Leuggern
«Ich singe, weil es ein Genuss ist» – er ist Beizer und Opernsänger

Michael Hauenstein war einst Beamter – heute führt er ein Restaurant und macht Karriere als Opernsänger. Dass der Gesang nicht sein Brotjob ist, sieht er als grossen Vorteil.

Nadja Rohner
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Michael Hauenstein ist Wirt im eigenen Restaurant und erfolgreicher Bassbariton. Annika Bütschi

Michael Hauenstein ist Wirt im eigenen Restaurant und erfolgreicher Bassbariton. Annika Bütschi

«Furchtbar» war das Verdikt, das Michael Hauenstein über seinen ersten Opernbesuch fällte. Seine Gotte hatte den damals Zwanzigjährigen dazu eingeladen, sich im Zürcher Opernhaus «Tosca» anzusehen. «Nie, nie wieder gehe ich in eine Oper», dachte Hauenstein danach. Heute, rund 15 Jahre später, träumt er davon, in den grossen Häusern der Welt zu singen.

Wir treffen Michael Hauenstein in der Gaststube des Restaurants «Sonne» in Leuggern. Hauenstein und seine Frau Karin haben den Betrieb von ihren Eltern übernommen. Während Karin Hauenstein in der Küche werkelt – das «Mise en place» will gemacht werden – erklärt Michael Hauenstein, dass bei diesem ersten Opernbesuch eben doch etwas hängen geblieben sei: «Es hat mich wahnsinnig fasziniert, dass man nur mit der Kraft seiner Stimme einen riesigen Saal ausfüllen kann.»

In seinem Heimatdorf Möriken, bekannt für die Operettenbühne, erwähnte Hauenstein dieses Erlebnis gegenüber der Sopranistin Margot Senn, und wurde prompt von ihr zum Kaffee eingeladen.

«Eigentlich wollte sie mir nur erklären, wie das geht. Daraus wurde die erste Gesangsstunde», sagt Hauenstein mit seiner angenehm tiefen Stimme und lacht.

Man merkt: Er erzählt seine Geschichte nicht zum ersten Mal. Sie kommt ihm flüssig über die Lippen, und er verliert den Faden auch dann nicht, als er – mitten im Satz – den eintretenden Gästen im Restaurant einen Gruss zuruft.

So erzählt Hauenstein auch von seinem ersten Gesangslehrer, Maestro Lanfredi aus Mailand, mit dem er zwar viel, aber das Falsche geübt hat: «Als ich das erste Mal einem Dirigenten vorgesungen habe, befand dieser, dass ich gar keine Gesangstechnik habe – also Dinge wie Atemstütze oder Kehlkopfstellung nicht richtig einsetze.»

Ein Dämpfer für den ehrgeizigen jungen Bassbariton, gar hinschmeissen wollte Hauenstein sein Hobby. Wiederum war es Sopranistin Margot Senn, die ihn 2006 ermunterte, es mit dem bulgarischen Gesangslehrer Ivan Konsulov zu versuchen – immerhin hatte dieser schon mit Luciano Pavarotti gesungen.

«Die Zusammenarbeit klappte gut, auch wenn ich noch einmal bei null anfangen und mir während zweier Jahre eine richtige Technik erarbeiten musste», sagt Hauenstein. Langweilig, bisweilen frustrierend sei das gewesen, «man macht fünf Schritte vorwärts und zehn zurück».

Dennoch blieb er am Ball, fuhr mehrmals pro Woche zu Konsulov nach Arbon – 300 Kilometer hin und zurück. Die Strecke habe ihm nichts ausgemacht, sagt Hauenstein. Ab und zu singe er im Auto, «und wenn das Schiebedach offen ist, schauen alle». Auch wenn er nicht singt, fällt Hauenstein auf. Gross ist er, und seine Figur erinnert ein wenig an den Meister Pavarotti.

14 Stunden pro Woche für den Gesang

Vor drei Jahren ermunterte Konsulov seinen Schützling, doch einmal beim Pfalztheater Kaiserslautern vorzusingen. «Ich fand das zu früh», sagt Hauenstein, «doch eine externe Meinung kann nie schaden.»

Überhaupt sei ihm Kritik – «und zwar konstruktive» – extrem wichtig. Doch in Kaiserslautern gab es für den jungen Sänger nur Lob: «Die waren extrem begeistert und haben mir gleich eine kleine Rolle in Verdis ‹Maskenball› angeboten.» Später sang er im gleichen Haus eine Hauptrolle: den Zacharias in «Nabucco».

Hauenstein erzählt unbescheiden, wirkt dabei aber nicht arrogant oder gar überheblich. Es ist viel eher Freude über seine Leistung, die er ausstrahlt – wie ein Kind, das ein gutes Zeugnis nach Hause bringt. Und seine guten Noten hat sich Hauenstein hart erarbeitet: Bis zu 14 Stunden pro Woche investiert er in seinen Gesang.

Die Muskeln im Hals müssen trainiert werden. Für seine Auftritte werde er zwar bezahlt, «aber bis jetzt mache ich noch nicht vorwärts», sagt er. Eine Gesangsstunde kostet ihn rund 100 Franken. Wie viele es schon waren, weiss Hauenstein nicht, will es nicht wissen.

«Klar ist es viel Geld, aber es macht ja auch Spass.» Es sei ein Vorteil, dass der Operngesang nicht sein Brotjob sei: «So kann ich mir bis zu einem gewissen Grad aussuchen, wo und was ich singe.»

Seine Stimme fühle sich bei Verdi, Puccini oder Rossi am wohlsten. «Was mir nicht gefällt ist der Liedgesang, von Schubert oder Bach.» Im Moment feilt Hauenstein an seiner Rolle als Chalchas in der Oper «Iphigénie en Aulide» am Pfalztheater – «es handelt sich um eine Art Barockoper», sagt er, «nicht unbedingt mein Lieblingsstil».

Im Restaurant steht der Gast im Mittelpunkt

Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man vor einem erwartungsvoll blickenden Publikum steht, der Musik lauscht und den perfekten Moment abwartet, um mit dem Gesang einzusetzen? «In diesen Augenblicken bin ich ganz in meiner Rolle, deshalb nehme ich das Publikum gar nicht wahr. Die Stücke sind sehr emotional, da muss ich meine ganzen Gefühle reingeben und voll konzentriert sein.»

Auf der Bühne vor grossem Publikum, als Gastgeber im Restaurant – auf die Frage, ob er gerne im Mittelpunkt stehe, ringt Hauenstein um eine Antwort. «Ich habe gerne Leute um mich herum», sagt er schliesslich.

«Aber im Mittelpunkt stehen will ich nicht unbedingt. Ich singe, weil es ein Genuss ist. Und im Restaurant steht ohnehin der Gast im Mittelpunkt, nicht ich.»

Das Restaurant gab es zur Frau dazu

«Der grosse Spagat zwischen Künstlerleben und knallhartem Business wäre ohne die Unterstützung durch meine Frau nicht möglich», betont Hauenstein. Wenn er für Auftritte unterwegs sei, oder gar kurzfristig im vier Autostunden entfernten Kaiserslautern für einen kranken Kollegen einspringen müsse, sei er auf ihren Einsatz im Restaurant und vor allem auf ihr Verständnis angewiesen.

Letzteres braucht Karin Hauenstein auch, wenn sich ihr Mann mitten in der Nacht Gesangswettbewerbe im Fernsehen anschaut und den Ton so laut aufdreht, dass es sie aus dem Schlaf reisst.

Das störe sie aber nicht weiter, sagt Karin Hauenstein, sie möge einige Opernstücke auch gerne. «Und mittlerweile höre ich sogar, wenn jemand falsch singt», sagt sie lachend.

Kennengelernt hat Hauenstein seine Frau durch deren Gotte, die mit ihm auf der Gemeindeverwaltung in Endingen arbeitete. Er habe eine KV-Lehre gemacht, obwohl er eigentlich Koch werden und im Ausland oder im Tessin arbeiten wollte. «Muesch ned is Tessin, chasch uf Lüggere», habe ihm die Gotte gesagt, «und dann hat sie uns verkuppelt», erzählt Hauenstein und schmunzelt.

Er habe aber erst die Frau gewollt, betont er, «das Restaurant hats dann quasi dazugegeben». Im September 2003 übernahmen die beiden die Gaststätte von Karins Eltern – im Dezember brannte sie ab.

Es sei ihr Mann gewesen, der sie ermuntert hatte, das Restaurant wieder aufzubauen, sagt Karin Hauenstein heute. Drei Jahre nach dem Brand eröffneten sie die «Sonne» neu. Während seine Frau Chefin der Küche ist, kümmert sich Michael Hauenstein um Administration und Service.

Dafür hat er eine Lehre als Restaurationsfachmann absolviert – im eigenen Betrieb, ohne Lehrmeister. «Mir wurde gesagt, ich würde das nicht schaffen», erzählt er. Abgeschlossen hat er die Ausbildung mit einer Glanznote.

Wenn man Michael Hauenstein nach seinem grossen Ziel fragt, wird er verlegen. «Wenn ich Ihnen das sage, lachen Sie laut», sagt er, verrät dann aber doch: «Ich habe immer gesagt, wenn ich mal in einer Oper singen darf, habe ich alles erreicht, dann gebe ich Ruhe. Jetzt, wo ich das geschafft habe, wären die grossen Häuser mein nächstes Ziel – Mailand, Zürich oder Wien zum Beispiel.»