Würenlingen
Mit der Aufnahme einer afghanischen Familie spart Gemeinde 250000 Franken

Nach Jahren ohne aufgenommene Asylbewerber hat Würenlingen nun eine Unterkunft gefunden. In einer Wohnung bringt sie eine sechsköpfige afghanische Familie unter. Im Dorf gab es ein grosses Echo auf eine Hilfsaktion, aber auch empörte Reaktionen.

Daniel Weissenbrunner
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Ein Asylbewerber studiert eine Weltkarte - eine Familie aus Afghanistan kommt nun in Würenlingen unter. (Symbolbild)

Ein Asylbewerber studiert eine Weltkarte - eine Familie aus Afghanistan kommt nun in Würenlingen unter. (Symbolbild)

Keystone

Am Montag letzter Woche startete Regula Schneider Frei im Gemeindeblatt einen nichtalltäglichen Aufruf. Die Gemeinderätin bat die Bevölkerung Betten, Schränke, Tisch und Stühle zu spenden. Spenden für die neuen Bewohner, die in den nächsten Tagen in Würenlingen erwartet werden. Eine sechsköpfige Familie aus Afghanistan. «Das Echo war überwältigend», sagt Schneider Frei. Bereits am Dienstag konnte sie die angelaufene Hilfsaktion stoppen. «Ich wurde regelrecht überschwemmt.»

Die Hilfsbereitschaft, die Schneider Frei erfahren hatte, ist der versöhnliche Teil der Geschichte. Es gibt aber auch die andere. Jene Stimmen, die der Aufnahme der Flüchtlingsfamilie kritisch bis ablehnend gegenüberstehen.

Nach Bekanntwerden erhielt Schneider Frei, die in Würenlingen das Ressort Soziales betreut, teils empörte Reaktionen. Der Grundtenor war immer der gleiche: Es könnte sich um Wirtschaftsflüchtlinge handeln, die der eigenen Bevölkerung die Arbeitsplätze streitig machen.

Die Sozialvorsteherin versuchte die Leute zu beruhigen. «Sie sind verängstigt und haben Fragen.» Sie versuchte, Antworten zu liefern. Die Bilder der letzten Wochen und Monate haben sich in die Köpfe eingebrannt. Nicht nur in Würenlingen. Egal, welche Sichtweise man einnimmt, welches Weltbild man vertritt.

Die nicht abreissen wollenden Flüchtlingsströme aus Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea. Die dramtatischen Bilder aus Ungarn, die zunehmende Überforderung in Deutschland lassen niemanden unberührt.

Den Auftrag des Kantons umgesetzt

Auch Gemeindeammann André Zoppi nicht. In Würenlingen hat man nach längerer Suche endlich eine Lösung für die Unterbringung von Flüchtlingen bzw. Asylsuchenden gefunden. Es handelt sich nicht um eine Liegenschaft, die sich in Gemeindebesitz befindet, sondern um eine Vierzimmer-Mietwohnung in einem Mehrfamilienhaus.

Würenlingen kommt damit dem Auftrag des Kantons nach. «Wir nehmen unsere Pflicht wahr», streicht André Zoppi hervor. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, dass Würenlingen bisher keine Asylsuchende aufnehmen wollte. «Es fehlten uns schlicht die Möglichkeiten. Das Einzige, was wir haben, sind Zivilschutzanlagen. Dort wollen wir aber keine Asylsuchenden einquartieren.» Das sei unwürdig.

André Zoppi, Ammann von Würenlingen: «Es fehlten uns bisher schlicht die Möglichkeiten.»

André Zoppi, Ammann von Würenlingen: «Es fehlten uns bisher schlicht die Möglichkeiten.»

Angelo Zambelli

Dennoch dürfte die Aufnahme der Familie aus Afghanistan nicht alleine auf Nächstenliebe zurückzuführen sein, sondern auch finanzielle Gründe haben. Wer die Aufnahmepflicht für Asylsuchende nicht erfüllt, muss ab kommendem Jahr tief in die Tasche greifen, 113 Franken Ersatzabgabe werden pro Person und Tag fällig. Das macht im Jahr mehr als 41 000 Franken.

Im Fall von Würenlingen, das zehn Personen aufnehmen muss, würde sich ein Betrag von maximal über 412 000 Franken anhäufen. Damit es nicht so weit kommt, hält die Gemeinde Ausschau nach weiteren Räumlichkeiten. Mit dem Zuzug der sechsköpfigen Familie aus Afghanistan spart die Gemeinde eine Viertelmillion Franken ein.

Für Regula Schneider Frei geht es in den nächsten Wochen darum, die neuen Bewohner so schnell wie möglich zu integrieren. Die Chancen dazu stünden gut. «Die Familie befindet sich schon länger in der Schweiz.» Sie wohnte zuletzt in Wettingen. «Und wir haben nur Gutes gehört», sagt die Sozialvorsteherin.

Die Familie besitzt den Aufenthaltsstatus F, was der vorläufigen Aufnahme entspricht. Ebenso grosses Gewicht misst Gemeindeammann Zoppi der offenen Kommunikation gegenüber der Bevölkerung bei. Auch er hat mitbekommen, dass das Thema die nötige Sensibilität verlangt. An der nächsten Gemeindeversammlung am 19. November will er über den Stand der Dinge ausführlich informieren.