Kolumne
Vor 100 Jahren: Als die Inflation viele Schweizer über die deutsche Grenze nach Waldshut lockte

Valutaelend herrschte im Herbst 1921 im Kreis Waldshut: Im vergangenen Jahrhundert nutzten zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer den guten Währungskurs ennet der Grenze aus - und sollen dabei Stoffvorrat für Jahrzehnte gekauft haben.

Werner Huff, Südkurier
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Die Inflation von 1923 führte in Deutschland zu Milliarden-Mark-Banknoten. Aber auch schon 1921 gab es einen starken Währungsverfall.

Die Inflation von 1923 führte in Deutschland zu Milliarden-Mark-Banknoten. Aber auch schon 1921 gab es einen starken Währungsverfall.

Erhard Morath / Südkurier

Das geflügelte Wort vom „Valutaelend“ machte im Herbst 1921 die Runde. War ein US-Dollar im Vorkriegs-Sommer 1914 für 4,20 Mark zu haben, kostete er im Herbst 1921 bereits 127,37 Mark. Die deutsche Inflation lockte immer mehr Käufer aus der Schweiz auch in den Kreis Waldshut, wo sie für 2,20 Franken 100 Mark einwechseln konnten.

Unter der Überschrift „Valutaelend“ stand im Alb-Bote vom 19. November 1921 diese Notiz zu lesen: „Es ist hinreichend bekannt, dass uns das Ausland in den letzten Wochen infolge des Tiefstandes unseres Geldes gehörig ausgenützt hat. Ein Landwirt von „drüben“ soll für etwa 60.000 Mark Stoffe auf Vorrat bei uns gekauft und eine Frau für sich und ihre Töchter für Jahrzehnte Wäsche und Kostümstoffe beschafft haben. Wenn auch nur die Hälfte davon wahr ist, so ist‘s genug, um sich vorstellen zu können, wie besonders unser Badnerland ausgesogen worden ist.“

Schweizer hätten ihre neu gekauften Kleider noch in Waldshut angezogen

Der Ausverkauf der Grenzstädte müsse unterbunden werden, hiess es in einem weiteren Artikel des Alb-Bote über eine Protestversammlung gegen Wuchergeschäfte. Dabei schilderte der damalige Staatsanwalt Dr. Gerard, dass die Gefängnisräumlichkeiten nicht mehr ausreichten, um die täglich wegen Wuchergeschäften Verhafteten – 15 bis 20 Mann – aufnehmen zu können.

Beschämend sei auch, dass in Waldshut und in Tiengen den Schweizern noch Lokale zur Verfügung gestellt würden, wo sie sich umziehen könnten, um so die eingekauften Kleidungsstücke durch den Schweizer Zoll zu bringen.

Der Zoll reagierte darauf laut einem Bericht im Alb-Bote vom 21. November 1921, die Schweizer Ausreisenden zu plombieren. „Jedes Kleidungsstück, Schuhe, Regenschirme oder was der Schweizer sonst bei sich trägt, wird mit einer Plombe geschmückt, deren Vorhandensein bei der Rückkehr in die Schweiz kontrolliert wird. Was nicht plombiert ist, kostet Einfuhrzoll. Damit dürfte jene schöne Zeit für Schweizer vorbei sein, in der man die in Deutschland gekauften Kleider, Schuhe und Wäschestücke gleich anzog, um den Zoll zu täuschen“, endete die Notiz im Alb-Bote.

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