Zurzibiet
Lengnau will Geld für Zurzibieter Mehrweg-Becher

Es ist definitiv kein April-Scherz: Lengnau beantragt beim Planungsverband ZurzibietRegio 13000 Franken, um damit ein Mehrwegbecher-System mit regionalen Motiven für das ganze Zurzibiet anzuschaffen. Alle Partymacher würden profitieren.

Nadja Rohner
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Bei Grossveranstaltungen wie dem Gurten-Festival werden schon heute Mehrwegbecher eingesetzt.

Bei Grossveranstaltungen wie dem Gurten-Festival werden schon heute Mehrwegbecher eingesetzt.

Keystone

Beim Greenfield-Festival und beim Gurten-Openair funktioniert es schon. Nun will die Umweltkommission Lengnau auch bei Veranstaltungen im Zurzibiet Mehweg-Becher einführen. Dafür beantragt die Gemeinde bei der Abgeordnetenversammlung des Regionaplanungsverbandes ZurzibietRegio 13 000 Franken. Die Abgeordneten entscheiden heute Abend darüber.

Das Konzept der Lengnauer Umweltkommission: Das Zurzibiet als Region schafft sich 20 000 Mehrweg-Becher an. Diese sind mit verschiedenen Motiven bedruckt, welche «die Konsumierenden an die Vielfalt der Region erinnern sollen» – ein Standortmarketinginstrument also. Die Herstellerfirma verwaltet die Becher.

Bei Bedarf können Zurzibieter Veranstalter so viele Becher mieten, wie sie benötigen. Die Firma liefert die Gefässe, wäscht sie nach Gebrauch ab und lagert sie wieder ein. Dieser Service kostet 15 Rappen pro Stück.

Mehrwegbecher: Die ökologische Lösung

Auch unter ungünstigsten Annahmen ist ein Mehrweg-System jeder Einweg-Lösung ökologisch deutlich überlegen» – so heisst es in einer Studie, die von den Umweltministerien Deutschlands, Österreichs und der Schweiz für die Fussball-Europameisterschaft 2008 in Auftrag gegeben worden war. Selbst das beste Einwegsystem oder kompostierbare Becher führten zu einer doppelt so hohen Umweltbelastung wie das ungünstigste Mehrweg-System. Dieses sei «mit Sicherheit die ökologisch beste Lösung» und entschärfte zudem das Littering-Problem wesentlich.
Laut der «IG Saubere Veranstaltung» schafft ein Mehrwegbecher aus Polypropylen etwa 150 Durchläufe, bis er aussortiert und rezykliert werden muss. Heissgetränke vertrage er nicht. Die Becher seien für Anlässe mit einem Bedarf ab 2000 Stück geeignet. Ein Einwegbecher koste zwar 10 Rappen weniger im Einkauf, dafür sei deren Entsorgung teuer. Man findet im Netz aber auch Kritik an den Mehrwegbechern. Etwa, dass der Personalaufwand für die Ausgabe und Rücknahme höher ist als bei einer Einweglösung und dass die Mehrwegbecher viel Platz beanspruchen. (nro)

Am Anlass selber erheben die Veranstalter auf jeden Becher ein Depot von zwei Franken. Bringt ein Gast den Becher nicht zurück – weil er ihn verliert, vergisst oder als Sammelobjekt nach Hause nimmt –, wandert der Betrag in einen Fonds. Davon werden wieder neue Becher angeschafft. Die Herstellungskosten pro Stück betragen etwa einen Franken. Nach dieser Rechnung finanziert sich das System nach dem Kauf einer «Erstausrüstung» also selber.

Die Idee ist nicht neu. Bereits am Dorffest «Lengnow 1212» vor fünf Jahren war Mehrweggeschirr im Einsatz – mit Erfolg, sagt Sonja Keller, Präsidentin der Umweltkommission. 32 000 schmutzige Becher und 7000 Teller mit Besteck landeten nicht im Abfall, sondern wurden wieder zurückgenommen.

Lag doch mal ein Becher herum, sei dieser rasch von Kindern aufgelesen worden, die sich so ihr Sackgeld aufgebessert hätten. Die Gärten der Anwohner, der Dorfbach und öffentliche Plätze seien kaum vermüllt worden. «Das OK konnte sogar einigen Putzequipen absagen und benötigte nur einen Teil des Abfallbudgets», so Keller weiter.

Veranstalter haben Interesse

Aufgrund dieser Erfahrungen wollen die Lengnauer nun das Konzept «Mehrwegbecher Zurzibiet» in der ganzen Region etablieren. Sonja Keller: «Wenn alle mitmachen, lohnt sich die Anschaffung.

Es gibt ja im Zurzibiet verschiedene einmalige und jährlich wiederkehrende Anlässe, wo man die Mehrweg-Becher gut einsetzen könnte.» Man habe bereits Veranstalter wie etwa das Lengnauer Halt-Festival, die Gippinger Radsporttage oder das Bad Zurzacher Fläckefäscht kontaktiert.

«Die Reaktionen waren durchweg positiv und verschiedene Veranstalter würden das Mehrweg-System gerne näher prüfen.» Vor allem die Aussicht, von einem bestehenden und etablierten System profitieren zu können, habe das Interesse der Veranstalter geweckt – «Müssten sie alle eigene Becher anschaffen, wäre das viel komplizierter», so die Umweltkommissions-Präsidentin.

Brauche jemand mehr als die geplanten 20 000 Zurzibieter Becher oder zusätzlich Geschirr und Besteck, könne dies bei derselben Servicefirma bestellt werden – in neutraler Ausführung, ohne Aufdruck.

Insgesamt sollen die Zurzibiet-Becher mit vierfarbigem Druck, Design und weiteren Ausgaben 26 000 Franken kosten. Bereits 2012 hatte die kantonale Abteilung Abfälle und Altlasten zugesagt, ein allfälliges Zurzibieter Mehrwegkonzept zu unterstützen – mit demselben Beitrag, den auch die beteiligten Gemeinden zahlen; maximal 13 000 Franken. Das Angebot gelte heute noch, obwohl die Abteilung sparen müsse, heisst es vonseiten des Kantons. Allerdings müsse das Projekt noch in diesem Jahr umgesetzt werden, sonst verfalle die Zusage.

Es sieht allerdings nicht danach aus, als würde sich der Gemeindeverband finanziell beteiligen. Der ZurzibietRegio-Vorstand beantragt bei der Abgeordnetenversammlung die Ablehnung der Bitte um 13 000 Franken. Die Unterstützung dieses Vorhabens gehöre erstens nicht zu den Hauptaufgaben eines regionalen Planungsverbandes, zweitens fänden Veranstalter, die Mehrweggeschirr- und -besteck verwenden wollen, auf dem Markt bereits zahlreiche Angebote, argumentiert der Vorstand. Diesen Bescheid gab er der Gemeinde Lengnau schon im letzten Herbst – allerdings beantragte Lengnau daraufhin die Aufnahme des Geschäfts als Traktandum an der Abgeordnetenversammlung, wo im Gegensatz zum Vorstand alle Zurzibieter Gemeinden Einsitz haben.

Auch bei einem Nein vonseiten des Gemeindeverbandes muss das Projekt nicht zwingend abgeschrieben werden. Denkbar wäre, dass einzelne Gemeinden beschliessen, gemeinsam ein für das ganze Zurzibiet nutzbares Bechersystem anzuschaffen. Durchaus möglich, dass der Kanton dann sein Versprechen für einen finanziellen Zustupf aufrecht erhält. «Wir müssten die Sache noch einmal prüfen», sagt David Schönbächler, Teamleiter Abfallwirtschaft beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt. Grundsätzlich stehe man dem Projekt aber positiv gegenüber.

Theoretisch könnte eine Gemeinde das Projekt auch alleine stemmen. Dass Lengnau selber Zurzibiet-Becher kauft, sei aber nicht geplant, sagt Sonja Keller. Auch ein «Surbtal»-Becher stehe nicht zur Debatte, obwohl die drei Gemeinden ansonsten in Umwelt-Fragen gerne zusammenspannen.

Kommentar: Wer lässt einen Batzen springen?

von Nadja Rohner

Lengnau beantragt beim Planungsverband ZurzibietRegio 13 000 Franken, um damit ein Mehrwegbecher-System mit regionalen Motiven für das ganze Zurzibiet anzuschaffen. Der Verbandsvorstand empfiehlt der Abgeordnetenversammlung jedoch, den Antrag abzulehnen. Das Argument, man sei als Institution nicht dafür zuständig, kann man gelten lassen. Dennoch ist die Idee der Lengnauer gut und die Kosten vertretbar, zumal der Kanton die Hälfte übernehmen will. Es gäbe ja noch andere Akteure im Zurzibiet, die einen Batzen zugunsten der Region springen lassen könnten – warum nicht einzelne Gemeinden? Oder das Wirtschaftsforum, das im Auftrag des Planungsverbandes eine Standortmarketingkampagne betreibt? Es wäre schade, wenn das Projekt einfach in der «Leider nein»-Schublade verschwindet.