Baldingen
Minirock-Skandal: Wie die Rose-Kellnerin im "Blick" Schlagzeilen machte

Die einstige Serviertochter der Baldinger Dorfbeiz «Rose» ist seit kurzem ein Ausstellungs-Thema im Bernischen Historischen Museum. Es geht um eine Minirock-Affäre vor fast 50 Jahren.

Andreas Fretz
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«1968 Schweiz» im Bernischen Historischen Museum thematisiert den Mini-Skandal.
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Der «Blick»-Artikel vom 23. Oktober 1968 war beste Werbung für die «Rose».
Baldinger Mini-Skandal im Museum
Von «obszön» bis «anständig»: Der Baldinger Gemeinderat erhielt als Jux einen Massstab für die Saumlänge.
48 Jahre «Rose»-Wirtin: Die Lengnauerin Martha Brusa ging 2016 in Pension.

«1968 Schweiz» im Bernischen Historischen Museum thematisiert den Mini-Skandal.

ZVG (4)/R. Mehlin (1)

Schon vor 50 Jahren kannte der Boulevard die grossen Buchstaben. «Beiz dank dem Mini-Streit bumsvoll!» titelte der «Blick» am 30. Oktober 1968 und berichtete zum zweiten Mal innert einer Woche über einen kleinen Skandal, den die damals 21-jährige Serviertochter der Baldinger Dorfbeiz Rose mit ihrem Röcklein ausgelöst hatte. «Ein Skandal, der als Abbild einer Auseinandersetzung zwischen den Generationen zu verstehen ist», ist heute in der Baldinger Dorfchronik darüber zu lesen.

Serviertochter Rosemarie Brandes und die «Rose» schafften es nicht nur in den «Blick» und die Dorfchronik: Die Minirock-Affäre rund um die «Skandalbeiz» ist nun Teil der aktuellen Ausstellung «1968 Schweiz» im Bernischen Historischen Museum, die am 16. November eröffnet wurde. Kuratiert wird die Sonderausstellung von der Badener Firma imRaum. Das Büro zeichnete auch für die 2010 erschienene Dorfchronik «Baldingen – Geschichten und Lebenslinien im Spiegel der Zeit» verantwortlich. «Die grosse Weltgeschichte hat einen Bogen um Baldingen gemacht. Die Episode um den Minirock-Streit bildet die Ausnahme», sagt Fabian Furter von imRaum. «Sie zeigt, dass 1968 nicht nur an den Universitäten und in den Städten stattgefunden hat. Die Postulate der aufbegehrenden Jugend drangen rasch und tief in die Gesellschaft ein und erreichten auch abgelegene Orte wie Baldingen.» Der Minirockstreit stehe ebenso stellvertretend für den damaligen Generationenkonflikt wie etwa der Zürcher Globuskrawall oder die Pariser und Berliner Studentenunruhen. «Abgesehen davon kann und darf man heute auch herzhaft darüber lachen, wie einst ein kurzer Rock die Gemüter zu erhitzen vermochte», sagt Furter.

«Tatbestand des Animierens»

Zusammen mit dem neuen Wirtepaar Brusa kam die junge Angestellte Rosemarie Brandes im Sommer 1968 nach Baldingen und brachte aus Zürich den Modetrend mit, der in jenem Jahr seine höchste Popularität erreichte: den Minirock. Das Kleidungsstück eroberte die Modewelt im Eilzugstempo und wurde zu einem Symbol eines neuen Selbstbewusstseins der Frauen. Vielen galt das Kleidungsstück aber als reine Provokation und Respektlosigkeit.

Martha Brusa, die «Rose»-Wirtin, die 2016 in Pension ging, kann sich noch gut an jene Zeit erinnern. «Rosemarie Brandes war kein Kind von Traurigkeit», sagt die bald 77-Jährige aus Lengnau. Und Brusa erkannte sofort: «Eine bessere Werbekampagne als die ‹Blick›-Artikel hätte es für die ‹Rose› nicht geben können.» Aus allen Regionen des Landes kamen Gäste nach Baldingen, um das Restaurant mit seiner berühmten Serviertochter zu besuchen. Ein knappes Jahr arbeitete Brandes in der «Rose». Was ist aus ihr geworden? «Leider erlag sie Ende der 1980er-Jahre im Alter von 40 Jahren einem Krebsleiden», erinnert sich Brusa.

Als sich die junge Zürcherin bald nach ihrer Ankunft in Baldingen im Minirock in Binders Laden nach Strümpfen umsah, hagelte es Proteste beim Gemeinderat. Dieser schrieb damals in Absprache mit dem Bezirksamt an Paul und Martha Brusa: Die Serviertochter sei «unschicklich und unsittlich» gekleidet. Und weiter: Es sei so viel nacktes Bein zu sehen, dass dies den «verbotenen Tatbestand des Animierens» erfüllen könnte.

Röcklein wurde jeden Tag kürzer

Der Gemeinderat drohte mit der Schliessung der «Rose». Doch so weit ist es nicht gekommen. Eigentlich hatte der Gemeinderat ja durchaus Verständnis für die neue Mode – wenn der Rock zehn Zentimeter über dem Knie geendet hätte. Dies sei ja zu Beginn auch so gewesen, doch «dann wurde das Röcklein jeden Tag kürzer». Der Gemeinderat erhielt für seine restriktive Haltung gleichwohl Lob als auch Tadel per Post. Als Jux wurde ihm ein Massstab für die Saumlänge zugeschickt. Mit den Einheiten von «obszön» bis «anständig». Der Massstab liegt heute in der Vitrine im Bernischen Historischen Museum. Das Museum sagt über die Sonderausstellung: «1968 ist mehr als eine Jahreszahl. Es ist die Chiffre für einen gesellschaftlichen Wandel von der Mitte der 1960er- bis zur Mitte der 1970er-Jahre. Die Ausstellung geht den Spuren dieser bewegten Jahre nach und fragt, was heute in Politik, Kultur und Alltag davon übrig ist.» Geblieben ist unter anderem der Minirock.