Leuggern
Nach tragischer Kollision: Unfallopfer wird zur Paraplegikerin - jetzt sprach das Gericht das Urteil

Im Leuggermer Ortsteil Gippingen erfasste im vergangenen August eine Automobilistin eine Motorradlenkerin. Vor dem Bezirksgericht Zurzach beteuerte die Angeklagte ihre Unschuld.

Rosmarie Mehlin
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Der Unfall ereignete sich am 20. August des vergangenen Jahres. Die Lenkerin im Personenwagen übersah die Motorradfahrerin - mit fatalen Folgen.

Der Unfall ereignete sich am 20. August des vergangenen Jahres. Die Lenkerin im Personenwagen übersah die Motorradfahrerin - mit fatalen Folgen.

Kapo

Neben einem Maisfeld, über das sich ein wolkenlos blauer Himmel wölbt, steht ein weisser Personenwagen mit komplett eingedrückter linken Vorderseite. Davor liegen die Trümmer eines entzweigerissenen Motorrads: Das Polizeifoto datiert vom 20. August vergangenen Jahres, dem Tag, der das Leben der 51-jährigen Mona (Namen geändert) innert Sekunden auf tragische Weise veränderte.

Es war kurz vor 16 Uhr. Mona fuhr mit ihrem Motorrad auf der Kreuzstrasse von Gippingen Richtung Burlen. Zur gleichen Zeit war die 72-jährige Hanni mit ihrem Kleinwagen auf dem Steiächerweg unterwegs, um via Kreuzstrasse nach Gippingen zu gelangen. Kurz nach dem Einmünden kam es zur folgenschweren Kollision. Mona war schwer verletzt ins Spital überführt worden. Inzwischen ist sie – querschnittgelähmt – in einer Reha.

Hanni, angeklagt der fahrlässigen schweren Körperverletzung, musste sich jetzt vor Bezirksgericht Zurzach verantworten. Die Staatsanwältin warf ihr vor, unvorsichtig in die Kreuzstrasse eingebogen zu sein. Auf dem Steiächerweg hatte Hanni zunächst den Veloweg queren müssen, vor dem die Nicht-Vortrittsberechtigung auf der Strasse mittels sogenannter «Haifischzähne» weiss markiert war.

Sicht erschwert, oder ein dummer Zufall?

Ein hinter ihr fahrender Automobilist bezeugte bei der Polizei, dass Hanni vor dem Einbiegen recht lange gewartet habe, was die Beschuldigte vor Einzelrichter Cyrill Kramer mehrfach betonte:

«Es war ein dummer Zufall. Ich habe keinen Töfffahrer gesehen. Ich war sehr vorsichtig, habe sowohl vor dem Veloweg, als auch vor der Kreuzstrasse angehalten.»

Nebst dem Maisfeld hätten eine Baustellentafel sowie eine provisorische Bushaltestelle die Sicht erschwert. Die seit langem gesundheitlich angeschlagene Beschuldigte ist wieder im Besitz des Fahrausweises und war mit dem Auto nach Zurzach gekommen. Sie sagte dem Richter, sie denke oft an den Unfall. «Der Knall, das sitzt es ‹bitz› tief.»

Sie gibt kurze, klare Antworten, wirkte sehr gefasst, was offensichtlich auch ihrem Anwalt auffiel. So begann er denn sein Plädoyer mit den Worten «es geht nicht darum, hier und heute etwas vorzuheulen». Dass Hanni bisher keinen Kontakt zum Opfer hatte, liege einzig daran, dass Mona keinen solchen gewollt habe. «Auch meine Mandantin ist von den Folgen des Unfalls schwer getroffen, ja absolut traumatisiert.»

Gutachten kommt zum Schluss: Opfer hätte reagieren können

Hanni kenne die Stelle sehr gut, sie sei absolut ehrlich und ihre Aussage, dass sie vor dem Einbiegen mehrfach nach links und rechts geschaut habe, glaubhaft. «Über die Unfallursache kann nur spekuliert werden. Hat meine Mandantin das Motorrad übersehen, weil es im entscheidenden Moment von einer Tafel verdeckt war. Oder hatte die Motorradfahrerin falsch reagiert, indem sie dem einbiegenden Auto ausweichen wollte, dies aber auf die falsche Seite tat, nämlich nach links auf die Gegenfahrbahn, auf die Hanni bereits eingebogen war?»

Im verkehrstechnischen Gutachten sei festgehalten, dass es nicht zum Zusammenstoss gekommen wäre, wenn Mona geradeaus gefahren wäre oder gebremst hätte. Da die Verschuldensfrage in keiner Weise habe geklärt werden können respektive erhebliche Zweifel an der Schuld seiner Mandantin bestünden, sei diese nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» freizusprechen.

Schuldig im Sinn der Anklage

Einzelrichter Cyrill Kramer und sein Schreiber prüften die Argumente des Verteidigers eingehend und kamen zum Schluss, dass sich das unabhängige Gutachten, das im Übrigen noch vor dem Abschlussbericht der Polizei erstellt worden war, sich mit diesem deckt und dass das Verhalten von Hanni den Unfall verursacht hatte.

Die 72-Jährige wurde schuldig gesprochen gemäss Anklage. Auch die Strafanträge wurden zum Urteil erhoben: 20 800 Franken Geldstrafe bedingt auf zwei Jahre und 3000 Franken Busse. Genugtuung und Schadenersatz werden, wie von Monas Anwalt beantragt, auf den Zivilweg verwiesen.