Bad Zurzach
Sie führte eine «MeinArzt»-Praxis bis zum bitteren Ende: «Das waren höllische Wochen»

Als der Lohn ausblieb und sich die Schwierigkeiten häuften, führte die Rumänin Mirela Armean die «MeinArzt»-Praxis in Bad Zurzach trotzdem weiter. Nun arbeitet sie an der Wiedereröffnung der Praxis.

Philipp Zimmermann
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Mirela Armean möchte die Hausarztpraxis weiterführen - losgelöst von der Kette MeinArzt

Mirela Armean möchte die Hausarztpraxis weiterführen - losgelöst von der Kette MeinArzt

Sandra Ardizzone

Es ist nun schon das zweite Mal, dass Mirela Armean, 58, in der Schweiz enttäuscht worden ist. 30 Jahre lang führte sie eine Hausarztpraxis im rumänischen Hermannstadt. Vor zwei Jahren nahm sie ein Angebot in Lenk im Simmental an.

Sprachlich war das für die Rumänin kein Problem: Sie hat einst eine deutsche Schule in ihrer siebenbürgischen Heimat besucht, wo eine deutsche Minderheit lebt. Mittlerweile versteht sie Schweizerdeutsch gut.

Ausstehende Löhne und unbezahlte Überstunden

In Lenk war sie Angestellte in einer Praxis, die ein Investor von der langjährigen Hausärztin übernommen hatte. Ende 2019 endete das Engagement allerdings. «Ich habe dort Löhne nicht erhalten und viele unbezahlte Überstunden gemacht», erzählt sie.

Auf Anfang 2020 nahm sie das Angebot der Praxiskette «MeinArzt» des Österreichers Christian Neuschitzer, 46, an: Sie wurde in der Bad Zurzacher Praxis die Nachfolgerin des langjährigen Hausarztes Martin Dubler, der als Pensionär die Räumlichkeiten vermietete. Ihr zur Seite standen drei medizinische Praxisassistentinnen.

Christian Neuschitzer in der SRF-Rundschau im Juni: Da verteidigte er sein Firma

Christian Neuschitzer in der SRF-Rundschau im Juni: Da verteidigte er sein Firma

Screenshot SRF

«Das Angebot war marktgerecht. Das Konzept fand ich gut», sagt Armean. «Ich war in medizinischer Sicht selbstständig, wurde aber in der Administration entlastet.» Die Kette «MeinArzt» gründete für fast alle ihrer 32 Schweizer Praxen eine eigene GmbH. Das Unternehmen beglich Miete für Praxis und medizinische Geräte sowie laufende Rechnungen für Strom oder medizinisches Praxismaterial.

Zwar habe es bei der Kommunikation mit der Zentrale in Opfikon immer wieder Probleme gegeben, sagt Mirela Armean. Im Grossen und Ganzen sei das aber ein halbes Jahr lang gut gegangen, auch nach Ausbruch der Coronavirus-Epidemie.

Mit diesem Ausdruck informierte Mirela Armean ihre Patientinnen und Patienten über ihre missliche Situation.

Mit diesem Ausdruck informierte Mirela Armean ihre Patientinnen und Patienten über ihre missliche Situation.

Sandra Ardizzone

Doch im Juli häuften sich die Probleme. «Unsere Löhne wurde nicht überwiesen», sagt Armean. Dank der Vernetzung mit anderen «MeinArzt»-Angestellten wusste sie, dass auch andere auf die Gelder warteten. Das bestätigen Recherchen dieser Zeitung. In der Praxis in Niederrohrdorf wurde wegen offener Rechnungen sogar der Strom abgestellt.

Leere Versprechungen von Chef Neuschitzer

Neuschitzer führte einen Chat mit den Medizinern, die er angestellt hatte. «Noch im August bat er uns um Geduld», sagt Armean. «Das Geld sei da. Er versprach: Die Löhne kommen.» Später habe er behauptet, er sei von Angestellten in der «MeinArzt»-Zentrale hintergangen worden. Am 20. August verstummte der umstrittene Österreicher plötzlich, nachdem er zuvor fast ständig erreichbar gewesen sei. Danach meldete sich noch mehrmals seine Frau mit Durchhalteparolen. Das wars. Mittlerweile wurde er in Italien verhaftet. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Vermögensdelikten gegen ihn.

In dieser Liegenschaft befindet sich nebst einigen Wohnungen auch die geschlossene «MeinArzt»-Praxis.

In dieser Liegenschaft befindet sich nebst einigen Wohnungen auch die geschlossene «MeinArzt»-Praxis.

Sandra Ardizzone

In der Praxis in Bad Zurzach häuften sich nun die Probleme. Medizinisches Material ging aus. Nachbestellungen waren nicht möglich. «Wir konnten beispielsweise keine Grippe-Impfungen durchführen», ärgert sich Armean. Nach und nach stellte sich heraus, dass in der Zentrale Rechnungen nicht beglichen worden waren.

Zu Beginn waren diese ebenso wie Patientenberichte oder Ergebnisse von Labortests an die Praxis geschickt worden. Dann kam es zu einer Umstellung – alles lief nun über die Zentrale. «Von den Mahnungen haben wir deshalb nichts mitbekommen», sagt die Allgemeinmedizinerin. Später seien ihr Firmenauto und ein Ultraschallgerät wegen ausbleibender Zahlungen beschlagnahmt worden.

«Wir sind blind durch einen Tunnel gelaufen»

Schliesslich habe sie die Praxis schliessen müssen. «Meine Kündigung an ‹MeinArzt› ist ungeöffnet zurückgekommen», sagt Armean. In der Zentrale ist seit Tagen niemand mehr erreichbar. Rückblickend hält die Ärztin fest: «Die letzten Wochen waren höllisch. Christian Neuschitzer hat uns total im Stich gelassen.»

Sie und ihre Mitarbeiterinnen hätten nicht gewusst, wie es weitergeht. Die Patienten waren verunsichert. «Wir sind blind durch einen Tunnel gelaufen.» Armean erzählt, dass sich auch andere ausländische Ärzte der Praxiskette hilflos fühlten: «Wir wussten gar nicht, wie wir uns hier in der Schweiz wehren können.»

Der Eingang zur Liegenschaft an der Neubergstrasse 20 mit der Hausarztpraxis, die Mirela Armean weiterführen möchte.

Der Eingang zur Liegenschaft an der Neubergstrasse 20 mit der Hausarztpraxis, die Mirela Armean weiterführen möchte.

Sandra Ardizzone

Letzte und diese Woche war eh geplant, die Praxis wegen Betriebsferien zu schliessen. An Ferien ist für Mirela Armean allerdings nicht zu denken. Sie arbeitet daran, dass sie die Praxis an der Neubergstrasse 20 auf Anfang Oktober wiedereröffnen kann. Dann unter eigener Führung. «Ich möchte hier bleiben. Ich fühle mich für meine Patienten verantwortlich», sagt sie. «Und mir gefällt es in Bad Zurzach.»

Dass die Praxis erhalten bleibt, hofft auch die Gemeinde. «Wir haben aus der Bevölkerung nur positive Rückmeldungen über Mirela Armean erhalten», erzählt Gemeindeammann Bernhard Scheuber. Er sei selbst ihr Patient und würde das gern bleiben. Wichtig wäre dies zudem für die Gesundheitsversorgung im Ort. In Bad Zurzach mit seinen 4400 Einwohnern bestehen zurzeit nur zwei weitere Hausarztpraxen. Einer der Ärzte ist im Pensionsalter.

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