Döttingen/Klingnau
Mit dem Beresinalied im Hinterkopf an die Fusionsabstimmung

Der Ausgang der ausserordentlichen Gemeindeversammlungen von Freitag zum Zusammenschluss von Döttingen und Klingnau ist so schwer vorauszusagen wie die Wetterentwicklung über einen Monat.

Angelo Zambelli
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Keine leichte Entscheidung: Sollen Döttingen und Klingnau fusionieren

Keine leichte Entscheidung: Sollen Döttingen und Klingnau fusionieren

Aargauer Zeitung

Die Gemeinderäte und die sieben Arbeitsgruppen haben in unzähligen Sitzungen und Gesprächen die Chancen und Risiken einer Fusion ergründet und zu Papier gebracht. Nun liegt es an den Stimmberechtigten, die Gretchenfrage zu beantworten: Gemeinsamer Weg oder Alleingang?

Viele Gründesprechen für einen Zusammenschluss, einige dagegen. An erster Stelle fast aller Diskussionen steht das liebe Geld: Döttingen hat dank der Axpo-Millionen rosige Zeiten erlebt, muss aber wegen der mehr und mehr versiegenden Geldquelle ab sofort kleinere Brötchen backen. Die für die Gemeindeversammlung vom 23. November angekündigte Anhebung des Steuerfusses von 60 auf 80 Prozent ist nur ein Hinweis darauf, dass die finanzielle Normalität nach Döttingen zurückkehrt.

Ein höherer Steuerfuss befördert den Zusammenschluss der beiden Aaretaler Gemeinden. Bliebe er weiterhin bei 60 Prozent, wäre ein Zusammenschluss mit der Nachbargemeinde, die aktuell mit einem Steuerfuss von 103 Prozent rechnet, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Eine Steuerfussdifferenz von über 40 Prozentpunkten würde von der Bevölkerung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht goutiert. Eine Differenz von etwas über 20 Prozentpunkten lässt sich weitaus einfacher austarieren.

Wichtig istden Befürwortern der Fusion der Blick in die Zukunft. Ihre Argumente: Mit einem Zusammenschluss lässt sich viel Geld einsparen, die beiden Schulstandorte werden gesichert und die Einflussmöglichkeiten in Aarau verbessert. Als weitere Chancen sehen die Befürworter ein breit abgestütztes Steuersubstrat respektive den Abbau der Döttinger Abhängigkeit von den Aktiensteuern, die Stabilisierung des Finanzhaushalts auf gutem Niveau, die langfristige Sicherung eines attraktiven Steuerfusses zwischen 80 und 85 Prozent sowie die Spar- und Synergiepotenziale durch die Zusammenlegung der Gemeindewerke. Generell sehen die Befürworter in der Fusion die Chance, die Aufgaben der nächsten Jahre und Jahrzehnte einfacher und effizienter lösen zu können,

Die Gegner haben sich bisher nur sporadisch und mit lauwarmen Argumenten zu Wort gemeldet. Ins Feld geführt wird auf Döttinger Seite eine zu tiefe Bewertung des gemeindeeigenen Refunanetzes, während die Gegnerschaft in Klingnau bedauert, dass bei einem Zusammenschluss das Stadtrecht verloren geht. Eine grosse Rolle bei der Ablehnung spielen erfahrungsgemäss die weichen Faktoren wie Verlust von Identität und Heimatgefühl.

Was verändert sich bei einem Ja zur Fusion, was bleibt, wie es ist? Neu wären Name, Wappen und Verwaltung, neu wären aber auch die finanziellen Perspektiven, eine einfachere Rekrutierung von Behördemitgliedern, eine optimierte und finanziell tragbare Schule sowie eine koordinierte Ortsplanung – um nur die wichtigsten positiven Veränderungen zu nennen. Was bleibt, ist die schöne Umgebung mit Stausee, Wäldern und Wiesen, die Qualität der Weine aus den beiden Rebbergen – aber auch die nicht immer ernst gemeinte Hassliebe unter den Döttingern und Klingnauern.

Doch genau diese Distanziertheit – wo immer sie auch ihren Ursprung hat – könnte mit einer Fusion abgebaut und in ein freundschaftliches, vorurteilsfreies Miteinander verwandelt werden. Womit wir beim Leitsatz der Gemeinderäte und der Arbeitsgruppen sind, der den wichtigsten Beweggrund für eine Fusion der beiden Gemeinden im unteren Aaretal umschreibt: «Gemeinsam stark ist besser als einsam schwach.»

Am 28. November 1812 stimmte der Glarner Oberleutnant Thomas Legler am Fluss Beresina in Russland ein Lied an, dessen letzte Strophe den Stimmberechtigten bei ihrer Entscheidung helfen könnte:

«Mutig, mutig, liebe Brüder,

Gebt das bange Sorgen auf.

Morgen steigt die Sonne wieder

freundlich an dem Himmel auf.

Darum lasst uns weitergehen,

weichet nicht verzagt zurück!

Hinter jenen fernen Höhen

wartet unser noch ein Glück.»

Schaffen es die Klingnauer und Döttinger, 200 Jahre nach Beresina dem Beispiel des Kantons Glarus zu folgen, der seit dem 1. Januar 2011 nur noch aus drei Gemeinden besteht, wäre dies ein starkes Signal an alle Gemeinden im Zurzibiet, die Verzagtheit abzulegen und den Herausforderungen der Zukunft mutig, selbstbewusst und eigenständig zu begegnen.

Analyse von angelo.zambelli@azmedien.ch