dem Ziel, neue Firmen und attraktive Arbeitsplätze ins Zurzibiet zu bringen. Diese Wege benötigen Zeit und viel Überzeugungskraft. Auch bis man politisch eine Veränderung erreicht und durchdringt, dauert es in der Regel Jahrzehnte. Nehmen Sie als Beispiel die Umfahrung in Bad Zurzach, oder die A98, die Anbindung, da spricht man seit über 25 Jahren davon.

Bräuchte es nicht eine neue Generation, um den Interessen des Zurzibiets neuen Schwung zu verleihen?

Ich gebe Ihnen recht. Der Generationenwechsel ist ein sehr wichtiges Thema. Es mag sein, dass man irgendwann auch müde wird und nicht mehr mag. Auch weil man immer die gleichen Argumente hört.

Zurück zur Gemeindeversammlung von heute Abend. Werden Sie aufstehen und Ihre Argumente vorbringen?

Ich werde sicher versuchen, meinen Beitrag zu leisten. Und der Bevölkerung aufzeigen, was es bei einer Steuerfusserhöhung zu bedenken gibt. Ich kann daher nur jeden Lengnauer ermuntern, an die Gemeindeversammlung zu kommen.

Nur Leibstadt ist noch nicht bei 100

Von Andreas Fretz

Noch haben nicht alle Ortschaften ihre Gemeindeversammlung abgehalten. Die Tendenz ist aber eindeutig: Runter geht es mit dem Steuerfuss nirgends, aufwärts hingegen schon. Döttingen, von 2008 bis 2012 Steuerparadies mit rekordverdächtigen 60 Prozent, erhöhte den Steuerfuss um 15 Prozentpunkte auf 110. Grund: Sinkende Aktien-steuereinnahmen der Axpo. Endingen erhöhte den Steuerfuss um vergleichsweise bescheidene drei Prozentpunkte. Heute entscheidet die Einwohnergemeinde-versammlung in Lengnau, ob der neue Steuerfuss bei 111 Prozent (+2 Prozent) liegen soll. Klar ist schon jetzt: Im Jahr 2016 wird Leibstadt die einzige Zurzibieter Gemeinde mit einem Steuerfuss unter 100 Prozent sein. Im innerkantonalen Vergleich liegt der Bezirk Zurzach an drittletzter Stelle. Die Zahlen für 2016 veröffentlicht der Kanton im März. Der durchschnittliche Steuerfuss im Jahr 2015 liegt im Zurzibiet bei 109,4 Prozent. Am höchsten ist er im Bezirk Zofingen mit 113,5 Prozent, gefolgt vom Bezirk Kulm mit 113. Den tiefsten durchschnittlichen Steuerfuss hat 2015 der Bezirk Bremgarten mit 97,9 Prozent. 14 der 22 Gemeinden weisen dort einen Steuerfuss von unter 100 Prozent auf.

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