Wettermisere
Katastrophales Jahr für Bauern: Wird jetzt das Brot teurer?

Landwirte klagen über die schlechteste Weizenernte seit Jahrzehnten. Bauer Otto Zimmermann beispielsweise hat 40 Prozent weniger Ertrag gegenüber dem Vorjahr. Sie hoffen, wenigstens keine Verlust einzufahren.

Pascal Meier
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«So etwas habe ich in 25 Jahren nicht erlebt»: Der Döttinger Landwirt Otto Zimmermann hat rund 40 Prozent weniger Weizen geerntet als üblich.

«So etwas habe ich in 25 Jahren nicht erlebt»: Der Döttinger Landwirt Otto Zimmermann hat rund 40 Prozent weniger Weizen geerntet als üblich.

Pascal Meier

Otto Zimmermann ist kein Bauer, der gern jammert. «Schlechte Jahre sind interessanter als gute», pflegt der 56-jährige Landwirt aus Döttingen zu sagen. Das Erntejahr 2016 jedoch sei zum Vergessen. «So etwas habe ich in den vergangenen 25 Jahren als Bauer nicht erlebt.»

Otto Zimmermann meint seine Weizenernte, die er vor einer Woche abgeschlossen hat. Der Ertrag auf den 6,5 Hektaren Ackerfläche ist im langjährigen Vergleich um etwa 40 Prozent eingebrochen. «Viele Kollegen beklagen ebenfalls massive Ausfälle, einige Bauern legen beim Weizen drauf.» Er kenne Landwirte, die zudem ihre Ernte wegen ungenügender Qualität in einer Biogasanlage entsorgen müssten.

Ähnlich tönt es aus anderen Regionen des Kantons. «2016 ist ein Katastrophenjahr», sagt Peter Stalder, Geschäftsführer der Landi Aarau West. Diese führt in Kölliken, Oberkulm und Däniken SO Sammelstellen, wo Landwirte aus dem Wynental, Suhrental und Niederamt Getreide anliefern. Bei der Gerste verzeichnet die Landi einen Rückgang von rund 20 Prozent, beim mahlfähigen Weizen 50 Prozent. Bauern, die über 40 Jahre im Geschäft sind, klagen, dass es noch nie so schlimm war. Die Landi Aarau West rechnet mit grossen Einbussen. «Das wird sich stark auf unser Jahresergebnis auswirken», sagt Stalder. «Wir verarbeiten viel weniger Getreide bei etwa gleich hohen Fixkosten.»

Ähnlich sieht es in den Büchern von SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht aus, der in vierter Generation die Mühle Leibstadt führt. «Bei uns werden beim Weizen
25 bis 50 Prozent weniger Erträge abgeliefert. Und was ankommt, ist oft nicht von bester Qualität.» Dies sei für die Bauern und die Mühle-Mitarbeiter frustrierend.

Ernte muss verbrannt werden

Schuld an der Misere ist das Wetter. «Der nasse Mai und Juni hat zu grossen Schäden geführt», sagt Hansjörg Knecht. Die Weizenkörner hätten sich nicht richtig ausbilden können. Die Folge sind Schrumpfkörner. Diese bringen bei der Getreideannahmestelle weniger auf die Waage und dem Bauern weniger Geld – vor allem, wenn die Körner so klein sind, dass sie nicht mehr für Lebensmittel verwendet werden können und zu einem tieferen Preis als Futtergetreide enden.

Hansjörg Knecht, Mühle Leibstadt «Beim Weizen werden 25 bis 50 Prozent weniger Erträge abgeliefert. Das ist frustrierend.»

Hansjörg Knecht, Mühle Leibstadt «Beim Weizen werden 25 bis 50 Prozent weniger Erträge abgeliefert. Das ist frustrierend.»

AZ

Kommt hinzu: Im nasskalten Wetter sind ganze Weizenfelder von Pilzen befallen worden. Schmerzlich mussten Landwirte akzeptieren, dass ihr Getreide wegen zu hoher Belastung durch den Pilzgiftstoff Mykotoxin nicht für Lebensmittel- und Futterzwecke verwendet werden kann. Bei den Annahmestellen fielen rot verfärbte Körner auf. Mykotoxin wirkt im Körper von Tieren giftig und kann zu Aborten führen. Solches Getreide muss entsorgt werden.

Grosse regionale Unterschiede

Was heisst die schlechte Getreideernte für den Konsumenten? Denn laut Bauer Otto Zimmermann hätte eine solche Missernte vor 150 Jahren zu hohen Lebensmittelpreisen, wenn nicht sogar zu einer Hungersnot geführt. Wird nun in der Schweiz der Weizen knapp und damit das Brot teurer? Die Frage geht an Stephan Scheuner, Geschäftsführer von Swiss Granum, der Schweizerischen Branchenorganisation Getreide, Ölsaaten und Eiweisspflanzen. «Prognosen sind zurzeit nicht möglich, die Ernte ist noch nicht überall abgeschlossen.» Scheuner rechnet aber damit, dass die Erträge deutlich tiefer ausfallen als in den Vorjahren, jedoch mit regionalen Unterschieden. «Wie es dieses Jahr aussieht, werden wir erst im Oktober wissen; eine erste gesamtschweizerische Hochrechnung wird Mitte August vorgenommen.» Auch wenn die Weizenerträge massiv einbrechen, hätte dies kaum Auswirkungen auf die Preise. «Beim Schweizer Getreide gibt es festgelegte Richtpreise, an denen sich die Marktpartner orientieren.» Die Schweizer Getreideproduktion decke grundsätzlich die Nachfrage.

2016 droht Nullrunde

Keine Richtpreise gibt es dagegen für die betroffenen Bauern: Otto Zimmermann vom Döttinger «Sonnenhof» rechnet dieses Jahr beim Getreide mit einer Nullrunde. «Das ist heftig für uns, denn die Lohn- und Fixkosten bleiben hoch.» Obwohl Zimmermann auch beim Gemüse grosse Ausfälle zu beklagen hat, hofft er, 2016 zumindest mit einer Schwarzen Null abschliessen zu können. «Dafür muss es jetzt aber relativ trocken bleiben.»

Statistisch betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit hoch: In Döttingen, das zu den trockeneren Orten im Kanton gehört, sind dieses Jahr bislang bereits 876 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen – etwa so viel, wie im langjährigen Durchschnitt während eines ganzen Jahres.

Otto Zimmermann bleibt deshalb zuversichtlich: «Wir machen das Beste daraus und versuchen, auch Lehren aus der schlechten Ernte 2016 zu ziehen.» Und: «Anders als 2015, als alles braun war, sind die Felder jetzt schön grün und es gibt viel Futter. Das macht doch auch Freude.»