Kaiserstuhl
«Kirche findet da statt, wo die Menschen sind»

Vortrags- und Diskussionsabend zum Verhältnis der Kirche zu den Medien – und der Medien zur Kirche.

Christoph Bopp
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Ausblenden liess sich das Thema Japan nicht, wenn ums «Spannungsfeld Medien – Kirche» diskutiert werden sollte. Aber ganz klar wurde ihre Rolle auch nicht. «Der Glaubensfaktor wird grösser, wenn die Komplexität einer Sache wächst», sagte der stellvertretende az-Chefredaktor Werner De Schepper in seinem Eingangsreferat. Das leuchtet ein: Je weniger wir von etwas verstehen, desto mehr müssen wir uns auf Fremdwissen – im besten Fall und meist auf das von Experten – verlassen. Aber damit ist der existen-zielle oder der theologische Kern des Problems eigentlich noch nicht berührt. «Irgendwann führt es unweigerlich zur Sinnfrage», sagte De Schepper folgerichtig: «Wo war Gott, als die
Erde bebte?»

Solange das Grauen, der Schrecken und die Angst vor dem, was die Katastrophe noch bringen mag, anhalten, wird es schwierig sein, darauf eine Antwort zu geben. Die Institution Kirche sollte sich eher hüten, darauf schon früh Antworten geben zu wollen. Die fallen fast unweigerlich unzulänglich und unbefriedigend aus. Aber in der Kirche soll darüber gesprochen werden. In der Kirche wird das Evangelium, die frohe Botschaft verkündet. Die Bibel, besonders die Geschichten von Jesus, steht mitten im Leben. Und irgendwo da drin werden sich auch Antworten finden lassen auf die Frage: «Wohin soll das noch führen?»

Die Kirche muss sich melden

Eigentlich war der Anlass, den die Stiftung St.Katharina und die Kirchenpflege Kaiserstuhl-Fisibach in der Kirche Kaiserstuhl ausrichteten, nicht dafür gedacht. Sondern man wollte darüber diskutieren, wie sich die Kirche gegenüber der heutigen Medienwelt verhalten soll. Das ist nicht ganz unproblematisch, die modernen Medien haben nicht den besten Ruf. Stichwort Boulevard, nur Bad News, Promi-Klatsch statt seriöser Information, Populismus statt Aufklärung. Das soll man zwar nicht wegdiskutieren, sagte De Schepper, der ehemalige Chefredaktor des «Blicks», «aber die Kirche muss in den real existierenden Medien reden». Darauf zu warten, dass sich die Medienwelt bessert oder gar selbst meldet, bringe nichts. Und als Beispiel, dass durchaus auch der Boulevard den Menschen Sinn und Verstand offen halten kann, zitierte er die «Bild»-Zeitung, die in ihrer Ausgabe vom Dienstag durchaus die richtigen Fragen angesichts der Japan-Katastrophe gestellt habe.

Keine Politik in der Kirche

Lieber etwas Distanz zur Aktualität wünschte sich SVP-Nationalratskandidat Hansjörg Knecht von der Kirche. «Die Kirche mischt sich zu viel ein in die Politik», sagte er, «es gehört sich nicht, dass Politiker auf der Kanzel predigen und Pfarrer politisieren.» Das wollte Jasmin von Wartburg, Pfarrerin der Reformierten Teilkirchgemeinde Ehrendingen-Freienwil, nicht stehen lassen. «Als Christin soll ich eine Meinung haben, auch zu einem politischen Thema. Eine Meinung, nicht die Wahrheit. Aber wenn man dar-über nicht reden darf, macht sich die Kirche unglaubwürdig.»

Die Glaubwürdigkeit der Kirche war auch ein wichtiges Problem für den Lengnauer Kurt Schmid. Der Präsident des Aargauischen Gewerbeverbandes kandidiert für die CVP für den Stände- und den Nationalrat. Er sieht die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche eher gefährdet durch die Äusserlichkeit, die um sich greift. «Kirche darf keine Show sein», kritisierte er die Freikirchen, die damit erfolgreich junge Leute in die Gottesdienste locken. Er wünscht sich eher eine Oase der Besinnung, der Ruhe, sieht den Gottesdienst als eine Art spirituelle Therapie. «Das Christentum wird eine Renaissance erleben», war er überzeugt. «Aber die Kirche muss sich tiefgründig mit den Entwicklungen der Gesellschaft auseinandersetzen, mit der Betonung auf tiefgründig.» Die Medien hätten da eine Verantwortung.

Was ist der Auftrag der Kirche?

«Kirche findet da statt, wo die Menschen sind», sagte De Schepper in Anlehnung an Matthäus 18, 20: «...wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.» Das bedeutet auch, dass man nicht nur dann gläubig ist, wenn man in die Kirche geht, erinnerte Kurt Schmid. Und De Schepper fragte: «Was ist eigentlich der Auftrag der Kirche? Die Kirche jeden Sonntag zu füllen?» Mit dem Doppelsinn in der Wortbedeutung machte er schon vieles klar. «Es geht um die frohe Botschaft. Ich finde es nicht so schlimm, wenn etwas Show dabei ist. Ging es stier zu, als Jesus die Hungrigen speiste? Aber die Botschaft darf nicht in der Show verloren gehen.»