Klingnau
Millionen-Poker um Kiesabbau: Holcim gegen regionale Baufirma

Viele Fragen hatten Klingnauer Ortsbürger an der Infoveranstaltung zum geplanten Kies- und Betonwerk im Hard. Voten eines Vertreters der Holcim zeigten: Beim Projekt geht es auch um den Wettkampf eines regionalen Baulöwen und eines Weltkonzerns.

Philipp Zimmermann
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Das Gebiet Hard in Klingnau, wo Landwirtschaft betrieben wird. Hier befindet sich ein Kiesvorkommen, das etappenweise abgebaut werden soll.

Das Gebiet Hard in Klingnau, wo Landwirtschaft betrieben wird. Hier befindet sich ein Kiesvorkommen, das etappenweise abgebaut werden soll.

Philipp Zimmermann

Das Projekt zum geplanten Kies- und Betonwerk in Klingnau im Gebiet Hard bewegt - es geht um viel Geld. Mit über 100 Personen war der Aufmarsch an der Infoveranstaltung am Mittwochabend entsprechend gross.

Auf einer Fläche von 19 Hektaren Landwirtschaftsland soll dort etappenweise Kies abgebaut werden. Das einzige solche Werk in der Region in Kleindöttingen, das der Holcim gehört, dürfte gegen 2020 schliessen. Dann will das Döttinger Bauunternehmen Birchmeier mit der Produktion in Klingnau beginnen. Die Bewilligung soll bis 2018 vorliegen.

Weil das Land den Klingnauer Ortsbürgern gehört, müssen diese an einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung am 2. September Ja sagen zu einem Dienstbarkeitsvertrag – und damit zum Preis von 5 Franken pro Kubikmeter Abbaumaterial. Bei 4 Millionen Kubikmetern winken ihnen 20 Millionen Franken, bei einer Abbauzeit von zirka 40 Jahren also eine halbe Million jährlich.

Das Projekt war Ende 2014 nach Sondierbohrungen und Medienberichten publik geworden. Die Gemeinde hielt sich aber lange mit Informationen bedeckt. An der letzten Gmeind hatten Ortsbürger den Gemeinderat mit kritischen Fragen torpediert, dieser vertröstete aber jene dann auf eine umfassende Informationen für diesen Abend.

«Es ging nicht um eine Geheimhaltung», sagte Markus Birchmeier deshalb. Seine Firma habe auch an anderen Standorten im Zurzibiet Probebohrungen vorgenommen. Er entschuldigte sich dafür, dass die Zurückhaltung einigen Bürgern in den falschen Hals gekommen sei. Man habe keine falschen Hoffnungen wecken und erst beim Vorliegen von konkreten Fakten informieren wollen. Nichtsdestotrotz hatte er auch an diesem Abend einige kritische Fragen zu beantworten. Bereits machten sich mehrere Bürger für ein Ja oder Nein stark.

Wirtschaftliche Brisanz

Äusserungen des anwesenden Holcim-Vertreters Rainer Saxer machten aber auch klar, wie brisant das Klingnauer Projekt in wirtschaftlicher Hinsicht ist: Es geht um einen Millionen-Poker – sprich um die Konkurrenz des Weltkonzerns mit einem regionalen Bauriesen, der 300 Mitarbeiter beschäftigt, auf dem regionalen Markt. Die Holcim könnte selbst ein Werk in Böttstein (Rodig) bauen.

Ob sie das ohne den Grosshunger der Firma Birchmeier wagen wird, steht wohl noch in den Sternen. Denn laut Birchmeier lässt sich aber nur ein Werk in der Region rentabel betreiben. Er verhehlte nicht, dass das Klingnauer Werk wichtig wäre für die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit seines Unternehmens. Von den jährlich 100'000 Kubikmetern Abbaumaterial will es mit 70 Prozent den Löwenanteil selbst nutzen. Egal, welches Werk zustande kommt: Er wäre wohl der grösste Kunde.

Eine Kampfansage

Birchmeier wies zudem nachdrücklich hin auf die regionale Wertschöpfung, auf die Berücksichtigung von regionalen Handwerkern und Betrieben, auf die neuen 15 bis 20 Arbeitsplätze. Dagegen klang es wie eine Kampfansage, als Rainer Saxer sagte: «Wir werden alles daran setzen, unsere Kunden auch in Zukunft mit Kies und Beton zu versorgen.» Saxer äusserte sich auch zu einer noch möglichen Minderheitsbeteiligung für das Klingnauer Projekt: «Ich halte diese für nicht sehr realistisch. Wir haben unsere Kies-Reserven gesichert.»

Für den Paukenschlag des Abends sorgte allerdings Birchmeier: «Wenn die Holcim wirklich ein neues Werk in Böttstein hinstellt und uns beteiligt, dann unterschreiben wir den Vertrag innert eines Monats.» Die folgende Stille zeigte: Wenn das Interesse bei Holcim bestünde, wäre dieser Deal längst eingefädelt worden. So hofft der Konzern wohl nun darauf, dass die Klingnauer Ortsbürger dem Projekt die Zustimmung verweigern.

Ingeborg Spillmann, Mediensprecherin von Holcim, hält nachträglich dazu fest: «So wird der Eindruck erweckt, dass wir unserem Kunden, der Firma Birchmeier AG, ein Scheitern geradezu wünschen. Dies wurde an der Infoveranstaltung weder von uns so kommuniziert, noch entspricht es unserem Geschäftsgebaren.»

Weitere Informationen kompakt

  • Das Kies auf den 19 Hektaren im Gebiet Hard sollen etappenweise abgebaut werden, so dass jeweils nur 5 Hektaren für die landwirtschaftliche Nutzung blockiert sind.
  • Das Kies im Hard ist von unterschiedlicher, insgesamt von mässiger Qualität, wie Geologe Peter Lüdin (Jäckli Geologie). Es brauche deshalb einen höheren Aufbereitungsaufwand. Dazu kommen Abbau-Material, das einer Deponie zugeführt werden muss sowie zusätzlich Unterhaltskosten. Ingesamt 3,25 Millionen Franken Mehrkosten.
  • Das Ja der Ortsbürger wäre nur die erste Hürde. Weitere wären ein Richtplanverfahren (Grossrats-Beschluss), eine Anpassung des Kulturlandplans von Klingnau (Beschluss Gemeindeversammlung) sowie die Genehmigung eines Baugesuchs mit Umweltverträglichkeitsprüfung (öffentliche Auflage).
  • Die Birchmeier AG hat laut eigenen Angaben bisher 350'000 Franken in das Projekt investiert. «Für weitere Investitionen brauchen wir Planungssicherheit», sagte Markus Birchmeier. Bis zum Abbaustart steigen die Investitionen auf 12 Millionen Franken.
  • Kaufen die Ortsbürger mit einem Ja die vielbeschworene «Katze im Sack», wie ein Votant befürchtete? «Nein», sagt Markus Birchmeier. Denn das Projekt wird nun weiter mit Gemeinde und Ortsbürgern «gemeinsam erarbeitet». Das macht Sinn: Schliesslich können die Klingnauer das Projekt auch nach einem Ja am 2. September noch zu Fall bringen.
  • Der regionale Marktwert für Kies bester Qualität liege bei 5.70 Franken pro Kubikmeter. Nebst dem Gutachten von Peter Lüdin, das die Birchmeier AG in Auftrag gab, hat die Gemeinde ein zweites Gutachten erstellen lassen - samt Preisempfehlung. Der Gemeinderat hat so die ersten zwei Angebote des Baugeschäfts von 4.36 und 4.80 Franken abgelehnt und schliesslich beim «letzten Angebot» von 5 Franken zugesagt. «Das ist Ende der Fahnenstange - mehr liegt nicht drin», sagte Birchmeier. Die 5 Franken pro Kubikmeter werden der Teuerung angepasst.
  • Die Birchmeier AG hat gemäss eigenen Angaben auch an anderen Standorten im Zurzibiet Probebohrungen vorgenommen. Dass es den Klingnauer Standort favorisiert, hat mehrere Gründe: Die ideale Lage, abgeschirmt durch einen Waldgürtel, mit wenig Emissionen die für Bevölkerung; die nahe Kantonsstrasse; ein genügend grosses Kiesvorkommen (Rentabilität); keine Grundwasser-Problematik und die Tatsache, sich nur mit einem Grundeigentümer einig werden zu müssen.
  • Die Kiesgrube muss wieder aufgefüllt werden. Im Falle eines Konkurses der Firma Birchmeier, die dieses Jahr ihr 75-Jahr-Jubiläum feiert, muss das mit einer Rücklage garantiert werden.
  • Die Birchmeier AG ist verpflichtet, das Landwirtschaftsland nach Abbau zu rekultivieren. Dessen Qualität muss mindestens gleich hoch sein wie vor dem Abbau.
  • Haftung und Versicherung liegen bei der Birchmeier AG, ebenso die Erschliessungskosten.
  • Wie viele Lastwagenfahrten auf der nahen Kantonsstrasse sind zusätzlich zu erwarten? Für den Betrieb der Kiesgrube wird eine Fahrt zirka alle 6 bis 8 Minuten zu erwarten sein. Dafür dürften in der Region LKW-Fahrten vom bisherigen Kleindöttinger Holcim-Kieswerk wegfallen, meinte Birchmeier.
  • In einem Teil des Gebiets Hard liegtder Nitrat-Gehalt des Grundwassers nahe am erlaubten Grenzwert. Gemäss Geologe Peter Lüdin ist der Material-Abbau unproblematischer als die landwirtschaftliche Nutzung. In Sachen Grundwasser gibt es strenge Auflagen, die im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung einzuhalten sind.

Hier geht es zu den Informationen von Gemeinde und Bauunternehmen Birchmeier.