Lengnau
Jubiläum: In 900 Jahren wurden acht Kirchen gebaut

Die Kirchgemeinde Lengnau-Freienwil besteht seit dem Jahr 1114 . Höhepunkte der 900-Jahr-Feier am Sonntag, 24. August, sind der Gottesdienst mit Bischof Felix Gmür.

Angelo Zambelli
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Blick vom Dorf aus auf die 1975 abgebrochene Kirche (zirka 1940). Im Riegelhaus befindet sich heute das Dorfmuseum.

Blick vom Dorf aus auf die 1975 abgebrochene Kirche (zirka 1940). Im Riegelhaus befindet sich heute das Dorfmuseum.

Zur Verfügung gestellt

Grosse Ereignisse werfen grosse Schatten voraus: Aus Anlass ihres 900-jährigen Bestehens gibt die Kirchgemeinde Lengnau-Freienwil eine vom Lokalhistoriker Franz Laube verfasste, 48 Seiten starke Festschrift heraus, in der die lange und wechselvolle Geschichte ausführlich dargelegt und dokumentiert wird. Breiten Raum nehmen die acht Gotteshäuser ein, die im Verlauf der letzten neun Jahrhunderte gebaut wurden. An der ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung vom 30. September 1975 genehmigten die Stimmberechtigten einen Baukredit von 3,27 Millionen Franken sowie 146 000 Franken für ein neues Glockengeläut.

Nur zweieinhalb Monate später begannen die Abbrucharbeiten der alten Kirche. Chronist Franz Laube schildert in der Festschrift die Stimmung, die bei der Einweihung des neuen Kirchenzentrums am 28. August 1977 herrschte: «Die meisten Lengnauer waren sich einig, dass hier ein ganz gelungenes Werk entstanden war: mehrzwecktauglich, funktionell, modern, und doch das alte Dorfbild weitgehend bewahrend. Man hörte fast nur lobende Stimmen.»

Festgottesdienst mit Bischof Felix Gmür

Höhepunkte der 900-Jahr-Feier am Sonntag, 24. August, sind der Gottesdienst mit Bischof Felix Gmür ab 10 Uhr sowie das anschliessende Pfarreifest. Vorgesehen sind ein Kurzvortrag von Lokalhistoriker Franz Laube zur Ausstellung im Kirchenzentrum um 13.30 Uhr sowie eine Turmbesteigung mit Sakristan Urs Meier um 14.30 Uhr. Ergänzt wird das Programm mit einer Geschichtenecke im Turmstübli mit Luzia Wieder, mit einem Tag der offenen Tür der Jugendarbeitsstelle Surbtal im «Lion» sowie mit Vorträgen der Musikgesellschaft, des Männerchors und des Singkreises .

Die Parkplätze auf dem Kirchenareal sind aufgehoben. Ersatzparkplätze stehen zur Verfügung im ganzen Dorf, entlang der Zürichstrasse (Einbahnverkehr) und auf dem Rietwise-Areal. Während des Pfarreifestes sind die blauen Zonen aufgehoben. (AZ)

1995 erfolgte eine Aussenrenovation von Kirche und Pfarrhaus für 305 000 Franken. 2007 wurde eine energetische Sanierung samt Einbau einer Holzpellet-Heizung anstelle der Ölheizung durchgeführt.

Über 100 Jahre alte Turmuhr

Eine besondere Geschichte steht hinter den Altären der alten Kirche sowie hinter der Turmuhr, die auch heute noch die Zeit anzeigt. Nachdem der Aufwand für Revisionen und Reparaturen für die alte Turmuhr immer grösser geworden war, beschloss die Kirchgemeinde Lengnau-Freienwil 1907, eine neue zu beschaffen. Geliefert wurde die Uhr von einem Uhrmacher in Baden. Kostenpunkt: 2150 Franken. Die Freienwiler protestierten gegen diese Anschaffung, konnten sich aber nicht durchsetzen. 1944 war die erste Generalrevision fällig, 1957 wurde mit dem Einbau des elektrischen Glockengeläuts auch der Aufzug der Uhr automatisiert – «eine grosse Erleichterung für die Sigristen», wie Chronist Franz Laube in der Festschrift bemerkt.

Aus den Protokollen des Sittengerichts: «Schandmensch mit fünf unehelichen Kindern»

In der Festbroschüre wird nicht nur die Geschichte der Kirchen und Kapellen der Kirchgemeinde Lengnau-Freienwil in Text und Bild dargestellt, sondern auch eine Reihe von Ereignissen und Begebenheiten, die sich im Laufe der letzten 900 Jahre zugetragen haben. Aussergewöhnlich ist die Geschichte des sechs bis acht Personen zählenden Sittengerichts.

Nachstehend ein Auszug aus der Festschrift: «Im Kirchenarchiv Lengnau befinden sich ein Stapel Akten des Sittengerichts ab 1804 und ein Protokollbuch von 1843 bis 1874. Drei Viertel aller Verhandlungen betreffen uneheliche Schwangerschaften. Diese mussten mindestens einen Monat vor der Niederkunft angezeigt werden. Das Sittengericht hatte hier nur eine erste Befragung durchzuführen, zum Beispiel über die Identität des Kindsvaters oder über Ort und Umstände der Schwängerung. Die Aussagen mussten protokolliert und zur weiteren Abhandlung ans Bezirksgericht weitergeleitet werden. Oft wurde ausgesagt, dass es nach einem Eheversprechen seitens des Mannes zum unerlaubten Verkehr gekommen sei. Manchmal stellte sich dann heraus, dass der Bräutigam von einer Heirat nichts mehr wissen wollte, dass er nach Amerika verreist war, dass er kurzfristig eine andere geheiratet hatte oder sogar bereits verheiratet war. Besonders merkwürdig muten Aussagen an, wenn es sich um das dritte oder vierte uneheliche Kind handelte. Erklärungen, sie sei vergewaltigt, im Wald von einem Unbekannten verführt oder beim Kartoffeln auflesen von hinten angegriffen worden, sind hie und da protokolliert. Ziemlich bunt trieb es eine gewisse Magdalena Jetzer. Beim fünften unehelichen Kind gab sie an, mit einem Metzger aus Zurzach zusammengekommen zu sein. Gegen eine Entschädigung von Fr. 3.– habe sie sich preisgegeben. Beim sechsten unehelichen Kind (1854) gab sie einen Mahlknecht an. Sie sei von diesem unter dem Versprechen geschwängert worden, mit ihr nach Amerika auszuwandern.
Im Protokoll ist vermerkt: ‹Dieser Schandmensch ist bereits im Besitz von fünf unehelichen Kindern, die der Gemeinde jährlich Fr. 140.– aufzehren.» (AZ)

Beim Neubau der Kirche 1977 wurde auch in Betracht gezogen, die alte Kirchturmuhr durch eine neue zu ersetzen. Da sich der damalige Kirchenpflegepräsident Werner Richli für die Weiterverwendung der alten Uhr einsetzte, wurde sie renoviert und auf Funksteuerung umgerüstet. Das Zifferblatt der auch heute noch funktionstüchtigen Lengnauer Kirchenuhr weist einen Durchmesser von 2,80 Meter auf, der grosse Zeiger misst 1,77 Meter, der kleine 1,30 Meter. Die römischen Ziffern sind 40,5 Zentimeter hoch.

Mit dem Abbruch der alten Kirche bestand keine Verwendungsmöglichkeit mehr für die drei Altäre und die Kanzel. Mit Einwilligung des Denkmalschutzes wurden die Altäre für 17 000 Franken an den Kanton Uri verkauft. Heute stehen sie in der Kirche Attinghausen. Die kunsthistorisch wertvolle Kanzel mit den Holzstatuen auf der Aussenseite und auf dem Dach wurde im Untergeschoss der neuen Kirche eingelagert und befindet sich heute noch dort.

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