Frankenstärke
Jahrelang kamen Deutsche in die Schweiz zum Tanken – nun ist es umgekehrt

Gute zwei Monate nach dem Aus für den Euro-Mindestkurs ist an der Konsumentenfront mancherorts bereits wieder Ruhe eingekehrt. Nicht so bei den Tankstellen: Der Tanktourismus hat sich umgekehrt.

Isabelle Arndt, Südkurier
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Aufgrund des starken Frankens sei der Umsatz schlagartig zurückgegangen, beklagt sich ein Tankstellenbetreiber im Zurzibiet. (Symbolbild)

Aufgrund des starken Frankens sei der Umsatz schlagartig zurückgegangen, beklagt sich ein Tankstellenbetreiber im Zurzibiet. (Symbolbild)

Keystone

Wo früher lange Kolonnen deutscher Autofahrer vor Schweizer Tankstellen standen, pilgern heute sogar Schweizer zum Tanken nach Deutschland. Tankstellenbetreiber auf beiden Seiten der Grenze spüren die Veränderung im Wechselkurs deutlich.

«Wir verzeichnen einen Zuwachs von zehn bis zwanzig Prozent», sagt Michael Gablenz, Betreiber eine Automaten-Tankstelle in Tiengen. Deshalb rollt bei ihm, ähnlich wie bei anderen deutschen Kollegen, der Tankwagen inzwischen doppelt so oft an wie noch vor der Aufhebung des Euro-Mindestkurses: «Wir haben inzwischen vier statt zwei Fahrten pro Woche.»

Einer der neuen Kunden ist Cosimo Strada aus Zürich, der sagt: «Früher hätte ich in Deutschland nicht zum Tanken angehalten.» Michael Gablenz führt den Zuwachs aber nicht allein auf neu gewonnenen schweizerische, sondern auch wiedergewonnene deutsche Kundschaft zurück: «Die speziellen Tank-Fahrten in die Schweiz gibt es eigentlich nicht mehr, das bestätigen mir Kunden immer wieder.»

Einer dieser Kunden ist Marek Zurafski aus Waldshut-Tiengen: «Ich arbeite in der Schweiz und habe bisher dort getankt, aber jetzt nicht mehr. Ist klar, man muss immer sparen.» Auf der Schweizer Seite der Grenze herrsche wegen des wegfallenden Tanktourismus nahezu Hysterie, wie Michael Gablenz von Schweizer Kollegen weiss. «Jetzt war es 15 Jahre lang so, dass wir rübergefahren sind», sagt er lapidar.

Tanktourismus früher und heute: Bis zu 90 Prozent Deutsche an Schweizer Tankstellen

Der sinkende Ölpreis und der Kurssturz des Schweizer Frankens haben jahrzehntelange Gewohnheiten an der Zapfsäule umgedreht. Deutsche Autofahrer konnten in den vergangenen Jahren deutlich sparen, wenn sie jenseits der Grenze tankten. Im Jahr 2007 betrug die Ersparnis zeitweise bis zu 55 Rappen pro Liter Benzin – bei einem 50-Liter-Tank also mehr als 25 Franken pro Füllung.

Die deutschen Tankkunden waren eine wichtige Einnahmequelle für die Schweiz: Gemäss einer Studie des Schweizer Bundesamts für Energie kamen im Jahr 2008 bis zu 90 Prozent der Kunden an Schweizer Tankstellen in unmittelbarer Grenznähe aus dem Ausland. Der Preisvorteil für Benzin sank kontinuierlich auf weniger als 20 Rappen im Jahr 2011 bis zur heutigen Umkehr.

Ursache für Preisunterschiede sind Besteuerungen, etwa bei Diesel, und der Wechselkurs. Heute zahlen Autofahrer im deutschen Landesdurchschnitt weniger für Diesel, und neu auch weniger für Super-Benzin als die Schweizer. Das belegen Zahlen des Automobilclubs Deutschland. Demnach kostet ein Liter Diesel dort 1.22 Euro, ein Liter Super-Kraftstoff 1.37 Euro.

Beide Werte liegen unter Schweizer Preisen: Diesel kostet hier aktuell 27 Cent mehr, Super-Benzin mit umgerechnet 1.40 Euro drei Cent mehr. Die Mehrwertsteuer wird bei Kraftstoff übrigens nicht erstattet – deshalb gibt es auch keinen Ausfuhrschein. (az)

Doch welchen Einfluss hat der Franken-Euro-Kurs tatsächlich auf die Tankstellen im Zurzibiet? Ingo Weidt von der Socar-Tankstelle in Koblenz beobachtet täglich den aktuellen Wechselkurs, wie er erzählt: «Die Umsätze sind schlagartig zurückgegangen.» Schon seit der Sperrung der Zollbrücke nach Waldshut im vergangenen Sommer habe die Tankstelle zu kämpfen.

Seit dem Kurssturz im Januar wurden weitere Schichten gestrichen sowie die Öffnungszeiten um zwei Stunden an Wochentagen und drei Stunden am Wochenende gekürzt. Dabei liegen die Preise laut Weidt seit etwa zwei Wochen unter den deutschen, «aber die Leute wissen das halt nicht».

Daniel Hofer ist Unternehmensleiter der Migrol, die in Bad Zurzach oder in Trasadingen an der Grenze Tankstellen betreibt. Er schildert erste Massnahmen: «Die Preise wurden nach unten angepasst. Aktuell sind wir auf der Schweizer Seite konkurrenzfähig gegenüber dem angrenzenden Ausland.»

Deutsche Tankstellenbetreiber registrieren ebenfalls eine leichte Stabilisierung. «Der überfallartige Ansturm wie anfangs ist nicht mehr gegeben», sagt Dietmar Brunner von der Shell-Tankstelle in Tiengen. Zuwächse habe er nicht nur an der Zapfsäule, sondern auch im angegliederten Shop festgestellt. Auch Peter Frass, verantwortlich für die Tankstellen der ZG Raiffeisen im Süden, sagt: «Es ist mehr und mehr geworden und hat sich jetzt stabilisiert.»

Mark Binner von der bft-Tankstelle in Oberlauchringen erklärt sich das so: «Der Kunde ist sehr preissensibel und rechnet genau». Das gelte für deutsche und Schweizer Autofahrer.