Lengnau
Karl Kloters Herz schlug rot und christlich

Historiker und Politiker ehrten den Surbtaler Dichter – er wäre diese Woche hundert Jahre alt geworden.

Pirmin Kramer
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Karl Kloter arbeitete in einer Metallfabrik. Nach Feierabend schrieb er Romane und Gedichte. HO

Karl Kloter arbeitete in einer Metallfabrik. Nach Feierabend schrieb er Romane und Gedichte. HO

Aargauer Zeitung

«Meinem Bruder wären vor Freude die Tränen gekommen, wenn er heute hier gewesen wäre», sagte Lina Sager. Ihr Bruder, das war Karl Kloter, Schriftsteller aus Lengnau, der 2002 im Alter von 90 Jahren starb. Zu seinen Ehren fand am Sonntag in der Lengnauer Kirche ein Gedenkanlass statt. Diese Woche, am 30. September, hätte Kloter seinen 100. Geburtstag gefeiert.

«Eine vergleichbare Chronik eines Arbeiterlebens gibt es in der Schweizer Literatur der letzten 50 Jahre nicht», sagte Historiker und Autor Pirmin Meier in seiner Hommage. Kloter gilt als Arbeiterschriftsteller: Er wurde in Lengnau geboren, liess sich hier zum Bäcker ausbilden. Später fand er in Zürich in einer Fabrik eine Stelle. Nebenher begann er zu schreiben – er verfasste Romane, Erzählungen und Gedichte.

Kloters Bildungstrauma

«Kloter litt an einem Bildungstrauma», sagte Historiker Meier weiter. «Mir ist ausser Gottfried Keller kein zweiter Schweizer Schriftsteller bekannt, der sich auf vergleichbare Weise lebenslang über ihm nicht gewährte Bildungschancen beklagt hätte.» Denn Kloter durfte weder Bezirks- noch Sekundarschule besuchen, und dies habe den Autor bis in sein 90. Altersjahr geschmerzt. Darum habe Kloter einen Bildungshunger entwickelt: «Seinem Wesen entsprach es, sich alles anzueignen, was ihn in seiner Bildung und als Mensch weiterbrachte.» Kloter sei ein «diskriminierter Aussenseiter» gewesen, sagte Meier. «Seine Stellung in der Literaturgeschichte hat sich seit seinem Tod allerdings spürbar verbessert.»

Kloter hat Lengnau und das Surbtal in seinen Werken immer wieder erwähnt, auch wenn er in Zürich sesshaft wurde, wo er für die SP im Gemeinderat sass.

Das Surbtal in Kloters Werken

So erfährt man in seinen Romanen etwa, wie es im Lengnauer Turnverein zugegangen ist, auch von Übergriffen eines Teils der christlichen Bevölkerung im Surbtal gegen die Juden ist die Rede. Animiert zum Schreiben wurde Kloter unter anderem von Hermann Hesse. Als Hauptwerk Kloters gilt der autobiografische Roman «Wo die Väter fehlten». Er wurde 1992 ins Chinesische übersetzt – Kloters grösster Erfolg.

Die Kirche in Lengnau war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Zugegen waren Kurt Schmid (CVP), Lengnaus Gemeindeammann, sowie Urs Hofmann (SP), Aargauer Landammann. Auch Judith Giovanelli-Blocher war da mit ihrem Mann, dem ehemaligen Gastarbeiter und Schriftsteller Sergio Giovanelli.

Wenig Anerkennung zu Lebzeiten

Landammann Urs Hofmann sagte in seiner Laudatio, Kloter habe ein ganz spezielles Sensorium für soziale Ungerechtigkeiten entwickelt. «Es ist eine grosse Lebensleistung, sich am Abend eines strengen Arbeitstages hinzusetzen und zu schreiben, während andere sich ausruhen.» Es sei aus heutiger Sicht schwer zu verstehen, dass Kloter zu Lebzeiten nie die Anerkennung erhielt, die er verdient hätte, so Hofmann.

Astrid Andermatt vom KulturKreis Surbtal, der den Anlass zusammen mit dem Dorfmuseum organisierte, berichtete über gemeinsame Momente mit Kloter: «Mir war das Glück beschieden, eine kurze Wegstrecke mit Karl Kloter zu gehen.» Sie habe Kloter kennen gelernt bei einer Lesung in Lengnau. «Diese Begegnung war bereichernd, spannend, tiefgründig», sagte Andermatt. Kloter sei sehr gläubig gewesen. «Er sang zum Beispiel jene Stelle bei der Internationalen nie mit, wo es hiess, dass auch kein Gott uns helfen beziehungsweise retten könne. Karl Kloters Herz schlug rot und christlich.»

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