Döttingen
Lehre trotz Handicap: Diese KV-Stiftin machts in Döttingen vor

Lea Gauch aus Böbikon lässt sich auf der Gemeindeverwaltung Döttingen zur Kauffrau mit Berufsmatura ausbilden. Doch sie ist keine gewöhnliche KV-Stiftin. Die 16-Jährige hat Glasknochen.

Nadja Rohner
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Lea Gauch aus Böbikon ist die erste Lernende der Gemeinde Döttingen mit einem Handicap.

Lea Gauch aus Böbikon ist die erste Lernende der Gemeinde Döttingen mit einem Handicap.

EMANUEL PER FREUDIGER

Tausende neue Lernende in der Schweiz haben mittlerweile ihre ersten Wochen im Berufsleben hinter sich gebracht. Eine von ihnen ist Lea Gauch, die sich auf der Gemeindeverwaltung Döttingen zur Kauffrau mit Berufsmatura ausbilden lässt. Die 16-Jährige mit der feinen Stimme und dem schüchternen, gewinnenden Lächeln ist keine gewöhnliche Stiftin – sie hat Glasknochen und ist die erste Auszubildende der Gemeinde Döttingen mit einem Handicap.

Sie könne ihren Alltag selber bewältigen, erzählt die Zurzibieterin beim Treffen im Gemeindehaus. Weil Lea Gauch nicht lange stehen und gehen kann, ist sie grösstenteils auf den Rollstuhl angewiesen. Ihr Berufsfindungsprozess lief ganz ähnlich ab wie bei anderen Jugendlichen: Informationen sammeln, schnuppern, bewerben, hoffen, bangen, freuen.

Arbeit mit Handicap: Es gibt nicht viele Lehrstellen

Gemäss Zahlen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2007 sind 59 Prozent der behinderten Menschen, die in Privathaushalten leben und zwischen 15 und 64 Jahre alt sind, erwerbstätig. Bei Menschen ohne Behinderung sind es 80 Prozent. Seit 2004 gilt in der Schweiz das Gesetz für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Es will verhindern, dass Menschen wegen ihrer Behinderung in Beruf und Gesellschaft benachteiligt werden, und bestehende Diskriminierung beseitigen.

Die Stiftung «My Handicap» beschreibt den Berufsfindungsprozess für Jugendliche mit Behinderung auf ihrer Website. In der freien Wirtschaft gibt es laut der Stiftung nicht viele Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Behinderung. Meist fänden sie ihre Lehrstellen über Beziehungen. Fachleute der IV begleiten den Berufsfindungsprozess bereits während der Schulzeit. Hat der Versicherte noch keine Berufsbildung, übernimmt die IV die Kosten, die Versicherten aufgrund ihrer Invalidität entstehen. Nach der Lehre helfen IV-Berufsberater auch bei der Arbeitsvermittlung. (NRO)

Unterstützung hatte sie von der IV-Beratungsstelle, die mit ihr die verschiedenen Optionen besprach – «aber die Lehrstelle habe ich selber gesucht», stellt Lea Gauch klar. Dabei hätte die ehemalige Bezirksschülerin mit ihren guten Noten auch eine Mittelschule besuchen können.

«Ich wollte aber lieber gleich einen Beruf erlernen – einen, in dem man viel Kundenkontakt hat.» Das sei ihr besonders wichtig gewesen, deshalb habe sie nach einer Schnupperlehre den Berufswunsch Hochbauzeichnerin wieder fallen gelassen: «Den ganzen Tag nur am PC sitzen, das wäre nichts für mich.» Gauch ist sich bewusst, dass sie auffällt – verstecken will sie sich aber nicht. «Es ist halt so, wie es ist», sagt sie, «und ich finde es wichtig, dass man sich nicht zurückzieht.»

Um nicht jedem einzelnen Döttinger auf der Gemeindeverwaltung ihre Geschichte erzählen zu müssen, tat es Gauch via Mitteilungsblatt. «Seither glaube ich, die Leute erkennen mich und meinen Rollstuhl im Dorf, obwohl sie mich noch nie zuvor gesehen haben», sagt sie und lacht.

Eine ganz normale junge Frau

Auch ihrer Berufsschulklasse hat Lea Gauch – auf Anregung des Schulleiters – vor Schulbeginn einen entsprechenden Brief geschickt. «Um ihnen zu sagen, dass mein Rollstuhl mich nicht daran hindert, meinen Alltag zu bewältigen – und dass ich auch gerne in den Ausgang gehe, oder zum Schwimmen und zum Shoppen.» Nicht zuletzt deshalb hat sie sich schnell in der Klasse eingelebt, auch das Klassenlager konnte sie problemlos besuchen.

Lea Gauch gefällt es gut an ihrem Arbeitsplatz auf der Einwohnerkontrollstelle. Dass sie eine Lehrstelle gefunden hat, mag für die junge Frau eine noch grössere Erleichterung gewesen sein als für andere Schulabgänger.

«Ich habe etwa sieben oder acht Bewerbungen verschickt», erzählt sie. «Nur an Firmen, deren Gebäude rollstuhlgängig ist.»

Dabei habe sie sich auch Gedanken darüber gemacht, ob sie bereits in der Bewerbung auf ihr Handicap hinweisen sollte – «wenn ich es mache, riskiere ich, dass mich jemand deswegen nicht will. Wenn ich es nicht von Anfang an sage, heisst es nachher, ich sei nicht ehrlich gewesen.»

Gauch war ehrlich – dann kam als allererste Antwort auf ihre Bewerbungen die Absage einer Anwaltskanzlei: «Man könne mich wegen des Rollstuhls nicht einstellen, hiess es», erzählt die junge Frau und wird zum ersten Mal im Gespräch richtig energisch.

«Dabei hatten sie mich noch nie gesehen. Und sie haben einen Lift im Gebäude. Da hatte ich schon das Gefühl, man lehnt mich ab, nur weil ich auf den Rollstuhl angewiesen bin. Weil es die erste Antwort auf meine Bewerbungen war, bekam ich ein bisschen Angst, dass ich nichts finde.»

Gauch meldete sich noch einmal telefonisch bei der Kanzlei, wurde doch noch zum Gespräch eingeladen – und war am Ende prompt die Favoritin für die Lehrstelle: «Zu diesem Zeitpunkt konnte ich aber schon aus mehreren anderen Lehrstellen auswählen», erzählt die junge Frau. Sie entschied sich schliesslich für die Gemeindeverwaltung Döttingen.

Wer trägt die schweren Kartons?

Dort hat Lea Gauchs Handicap bei der Stellenvergabe kaum eine Rolle gespielt, sagt Gemeindeschreiberin Doris Bruggmann und lächelt ihrer Lehrtochter zu.

«Bei uns stehen Interesse und Einsatz im Vordergrund. Wir kannten Lea schon von einer Schnupperlehre und wussten daher, dass sie diese Eigenschaften mitbringt – und wir haben richtig ausgewählt: Lea macht uns viel Freude.»

Bruggmann rät allen Lehrmeistern, Bewerbern mit Handicap nicht gleich abzusagen: «Man sollte die Person in den Vordergrund stellen und erst hinterher schauen, wie allfällige Probleme gelöst werden können.»

Auch bei Lea Gauch mussten einige Dinge geklärt werden, zumal sie während der dreijährigen Lehrzeit die Abteilungen mehrmals wechseln wird. Wer geht zur Post? Wer trägt die schweren Kartons? Und wie kann die klein gewachsene Lea Gauch über den hohen Schalter der Einwohnerkontrolle hinweg Kunden bedienen?

«Dafür haben wir extra eine Vorrichtung für den Rollstuhl anfertigen lassen – ich kann mich darauf stellen, wenn ich an den Schalter muss, und bin dann gross genug», erzählt die angehende Kauffrau.

Eine Sonderanfertigung ist auch ihr Auto – dank einer Spezialbewilligung darf Lea Gauch bereits mit 16 Jahren ihren Führerschein machen.

Die ersten Fahrstunden mit dem Automaten hat sie hinter sich. «Ich wohne in einem kleinen Weiler bei Böbikon, da ist man wirklich auf ein Auto angewiesen. Bisher mussten mich meine Eltern überall hinfahren – deshalb freue ich mich jetzt umso mehr, bald richtig selbstständig zu sein.»

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