Bad Zurzach
Junge Frau soll einen 13-Jährigen sexuell missbraucht haben

Vor zwei Jahren soll eine 26-Jährige mindestens dreimal Sex mit einem damals 13-Jährigen gehabt haben. Von Anfang an hatte sie alles abgestritten. Und auch der Einzelrichter am Bezirksgericht Zurzach hatte Zweifel an den Aussagen des Opfers.

Rosmarie Mehlin
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Die 26-jährige Angeklagte soll mit einem 13-Jährigen Sex gehabt haben. «Ich habe ihn auf 18 oder 19 geschätzt», sagte sie vor Gericht. (Symbolbild)

Die 26-jährige Angeklagte soll mit einem 13-Jährigen Sex gehabt haben. «Ich habe ihn auf 18 oder 19 geschätzt», sagte sie vor Gericht. (Symbolbild)

Keystone

Papier ist bekanntlich geduldig. Das ist auch nicht anders, wenn es sich um Anklageschriften handelt. Oft stehen darin Dinge, die einem die Haare zu Berg stehen lassen und dann sieht an der Verhandlung bisweilen plötzlich alles ganz anders aus.

So wie gestern vor dem Bezirksgericht Zurzach. Da sass eine nicht ganz schlanke 26-Jährige in Leggings, Stiefeln, Piercing in den Lippen, das dunkle Haar nachlässig wasserstoffblondiert, die Augen schwarz umrändert.

Tamara (alle Namen geändert) war beschuldigt der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind. Am 6. Oktober 2012, so stand es in der Anklageschrift, habe Tamara «den Geschlechtsverkehr mit Pascal vollzogen, obwohl der ihr zuvor erklärt hatte, dass er erst 13 Jahre alt sei». Dies tat sie bis Dezember 2012 an minimal drei zusätzlichen Zeitpunkten.

Unehelich und lustlos

Was auf dem Papier nach einem Fall tönt, der einigen Anlass zum Schmunzeln bietet, entpuppte sich im Gerichtssaal als beklemmendes Zusammentreffen von Menschen mit Lebensgeschichten ausserhalb der gängigen bürgerlichen Norm. Tamaras Mutter war 16 und ledig, als die Tochter zur Welt kam. Später heiratete die Mutter einen anderen Mann und zeugte mit ihm sieben weitere Kinder. Derzeit lässt sie sich von ihm scheiden.

Tamara wuchs bei der Grossmutter auf und besuchte eine heilpädagogische Schule. «Ich hab’ eine Anlehre angefangen, aber bald abgebrochen. Dann hatte ich mal hier, mal dort einen Job, aber mit der Zeit hat mich das nicht mehr gereizt. Ich könnte schon arbeiten, wenn ich wollte, aber ich habe keine Lust.»

Tamara hat einen Beistand, bekommt monatlich 2731 Franken IV und Ergänzungsleistung, wohnt momentan allein mit zwei Katzen und einem kleinen Hund in einem anderen Kanton.

Sex erst nach ein paar Jahren

Von Anfang an hatte sie in Abrede gestellt, mit Pascal geschlafen zu haben. Nachdem eine mehrjährige Beziehung in die Brüche gegangen war, habe sie Pascal im Dorfladen kennen gelernt. «Ich habe ihn auf 18 oder 19 geschätzt.» «Und dann», so Richter Cyrill Kramer, «haben Sie eine Beziehung mit ihm angefangen?» Nein, eine Beziehung sei das nicht gewesen, mehr eine Affäre.

«Geküsst haben wir schon, aber nicht mehr. Ich brauche ein paar Jahre, bis ich mit einem Mann Sex haben will.» Tatsächlich hat Tamaras langjähriger Freund bestätigt, dass sie erst nach zweijährigem Zusammenleben erstmals Sex gehabt hätten.

Tamaras Mutter, auch intellektuell eine sehr einfache Frau, sagte als Zeugin, dass sie dem «Herrn Pascal» einmal begegnet sei und er ihr damals gesagt habe, er sei nie mit Tamara im Bett gewesen.

Tamara ihrerseits, zu der sie und ihre anderen sieben Kinder erst seit drei Jahren Kontakt hätten, habe ihr allerdings gestanden, «einen grossen Seich gemacht» zu haben: «Sie sei mit dem Auto eines Bekannten 500 Kilometer gefahren. Dabei hat sie doch gar keinen Führerschein.» Ob sie wisse, wie weit 500 Kilometer sind? «Nicht so weit.» Wie viele Meter denn ein Kilometer habe? «Keine Ahnung.»

Psychische und familiäre Probleme

Wie sich herausstellte, war Tamara 500 Meter gefahren und dafür sei, so ihr Verteidiger, eine bedingte Geldstrafe von maximal 500 Franken angemessen. Vom Vorwurf der sexuellen Handlungen mit einem Kind sei sie freizusprechen.

Zum einen zitierte der Anwalt aus dem psychologischen Gutachten, wonach «Tamara ein sehr geringes Interesse an sexuellen Kontakten hat und auch ohne zufrieden leben kann».

Zum anderen wies er auf die düstere Lebensgeschichte von Pascal hin, die seit Jahren geprägt sei von einer psychischen Erkrankung sowie äusserst schwierigen familiären Verhältnissen. Auch er sei mehrfach wegen Aggressivität und kleinen Diebstählen aktenkundig geworden.

Tamara wurde wegen Fahrens ohne Führerausweis zu 500 Franken Geldstrafe bedingt und 200 Franken Busse verurteilt. Von der Anklage der sexuellen Handlungen wurde sie freigesprochen: «Verschiedene unglaubwürdige Schilderungen und Widersprüche von Pascal in dessen auf Video aufgezeichneter Befragung lassen – wie auch die Aussagen, von seiner Schwester und von Tamaras rüstiger Grossmutter gegenüber der Polizei – erhebliche Zweifel an seiner Version aufkommen», begründete Richter Kramer das Urteil.

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