Koblenz
Doppelmord an Heiligabend: Als ein Rechtsextremer im Aargau einen Grenzwächter und einen Polizisten erschoss

Vor 40 Jahren, am 24. Dezember 1980, erschoss ein deutscher Neonazi einen Grenzwächter und einen Polizisten in Rietheim respektive Koblenz. Die Bluttaten machten schweizweit Schlagzeilen und führten zu einer stundenlangen Verfolgungsjagd nach dem Täter – Zeitzeugen erinnern sich.

Philipp Zimmermann
Merken
Drucken
Teilen

Bilder: pz

Die Erinnerung an den Doppelmord am Heiligabend vor 40 Jahren verblasst. Hans Strub aber erinnert sich noch gut an die Ereignisse. Der 84-Jährige war damals der Chef des Grenzwachtpostens von Koblenz an der Rheinbrücke nach Deutschland.

Er war es auch, der damals mit seinem mittlerweile verstorbenen Kollegen Ueli Nägeli am Rheinuferweg zwischen Koblenz und Rietheim das erste Todesopfer eines deutschen Rechtsradikalen fand, den 38-jährigen Grenzwächter Josef Arnold. Er wies zwei Schusswunden auf, eine am Oberkörper, eine am Kopf. Hans Strub erzählt:

Er war mit einer Pelerine und Tannenzweigen zugedeckt. Sein Funkgerät lag neben ihm.

Beim Täter handelte es sich um den 23-jährigen Rechtsextremen Frank Schubert. Er war erst drei Jahre zuvor aus Ostberlin in die Bundesrepublik übergesiedelt, lebte in Frankfurt und gehörte der Gruppe «Volkssozialistische Bewegung Deutschlands» an. An jenem Heiligabend wollte der Neonazi Waffen von der Schweiz über den Rhein nach Deutschland schmuggeln. Er hoffte wohl, dabei nicht gestört zu werden. Bei sich hatte er ein Schlauchboot und einen Taucheranzug.

Josef Arnold war – wie damals noch üblich – allein auf Patrouille, kam von Zurzach her. Er war sich der Gefahr offenbar nicht bewusst, ehe es um zirka 14.30 Uhr zur verhängnisvollen Begegnung kam. «Das hätte jedem passieren können», sagt Hans Strub. «So etwas hat es damals nicht gegeben bei uns.» Auch der damalige und langjährige Koblenzer Gemeindeschreiber Alfred Frei bestätigt: «Die Ereignisse an jenem Tag kamen für unsere Region aus dem Nichts.»

Ein Zugführer sah Schubert bei der Durchfahrt der Bahn, wie dieser einen «länglichen Gegenstand» umherschleifte – es war Arnold. Als der Grenzwächter per Funk nicht mehr erreichbar war, gingen auch die Polizisten Walter Wehrli, 31, und Josef Weibel, 29, auf die Suche. In einem roten Mini Cooper fuhren sie, auf einem Weg vom Laufen herkommend, um zirka 14.45 Uhr nach Koblenz.

Am Dorfeingang an der Tüftelstrasse sahen sie einen Fussgänger. Es handelte sich um Schubert. «Bevor das Polizeiauto anhielt, eröffnete dieser Mann blitzartig das Feuer auf die beiden Polizeibeamten im Auto drin», sagte der damalige Aargauer Polizei-Kommandant Léon Borer dem Schweizer Fernsehen im folgenden Beitrag:

Weibel rettete sich gerade noch, indem er einen kleinen Abhang hin­unterrollte. Durch drei Beinschüsse verletzt, kam er beim mittlerweile verstorbenen Anwohner Günther Fried unter, der Alarm schlug. Wehrli dagegen, der am Steuer sass, wurde tödlich getroffen. Schubert zerrte ihn aus dem Auto und fuhr davon.

Der damalige Polizeiposten befand sich im Gemeindehaus. Alfred Frei, der heute seinen 73. Geburtstag feiert, erinnert sich an die letzte Begegnung mit Polizist Wehrli:

Wir haben uns noch schöne Weihnachten gewünscht.

Drei Stunden später erhielt er per Telefonanruf die Hiobsbotschaft. Die Polizei richtete im Gemeinderatszimmer eine Kommandozentrale ein. «Gemeindeammann Josef Heimgartner und ich halfen mit unseren Ortskenntnissen», sagt Frei. «Die Fahndung haben wir hautnah mitbekommen. Das war Knochenarbeit. Damals wurde noch mit Funk gearbeitet.»

Nach und nach kamen immer mehr Polizisten per Auto zum Gemeindehaus. Am Grenzübergang schauten Beamte mit Maschinenpistolen in Kofferräume. Die Sirene einer Ambulanz war zu hören. Das alles schreckte die Bevölkerung auf. Gerade für die Frauen der Grenzwächter waren es Stunden voller Angst, als ihre Männer ausrücken mussten. «Sie wussten, dass jemand ermordet worden war», erzählt Hans Strub.

Die Tatorte im Überblick:

Im Radio wurde die Bevölkerung um Mithilfe gebeten. Léon Borer überbrachte der Ehefrau von Wehrli die traurige Nachricht, als diese gerade den Weihnachtsbaum schmückte. «Das vergesse ich nie mehr», sagte er noch Jahre später.

Im Unteren Aaretal folgte «eine Verbrecherjagd, wie es sie seit Jahrzehnten im Kanton Aargau nicht mehr gegeben hat», sagte Borer später. Schubert fuhr über Felsenau und Leuggern in Richtung Böttstein. Im Wald nahe der Kiesgrube und dem Friedhof stellte er das beschädigte Fluchtauto ab. Anwohner Leo Kalt, auch er mittlerweile verstorben, fiel das beschädigte Auto auf. So sah es damals aus:

Screenshot SRF

Nach dieser Meldung um 16.25 Uhr riegelten 200 Polizisten das Gebiet ab, errichteten Strassensperren. Schubert flüchtete am Dorf Eien vorbei in Richtung Aare.

Etwa auf Höhe der Beznau-Insel stach er im folgenden Bild recht ein Waldstück hinauf, einem Bach entlang mitten ins Dorf Böttstein:

pz

Nur wenig später, kurz vor 20 Uhr und bei der Abzweigung zum Schloss, forderten ihn zwei Polizisten zum Stoppen auf. Schubert feuerte blitzartig los, die Polizisten schossen zurück. Eine Kugel traf die Schulter des 38-jährigen Polizisten Hanspeter Gehriger. Der Terrorist versteckte sich im Gestrüpp beim Schlossweiher. So sieht es dort heute aus:

pz

Augenzeugen hörten einen weiteren Schuss. Bald stürmten mit Panzerwesten gesicherte Polizeigrenadiere das Versteck und fanden Schubert tot auf. Er hatte sich selbst gerichtet. Eine Pistole und 540 Schuss Munition hatte er bei sich, ebenso zwei Ausweise, einen mit falschem Namen.

Für Wehrli und Arnold fanden grosse Trauerfeiern mit Bestattungen in Aarau/Küttigen respektive Spiringen im Urnerland statt. Im Koblenzer Friedhof erinnert heute noch eine schlichte Gedenktafel an die beiden Todesopfer:

Bilder: pz