Weinbau
Klage gegen Chemieriesen? «Ein Alleingang vor Gericht ist nicht mein Ziel»

Durch den Einsatz des Pilzschutzmittels «Moon Privilege» ist Schweizer Winzern ein Schaden von rund 100 Millionen Franken entstanden. Der Klingnauer Andreas Meier wartet auf das Ergebnis am Verhandlungstisch.

Andreas Fretz
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Winzer Andreas Meier aus Klingnau ist Inhaber des Würenlinger Weinguts zum Sternen. (Archiv)

Winzer Andreas Meier aus Klingnau ist Inhaber des Würenlinger Weinguts zum Sternen. (Archiv)

Tanja Demarmels

Herr Meier, einige Ihrer Rebsorten wurden durch das Pilzschutzmittel «Moon Privilege» geschädigt. Sie
haben sich nun mit Ihrem Anwalt getroffen, um über eine Klage gegen den Chemieriesen Bayer zu beraten.

Andreas Meier: Für uns geht es darum, den erlittenen Schaden an den Reben zu definieren. Wir sind nun daran, die Daten zusammenzutragen. Wir vergleichen den Zielertrag, der von Jahr zu Jahr variiert, mit dem tatsächlichen Ertrag. Daraus berechnen wir den Ernteausfall. Bis nächste Woche haben wir die Summe zusammen.

Also keine Klage?

Die Option besteht nach wie vor. Wir haben uns an die juristischen Vorgaben gehalten, eine Mängelrüge erstellt und alle Fristen eingehalten. Es ist aber nicht mein Ziel, im Alleingang gegen Bayer vor Gericht zu ziehen. Vielmehr sollen sich die Winzer dem Schweizer Weinbauernverband und dessen Strategie anschliessen. Der Verband macht seinen Job ausgezeichnet. Sein gutes Netzwerk macht sich nun bezahlt.

Wie geht es weiter?

Eine Arbeitsgruppe hat definiert, welche Daten Bayer zur Verfügung gestellt werden. Für den 3. November ist ein Treffen zwischen einer Gruppe des Weinbauernverbands und einem Vertreter von Bayer geplant. Da werden die Modalitäten der Schadensbemessung festgelegt.

Der Verband forderte die Winzer auf, noch keine Daten an Bayer weiterzuleiten. Weshalb?

Damit Bayer nicht mit Einzelnen einen Vergleich abschliesst und dann sagen kann: «So machen wir es mit allen.» Diejenigen, die ihre Hand für ein Vergleichsangebot öffnen würden – und davon gibt es in der jetzigen angespannten Lage wohl einige – dürfen nicht zum Regelfall werden.

Gerüchteweise ist zu hören, dass es bereits im Vorjahr Probleme mit dem Pilzschutzmittel «Moon Privilege» gab?

Davon habe ich gehört. Das Mittel wurde 2013 erstmals zugelassen. Beim Einsatz treten die Probleme an den Beeren ein Jahr später auf, also erstmals 2014. Offenbar haben aber die Betroffenen und auch die Experten den Zusammenhang zwischen «Moon Privilege» und den Wachstumsanomalien damals noch nicht verstanden und einordnen können. In diesem Jahr war das Problem aber so flächendeckend, dass der Zusammenhang mit Bayers Pilzschutzmittel offensichtlich scheint.

«Moon Privilege» wurde von vielen Winzern verwendet?

Ja, grundsätzlich ist es ein gutes, interessantes Produkt. So wie der Mensch zum Beispiel eine Resistenz gegen Antibiotika entwickeln kann, können auch Reben Resistenzen entwickeln. «Moon Privilege» war eine neue Option und deshalb eine gute Antiresistenz-Strategie. Aus diesem Grund wurde es auch von vielen Winzern eingesetzt.

Ist Ihre Vorfreude auf den Jahrgang 2015 nun getrübt?

Ganz im Gegenteil. Die Weinlese war nach dem schönen Sommer ein wahrer Festakt. Man hat kaum einzelne Beeren aussortieren müssen. Die Menge fällt durch den Ernteausfall an den betroffenen Rebsorten zwar geringer aus, aber die Qualität überzeugt. Besonders der Rotwein wird ein wunderbarer Jahrgang. Der Weisswein wird durch den hohen Zuckergehalt sehr kräftig.