Montagsporträt
Mörder, Märklin und Meteorologie – Wer ist eigentlich der Staranwalt aus Bad Zurzach

Anwalt Urs Oswald, berühmt als Strafverteidiger in spektakulären Fällen, pflegt privat gänzlich unspektakuläre Hobbys.

Rosmarie Mehlin
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Rechtsanwalt Urs Oswald in seinem Büro in Bad Zurzach. Sandra Ardizzone

Rechtsanwalt Urs Oswald in seinem Büro in Bad Zurzach. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

22. Januar 2006: Im Schlafzimmer eines Einfamilienhauses in Rheinfelden liegt die Leiche der 39-jährigen Nicola Lindenthal. Die zweifache Mutter wurde ermordet. Am 30. Mai wird der Witwer Klaus Lindenthal wegen dringenden Tatverdachts verhaftet. Er leugnet die Tat. Am 10. November 2008 beginnt vor Bezirksgericht Rheinfelden der Indizienprozess. Am siebten Verhandlungstag steht das Plädoyer des Verteidigers auf dem Programm: Urs Oswald fordert einen Freispruch. Er zerreisst die Anklage in der Luft, übt massive Kritik an der Untersuchungsbehörde. Sein Vortrag dauert über fünf Stunden. Am 22. November wird das Urteil verkündet: Klaus Lindenthal ist schuldig des Mordes und wird zu 20 Jahren Haft verurteilt.

«Diese Niederlage hat mich schwer belastet. Vor allem, weil eine Minderheit der Richter ihn aus Mangel an Beweisen freigesprochen hätte. Ich bin noch heute überzeugt, dass er vor Obergericht freigesprochen worden wäre.» So weit war es nicht gekommen: Sechs Tage nach Urteilseröffnung hatte der 42-jährige Lindenthal sich in seiner Zelle erhängt.

Spaziergänge mit «Pharao»

Das Büro von Urs Oswald an der Bahnhofstrasse in Bad Zurzach ist geräumig, die Möbel sind modern und schwarz. Die unzähligen roten Ordner der systematischen Sammlung des Bundesrechts bringen ebenso Farbe ins Ambiente wie der Inhalt einer Vitrine: Becher mit Abbildungen von alten Segelschiffen und das stattliche Modell eines solchen finden sich darin ebenso wie eine eindrückliche Sammlung von Märklin-Eisenbahnen von einer Dampflok über ein «Krokodil» bis zu modernen Güterwagen. «Das kommt davon, wenn man vier Söhne hat», schmunzelt Oswald.

Augenschein am Tatort in Station Siggenthal: Urs Oswald (links) neben dem angeklagten Alfredo Lardelli und Gerichtspräsident Luzi Stamm am 1. März 1989.

Augenschein am Tatort in Station Siggenthal: Urs Oswald (links) neben dem angeklagten Alfredo Lardelli und Gerichtspräsident Luzi Stamm am 1. März 1989.

Archiv Rosmarie Mehlin

Über das Gesicht dieses Mannes, der als Verteidiger im Gerichtssaal unerbittlich und knallhart auftritt, der die Interessen seiner Mandanten akribisch und mit grossem Engagement vertritt, huscht im persönlichen Gespräch oft ein verschmitztes Lächeln. Etwa wenn er – nicht ohne Stolz – verrät, «ich bin ein eingefleischter Heimwerker. Bei basteln, Gartenarbeit, fotografieren kann ich bestens abschalten. Und natürlich auf den Hunde-Spaziergängen.» Der aktuelle Vierbeiner sei ein Belgischer Schäfer, ein Groenendael, und heisse «Pharao.» Die Segelschiffe in Oswalds Büro-Vitrine sind – wie die Märklin-Eisenbahnen – Nostalgie: «Ich hatte viele Jahre ein Segelboot auf dem Vierwaldstättersee. Heute segle ich nicht mehr.»

In Glarus berühmt geworden

Geboren und aufgewachsen als Sohn eines Architekten in Bremgarten, hatte ihn der Onkel zur Jurisprudenz geführt: Wilhelm Oswald war Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Uni Fribourg. Dort hatte sein Neffe studiert, «doktoriert habe ich dann an der Uni Basel». Sein Wunsch, in einer Advokatur zu arbeiten, hatte ihm der Zurzacher Anwalt und Politiker Walter Edelmann erfüllt: «Als er 1972 Präsident des Grossen Rates wurde, hatte er einen Vertreter für seine Kanzlei gesucht.» So ist Urs Oswald, der heute noch in Bremgarten lebt, seit 44 Jahren Anwalt in Bad Zurzach – inzwischen assoziiert mit Walter Edelmanns Söhnen Beat und Andreas.

Erstmals medial zu grosser Popularität hatte Urs Oswald ein Fall in Glarus gebracht. Im Sommer 1986 hatte er vor dem dortigen Kriminalgericht einen Mann verteidigt, der beschuldigt war, auf einer Bergwanderung beim Klausenpass seine Frau mit einem Stein brutal getötet zu haben. Der Mann beteuerte seine Unschuld – seine Frau sei Opfer eines Steinschlags geworden. «Erstinstanzlich wurde mein Mandant schuldig gesprochen. Wir haben das Urteil weitergezogen und ein Obergutachten von Professor Rainer Henn von der Uni Innsbruck eingeholt. Henn, der später auch Ötzi untersucht hat, kam zum Schluss, dass die Frau tatsächlich durch Steinschlag zu Tode gekommen war. Das Obergericht sprach meinen Mandanten frei.»

Der Fall Lardelli

In den Medien vollends zum «Staranwalt» war Oswald durch seine Verteidigung des Dreifach-Mörders Alfredo Lardelli im März 1989 geworden. Lardelli – zunächst vollumfänglich geständig, hatte später die Tat teilweise widerrufen. Kannte sein Anwalt die volle Wahrheit? «Natürlich versuche ich immer, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen, brauche viel ‹Gschpüri›, aber letztlich sehe auch ich nicht in einen Menschen hinein.» Wichtig sei es einerseits, das Vertrauen des Klienten zu gewinnen, «andererseits halte ich immer auf Distanz, war noch nie per Du mit einem Mandanten».

Kreuzworträtsel und Wetter

Er habe die Gabe, nach der Arbeit gut abschalten zu können. «Ja, das Gerücht, das im Flecken kursiert, stimmt: Ich löse nach dem Mittagessen in der ‹Krone› sehr gerne Kreuzworträtsel.» Nicht nur Mörder, auch kleine Missetäter gehören zur «Kundschaft» von Strafverteidiger Oswald. So etwa der Garagenbesitzer, der Polizisten «Bajasse» nannte, oder die Frau, die ihre Schwiegertochter verprügelt hat.

72-jährig und kein bisschen arbeitsmüde ist Urs Oswald. Noch immer ist er täglich in der Kanzlei und denkt noch keineswegs ans Aufhören. Und wenn eines Tages doch – was dann? «Dann werde ich versuchen, mir einen lang gehegten Traum zu erfüllen und mich intensiv mit dem Wetter zu befassen. Meteorologie beschäftig und beeindruckt mich sehr.»

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