Invalidenversicherung
Rechnung statt Rente: Aargauerin verzweifelt an hartem IV-Regime

In der Invalidenversicherung herrscht ein hartes Regime. Eine Betroffene sucht verzweifelt mit ihrer Geschichte die Öffentlichkeit. Ilona Rea geht es gesundheitlich schlecht – physisch wie psychisch. Aber die IV hat ihr nicht nur die Rente gestrichen, sondern verlangt jetzt auch noch Geld zurück.

Urs Moser
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Fassungslos: Ilona Rea blickt auf die Rechnung der SVA Aargau über fast 12000 Franken.

Fassungslos: Ilona Rea blickt auf die Rechnung der SVA Aargau über fast 12000 Franken.

Urs Moser

Im Jahr 2015 wurden im Aargau 15'500 Bezüger einer Invalidenrente gezählt, 2011 waren es noch deutlich über 17'000. Die Rentenleistungen der Invalidenversicherung sind in diesem Zeitraum von 390 auf rund 350 Millionen gesunken, während die Bevölkerungszahl um 5 Prozent gewachsen ist.

Was die Bemühungen zur Stabilisierung der finanziellen Lage der IV angeht, kann man von einem schönen Erfolg sprechen. «Die Invalidenversicherung hat sich die letzten Jahre von einer Rentenversicherung zu einer auf Eingliederung spezialisierten Dienstleisterin entwickelt», rühmt sich die kantonale Sozialversicherungsanstalt SVA Aargau im Jahresbericht 2015 selbst: Die Zahl der von ihr ausgelösten Rentenentscheide ist seit 2011 um knapp 11 Prozent gesunken.

«Für mich ein Todesurteil»

Für Ilona Rea aus Rekingen klingt die Erfolgsmeldung wie ein Hohn. Sie gehört zu der Hälfte der Antragsteller, deren IV-Gesuche negativ beurteilt werden. «Ich weiss nicht mehr weiter und ich verstehe schon, warum Menschen in meinem Alter sich etwas antun», schrieb die 60-Jährige in einem Leserbrief, den sie mit verzweifelten Worten schloss: «Der Umgang der SVA ist für mich ein Todesurteil.»

Ilona Rea kennt viele Ärzte. Kardiologen, Rheumatologen, Orthopäden – und seit Jahren wird sie auch psychologisch betreut. Dass sie mit all ihren gesundheitlichen Problemen noch arbeitsfähig wäre, geschweige denn uneingeschränkt, auf diese Idee ist keiner von ihnen gekommen. Die Gutachter der Invalidenversicherung schon. Ende Jahr erhielt Ilona Rea den Bescheid betreffend Einstellung der Invalidenrente. Und nicht nur das: Im Lauf eines sich seit Jahren hinziehenden Verfahrens wurde festgestellt, dass sie während 10 Monaten Leistungen zu Unrecht bezogen haben soll. Ende Januar flatterte die Verfügung betreffend Rentenrückforderung ins Haus. Fast 12 000 Franken will die SVA zurück, zahlbar innert 30 Tagen.

Wie sie das bezahlen sollen, ist Ilona Rea und ihrem Ehemann René, von dessen AHV und bescheidener Pensionskasse die beiden leben, seit sie nichts mehr zum Haushalteinkommen beisteuern kann, nicht klar. Wie es nun weitergehen soll, auch nicht. Ilona Rea hat sich mit ihrem Fall an die kostenlose Rechtsberatung und -Vertretung von Inclusion Handicap gewendet, dem Dachverband der Behindertenorganisationen. Einen privaten Rechtsanwalt kann sie sich nicht leisten.

Wenn sie ihren Fall verliert, fürchten sie und ihr Mann, dass ihnen über kurz oder lang der Gang zum Sozialamt blüht. Das Ehepaar hat sich wohl ein bescheidenes Eigenheim in Rekingen erarbeitet. Aber sollten sie das Haus aufgeben müssen, um offene Rechnungen zu bezahlen und den Lebensunterhalt bis zur Pensionierung von Ilona Rea bestreiten zu können, wird es schnell eng. Zumal es schwierig sein dürfte, eine Wohnung zu finden, für die sie nicht mehr bezahlen müssten als heute für die Hypothek.

Herzinfarkt, dann die Kündigung

Die Bestimmungen des Sozialversicherungsrechts sind komplex. Schwer einzuschätzen für den Laien, ob Ilona Rea wirklich Unrecht im Sinne des Gesetzes geschieht oder ob sie einfach nur verdammtes Pech hat. Aber wer ihre Geschichte hört, versteht, dass sie sich erstens ungerecht behandelt fühlt und zweitens mit den Kräften am Ende ist. Und auch, dass der Oftringer Sozialvorsteher Hanspeter Schläfli den Verdacht hegt, die neuen Regelungen würden von der Invalidenversicherung missbraucht, um sich auf Kosten der Gemeinde-Sozialämter zu sanieren (az vom 14. Februar).

Es war im Jahr 2003. Ilona Rea, ursprünglich gelernte Pelznäherin, hatte sich zur Pflegeassistentin SRK ausbilden lassen, war schon viele Jahre im Alters- und Pflegeheim Pfauen in Bad Zurzach tätig und bekam gesundheitliche Probleme. Den Deutungen des Hausarztes traute sie nicht und suchte schliesslich einen Kardiologen auf. Der liess sie gar nicht mehr aus der Praxis und bestellte einen Krankenwagen.

Operation am offenen Herzen, fünf Bypässe, 12 Wochen Rehabilitation. Danach ist ihre Leistungsfähigkeit nicht mehr dieselbe wie früher, die Kündigung wird ihr nahegelegt, sie geht nicht freiwillig und erhält den blauen Brief. «Mit der Kündigung ist für mich eine Welt zusammengebrochen», sagt Ilona Rea. Es wird nicht das letzte Mal sein. Mehr als kurzfristige Nebenjobs findet sie nicht, jahrelang nicht.

Der Gesundheitszustand verbessert sich nicht, im Gegenteil, Ilona Rea plagen Rückenprobleme und eine Osteoporose. Nach langem Hin und Her bekommt sie eine IV-Viertelrente zugesprochen. Auch der elf Jahre ältere Ehemann René verliert seinen Job, findet aber eine neue Teilzeit-Anstellung als Buschauffeur und plant, über die Pensionierung hinaus zu arbeiten, um den Lebensunterhalt für sich und seine Frau aufzubringen. Aber 2011, jetzt bereits im Pensionsalter und damit sowieso kein Fall für eine IV-Rente, trifft es auch ihn: Herzinfarkt. Es steht schlimm, René Rea kommt auf die Warteliste für eine Herztransplantation. Der erlösende Anruf kam im November 2013, seither lebt René Rea mit einem Spenderherzen. Seiner Frau Ilona ging es seither aber nicht besser. 2012 musste sie sich einer Wirbelsäulenoperation unterziehen. Jetzt erhielt Ilona Rea vorerst tatsächlich eine volle Invalidenrente zugesprochen.

Wieder teilweise arbeitsfähig

Der Rest ist Geschichte: Mit der Rückenoperation sei zunächst eine Verschlechterung, nach einer Rehabilitationszeit dann aber eine Verbesserung des Gesundheitszustands erfolgt, und ab 1. März 2013 könne von einer 80-prozentigen Arbeitsfähigkeit in einer «angepassten, körperlich leichten Tätigkeit» ausgegangen werden und es sei somit ein Revisionsgrund für den Rentenentscheid gegeben, wurde Ilona Rea mit Verfügung vom 30. Dezember 2016 eröffnet. Dies die abgekürzte Fassung, unter dem Strich resultiert jedenfalls die erwähnte Rückforderung von fast 12'000 Franken.

Ilona Rea leidet übrigens auch unter schweren Sauerstoffentsättigungen (Schlaf-Apnoe) und müsste eine Beatmungsdrucktherapie durchführen. Geht aber schlecht wegen der Trigenimus-Entzündung (vom Hirn durch das Gesicht verlaufender Nerv, der unter anderem für die Funktion der Kaumuskeln zuständig is), die höllische Schmerzen im Gesicht verursacht. Ilona Rea nimmt regelmässig 18 Medikamente ein und sagt: «Manchmal denke ich daran, den ganzen Vorrat auf einmal zu schlucken, dann wäre alles vorbei.»