Endingen
Schweizer Judentum: «Endingen und Lengnau waren Pioniere»

Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), hielt erstmals im aargauischen Endingen die Festansprache zum 1. August.

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1. August in Endingen: Anita Winter, Herbert Winter, Ammann Ralf Werder und der ehemalige Ammann Lukas Keller.

1. August in Endingen: Anita Winter, Herbert Winter, Ammann Ralf Werder und der ehemalige Ammann Lukas Keller.

zvg

Die eindrückliche Feier fand an historischem Ort, vor dem ehemaligen jüdischen Schulhaus, statt, das 1855 von Caspar Joseph Jeuch, dem Architekten der Endinger Synagoge, erbaut wurde.

Zwei Gründe mögen Dr. Herbert Winter, den Präsidenten des SIG bewogen haben, die Einladung zur diesjährigen 1. Augustrede in Endingen anzunehmen: Im aargauischen Surbtal liegen wichtige Wurzeln des Schweizer Judentums: Hier hat die Gleichstellung der Schweizer Juden vor 150 Jahren begonnen.

Projekt «Doppeltür»

Der zweite Anlass war das neue Projekt «Doppeltür», das vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: Das Zentrum Doppeltür wird das wechselvolle und für die Geschichte Europas fundamentale Zusammenwirken von Judentum und Christentum für breite Bevölkerungskreise erleb- und erfahrbar machen. Doppeltür soll ein inspirierender Ort werden, wo Besucher am konkreten historischen Schauplatz Geschichte erleben und verstehen lernen, wo sie sich austauschen und drängende Gegenwartsfragen debattieren können.

Herbert Winter erinnerte in seiner brillanten Ansprache daran, dass Juden schon lange vor der Gründung der Eidgenossenschaft im Jahre 1291 auf Schweizer Boden lebten. Allerdings wurden sie im 14. Jahrhundert aus der Schweiz vertrieben oder verbannt, worauf es in der Schweiz bis vor rund zweihundert Jahren fast keine Juden mehr gab.

Pioniere im Zusammenleben mit anderen Religionen

«Endingen und Lengnau waren bekanntlich frühe Ausnahmen. Hier durften Juden seit dem 17. Jahrhundert als fremde Schutzgenossen Wohnsitz nehmen. Endingen und Lengnau waren also gewissermassen Pioniere im Zusammenleben mit anderen Religionen – und dies lange, bevor der Staat gleiche Rechte auch für Nichtchristen garantierte.

Das Zusammenleben lief nicht immer ohne Konflikte – aber es funktionierte.»

Zudem erinnerte Winter daran, dass die Schweiz, die wir heute feiern, «unsere moderne, tolerante, innovative, erfolgreiche und friedliche Schweiz» erst 170 Jahre alt ist: «Menschenwürde, Rechtsgleichheit, Niederlassungsfreiheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Pressefreiheit, Vereinsfreiheit, Handels- und Gewerbefreiheit, demokratische Rechte: All dies war erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Verfassung garantiert.

Revidierte Verfassung von 1866

Für die Schweizer Juden ist das Jahr 1866 fast noch wichtiger als 1848. Erst die revidierte Verfassung von 1866 erlaubte den Juden, überall in der Schweiz zu wohnen, und erst acht Jahre später wurde schliesslich die Glaubensfreiheit für alle Religionen in der Verfassung verankert.» Aus aktuellem Anlass – denken wir an Migration – erinnerte Herbert Winter an den multikulturellen Charakter der heutigen Schweiz.

«Juden sind ebenso Teil der Schweiz wie Katholiken und Protestanten, Rätoromanen, Walliser, Tessiner, Romands, Bergbauern, Städter – oder eben Endinger. Die Schweiz setzt sich schon lange aus unzähligen Minderheiten zusammen, die sich kulturell, geschichtlich und von der Erfahrung her unterschiedlich definieren und unterscheiden. Auch die Gruppe, die viele etwas klischeehaft für die typischen Schweizer halten – bodenständige Christen, möglichst in ländlicher Gegend wohnhaft und idealerweise von bäuerlicher Herkunft – ist heute eine Minderheit unter vielen.

Eine Willensnation

Doch was verbindet diese Minderheiten? Unser Land ist ein klassischer Fall einer Willensnation. Wir besitzen keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Religion, aber einen gemeinsamen Willen, der uns zusammenhält. Und unser Land behandelt Menschen in Not so, wie es Moral und Anstand verlangen: menschlich. «Und gerade mir als Schweizer Jude ist ein menschlicher Umgang mit Migranten wichtig. Die meisten der heute in der Schweiz lebenden Juden sind nämlich Nachfahren von Migranten.»

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