Bad Zurzach
Junger Mann vor Gericht mit Stil – bei der Polizeikontrolle aber Wut im Bauch

Auch kleine Fische halten Justitia auf Trab, so wie ein 26-Jähriger, der in Bad Zurzach vor dem Einzelrichter sass. Er war im Sommer gegenüber der Polizei ausgerastet – vor Gericht gab er sich handzahm: «Es tut mir leid.»

Rosmarie Mehlin
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Das Gericht in Bad Zurzach. (Symbolbild)

Das Gericht in Bad Zurzach. (Symbolbild)

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Die Haare unten herum kurz rasiert, oben mit toller Welle, Pelz an der Kapuze der Winterjacke – nur die weissen Turnschuhe fehlen und das topmodische Outfit von Steve (Name geändert) wäre perfekt. «Ladys first», sagt er – mit entsprechender Geste – beim Eintreten in den Gerichtssaal: ein 26-Jähriger mit Stil. Allerdings ist Steve das nicht in allen Lebenslagen, war er doch der Hinderung einer Amtshandlung beschuldigt. Dass er im letzten Sommer überdies mal ohne Billett Bus gefahren war, fiel daneben kaum ins Gewicht.

An einem Dienstagabend im Juni hingegen war er gegenüber der Obrigkeit ausgerastet. Als Auskunftsperson schilderte der betreffende Wachtmeister der Regionalpolizei vor dem Richter, was sich damals gegen 20.30 Uhr am Bahnhof Döttingen zugetragen hatte: Eine Kollegin und er seien auf Kontrollfahrt gewesen, als sie beim alten Schuppen eine Gruppe von sechs bis acht Jugendlichen sahen: «Nachdem sich ein junger Mann bei unserem Erscheinen ein Stück von der Gruppe Richtung Gebüsch entfernt hatte, haben wir ihn zum Fahrzeug gebeten. Wir hatten den Verdacht, dass er im Gebüsch Drogen entsorgt hatte.»

Mit Händen und Füssen gewehrt

Steves Ausweis und sein Taschen-Inhalt wurden kontrolliert. «Auf meine Frage, ob ein Drogentest positiv ausfallen würde, geriet er total in Rage und als ich vorschlug, das Gespräch auf dem Posten weiterzuführen, rastete er aus.» Mit Händen und Füssen wehrte sich Steve gegen Handschellen; erst auf den Boden gedrückt, konnte er überwältigt werden. «Auf dem Posten dann gebärdete er sich unkompliziert und anständig.» Der Drogentest ergab Spuren von Heroin und Kokain.

Vor Einzelrichter Cyrill Kramer stritt Steve vehement ab, je solche Drogen konsumiert zu haben. «Ab und zu Cannabis, ja, aber damit habe ich aufs neue Jahr aufgehört.» Als die Polizei aufgetaucht sei, habe er gedacht: Scheisse – schon wieder am selben Ort eine Anzeige wegen Kiffen. «Dabei fahre ich doch nicht Auto und nicht Velo.» Warum er zum Gebüsch gegangen sei, wollte der Richter wissen. «Um zu spucken, weil ich den Choder nicht runterschlucken kann.» Bei den Einvernahmen, so Kramer, habe er allerdings ausgesagt gehabt, im Gebüsch Geräusche gehört zu haben. «Es tut mir leid, dass ich dort das gesagt hatte.»

In der Befragung zu seinem persönlichen Umfeld zeigte Steve sich auskunftsfreudig. «Mit meinem Familiennamen hab ich es nicht leicht, schon allein wegen meiner Mutter, dem Bruder und der Schwester, die auch polizeibekannt sind».

Auf Steves Konto schlagen bereits zwei bedingte Strafen zu Buche: Eine, weil er sich im Internet ein verbotenes Messer besorgt, die zweite, weil er einen Polizisten als «Arschloch» bezeichnet hatte. «Lueget si, mit däm hani hüt es super guets Verhältnis.» Wenn er zurückschaue, würde er so etwas nicht mehr machen. «Lueget si, ich bi älter worde.» Als er jünger war, sei er aufbrausend gewesen. Das habe er sich in den letzten fünf Jahren abtrainiert. Und damals im Juni? «Lueget si, das isch e Churzschlusshandlig gsi.»

«Ich hoffe, Sie haben kapiert, dass es so nicht weitergeht»

Steve lebt mit seiner Freundin zusammen, die mit dem vierten Lehrjahr zu einem sozialen Beruf eine «Ehrenrunde» dreht. Beide haben Schulden am Hals; Steve schätzt seine auf 40000 Franken. Seit fünf Jahren arbeitet er als Ungelernter in derselben Firma, fährt jeden Tag mit den öffentlichen Verkehrmittel aus dem Unteren Aaretal auf den Mutschellen. «Wenn alles gut läuft, werde ich bis zur Pensionierung in der Firma bleiben.» Er verdiene monatlich 4250 Franken. Brutto oder netto? «Lueged si, also ich cha das nid unterscheide.» Ausbezahlt bekomme er 3700 Franken, wegen Lohnpfändung sei er aber auf dem Existenzminimum von 1069 Franken.

Der Staatsanwalt beantragte eine Geldstrafe von 600 Franken plus 200 Franken Busse und den Widerruf einer auf zwei Jahre bedingt ausgesprochenen Strafe von Oktober 2018. Richter Cyrill Kramer folgte dem Antrag und verhängte eine unbedingte Gesamtstrafe von 2400 Franken plus 200 Franken Busse und 500 Franken Gebühren. Eindringlich redete er Steve ins Gewissen, sich nicht weiterhin klarer Anordnungen der Obrigkeit zu widersetzen und seine Ausraster in den Griff zu bekommen. «Es ist zu hoffen, sie kapieren jetzt endgültig, dass es so nicht weitergeht.»