Bad Zurzach
Prozess geplatzt: Nicht mal Vater weiss, wo Angeklagter steckt

Es hätte eine Gerichtsverhandlung werden sollen, doch der Termin geriet zu einem Narrengang für Richter, Anwalt, Kantischüler und Journalisten.

Rosmarie Mehlin
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Das Gericht in Bad Zurzach. (Symbolbild)

Das Gericht in Bad Zurzach. (Symbolbild)

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Laut Anklageschrift hat Miguel (Name geändert) in einer Aprilnacht letzten Jahres in Bad Zurzach mit einem Stein eine Fensterscheibe des Pétanque-Clubhauses «zum Gut» eingeschlagen und drinnen aus einer Kasse Fr. 117.40 gestohlen. Danach war er ins Jugendhaus eingedrungen, hatte dort genächtigt und sich am Morgen mit einem Laptop im Wert von 440 Franken davongemacht.

Wie sich nach seiner Festnahme herausstellte, hatte Miguel auf seinem Handy kinderpornografische Bilder gespeichert und Speed konsumiert. Überdies hatte er ein im Zug gefundenes Handy nicht an geeigneter Stelle abgegeben, sondern die SIM-Karte entnommen und das Gerät in einen Mülleimer geworfen. Summa summarum seien, befand die Anklägerin, 9 Monate Freiheitsstrafe für den 30-jährigen Portugiesen – Bauarbeiter und vorbestraft – angemessen.

Kapo Klingnau rückt aus

Die Verhandlung ist auf 9.15 Uhr anberaumt. Die vier Laienrichter, Gerichtspräsident Cyrill Kramer, die Gerichtsschreiberin, der Verteidiger, vier Kantischüler mit grossen Notizblöcken, ein Zuschauer und zwei Journalisten sind versammelt. Nur Miguel fehlt. Sein Anwalt erklärt, dass er seit Juli 2013 – trotz intensiver schriftlicher und telefonischer Versuche – keinen Kontakt mehr zu seinem Mandanten habe. Die schriftliche Vorladung zur Verhandlung, so der Gerichtspräsident, sei Miguel am 24. September zugestellt, von diesem entgegengenommen und mit Unterschrift quittiert worden.

Die Kanzleisekretärin bittet die Kantonspolizei per Telefon, an Miguels Meldeadresse im Flecken Nachschau zu halten. Mangels Kapazität der Zurzacher Kapo wird der Auftrag an die Kollegen in Klingnau weitergeleitet. Die Uhr im Gerichtssaal tickt. Der Zeiger hüpft gegen 9.45 Uhr, als der Bescheid kommt: An besagter Adresse haben die Polizisten nur Miguels Vater angetroffen, der von seinem Sohn seit Wochen nichts gehört und gesehen haben will.

Gericht statt Kino

«Der Beschuldigte wird zur Verhaftung ausgeschrieben», tut der Gerichtspräsident kund. Falls er nicht innert drei bis vier Wochen der Polizei ins Netz gehe, sei erfahrungsgemäss mit mehreren Monaten zu rechnen. Den Kantischülern bietet er an, Fragen zu beantworten. Bevor er die «Verhandlung» offiziell für geschlossen erklärt, fügt Kramer schmunzelnd an: «Dass Verhandlungen öffentlich sind, wurde früher regelmässig von Kurgästen genutzt – besonders wenns regnete.» Früher – da gabs auch noch ein Kino im Flecken. Gerichtsverhandlungen aber wird es immer geben. Und sie sind nicht selten spannender als mancher Film. Denn wie sagt der Franzose doch so treffend: «La réalité dépasse la fiction», (die Realität übertrifft die Fiktion).