Kaiserstuhl
An der 1. Hochrhein Triennale: Kunst zum Erleben mischt sich mitten unter die Menschen – auch im kleinen Blockhaus

Die 1. Hochrhein Triennale bietet Kunsterlebnisse unter freiem Himmel in den beiden Grenzorten Kaiserstuhl und Hohentengen (D). Und wer will, kann sogar in einem Blockhaus für zwei Personen übernachten – aber nur jenseits der Grenze.

Ursula Burgherr
Drucken
Teilen
Die Installation von Sanna Reitz und Konstantin Friedrich an der Badenerstrasse in Kaiserstuhl.

Die Installation von Sanna Reitz und Konstantin Friedrich an der Badenerstrasse in Kaiserstuhl.

Zvg

Der Gang durch das pittoreske Mittelalterstädtchen Kaiserstuhl hält zurzeit einige Überraschungen parat. Mitten in den Auslagen des Stadtlädelis steht ein Monitor mit der Videoarbeit des Wettinger Künstlers Eric Hattan. Sie zeigt zwei Polizisten, die mit wild gestikulierenden Armen und Stöcken versuchen, eine ganze Flut von Fahrzeugen unter Kontrolle zu halten.

Die Videoarbeit von Luzia Hürzeler im Schaufenster der ehemaligen Bäckerei von Kaiserstuhl.

Die Videoarbeit von Luzia Hürzeler im Schaufenster der ehemaligen Bäckerei von Kaiserstuhl.

Ursula Burgherr

Beim Bummel zum Chileplatz ist im Fenster eines Wohnhauses Luzia Hürzelers Film von einem Strassenverkäufer zu sehen, der seine ausgelegte Ware plötzlich zusammenpackt und fluchtartig verschwindet. Zahlreiche Orte im öffentlichen Raum werden mit Kunst bespielt und bieten neue Blickwinkel auf die historischen Gemäuer.

Das Motto der Veranstaltung lautet «Mobilität»

Die 1. Hochrhein Triennale steht unter dem Motto «Mobilität» und findet grenzüberschreitend in Kaiserstuhl und Hohentengen statt. Die beiden Gemeinden verbindet nicht nur eine Brücke, sondern auch der Einkaufstourismus nach Deutschland, der Berufsverkehr in die Schweiz und die Lärmbelastung durch den nahegelegenen Flughafen Kloten.

Kunstschaffende aus dem In- und Ausland stellen bestehende Videoarbeiten aus, die speziell zum Thema passen. Oder liessen sich für ihre Werke über Monate von den beiden Ortschaften und ihren Menschen inspirieren.

Zwischen der Kirche und dem Café Spittel steht die Holzskulptur «Asylum». Geschaffen wurde das kleine Blockhaus mit Kajütenbett für zwei Personen vom Berliner Künstler Pfelder. Es wird während der Ausstellungszeit zwischen den beiden Grenzorten hin- und herpendeln. Jeder, der Lust hat, kann darin gratis eine Nacht verbringen.

Allerdings dürfen die Schweizer nur auf der deutschen Seite nächtigen und umgekehrt. Wer dort schläft, befindet sich also sozusagen im Ausland; in einer einfachen temporären Unterkunft, die einen riesigen Kontrast darstellt zu den privilegierten Verhältnissen, an die sich die meisten Besucherinnen und Besucher gewohnt sind.

Die mobile Skulptur «Asylum» von Pfelder pendelt regelmässig über die Grenze und kann für Gratisübernachtungen gebucht werden.

Die mobile Skulptur «Asylum» von Pfelder pendelt regelmässig über die Grenze und kann für Gratisübernachtungen gebucht werden.

Zvg/Pfelder

Triennale soll alle drei Jahre stattfinden

Organisiert wird die Hochrhein Triennale vom Verein Kulturbrücke, der seit seiner Gründung 2019 für alle grenzüberschreitenden Veranstaltungen und den Unterhalt des sich beidseits der Rheinufer entlangschlängelnden Skulpturenwegs zuständig ist.

Alle drei Jahre soll der Event künftig stattfinden und «Kunst zum Erleben» direkt unter die Leute bringen. Nach der Auswahl des Berner Kuratorenteams Franz Krähenbühl und Alain Jenzer entstanden 18 künstlerische Positionen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Esther Kempf hat bei ihren Recherchen am Kaiserstuhler Rheinufer, nahe der Brücke, eine alte defekt flimmernde Laterne gefunden und ihr als Pendant auf der gegenüberliegenden deutschen Seite ein anderes flackerndes Licht gegenübergesetzt. In den späten Abendstunden entfaltet die Arbeit der Zürcher Künstlerin ihre geheimnisvolle Wirkung und wirft Fragen auf. Ist sie Symbol für ein sehnsüchtiges Liebesgeflüster am Ufer? Oder doch die Nachrichtenübertragung einer Schmugglerorganisation?

In der ersten Woche der 1. Hochrhein Triennale, die bis zum 5. September 2021 dauert, gibt es auch Performances an verschiedenen Standorten. Paloma Ayala bedient sich des Essens und Trinkens als künstlerisches Instrument. Dafür hat sie in Hohentengen ihren selbstgebauten Grubenbackofen aufgestellt, in dem sie mit ihrem Team täglich kocht.

Rund um einen Erdlochofen lädt Paloma Ayala vom 24. Juli bis 1. August zu Workshops und Performances ein.

Rund um einen Erdlochofen lädt Paloma Ayala vom 24. Juli bis 1. August zu Workshops und Performances ein.

Carolina Herrera Poblete

Wer vorbeikommt, ist eingeladen, mitzukochen und zu essen. Es gibt Sauerteig- und Backworkshops und vieles mehr. So entsteht spontan eine Gemeinschaft. Auch das gehört zur Mobilität.

Gratis Velos für die Besucher für die Rundtour

Auf einer rund vier Kilometer langen Rundtour können alle Werke der 1. Hochrhein Triennale besichtigt werden. Dafür stehen pinkfarbene Velos zur Verfügung (in Kaiserstuhl beim alten Spittel), derer sich alle gratis bedienen können. Der Kaiserstuhler Stadtammann Ruedi Weiss freut sich über das neue Format, das künftig alle drei Jahre für frischen Wind in den beiden Ortschaften sorgt.

«Ich werde mir die nächsten Wochen Zeit nehmen, um alle Exponate zu besichtigen», bekundet er am Eröffnungstag. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der beiden Ansiedlungen dies- und jenseits des Rheins sei gross, meint er und fügt hinzu: «Kaiserstuhl versteht sich nicht als Grenzort zu Deutschland, sondern einfach als Ort an der Brücke.»

Die 1. Hochrhein Triennale Kaiserstuhl und Hohentengen (D) findet noch bis zum
5. September 2021 statt. Infos über die verschiedenen Standorte und Kunstschaffenden gibt es auf www.hochrheintriennale.eu

Sanna Reitz und Konstantin Friedrich installierten ihre mobile Skulptur nach einer mehrtägigen Rheinfahrt in Kaiserstuhl.

Sanna Reitz und Konstantin Friedrich installierten ihre mobile Skulptur nach einer mehrtägigen Rheinfahrt in Kaiserstuhl.

zvg

Aktuelle Nachrichten