Bad Zurzach
«Ich fragte mich immer: Ist das alles?» – Wie eine Nonne ihre Berufung fand

Nonne Ursula Niecholat hat in ihrer Tätigkeit als Sakristanin in der Pfarrei St. Verena Erfüllung gefunden.

Ursula Burgherr (Text) und Sandra Ardizzone (Fotos)
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Sakristanin Ursula Niecholat vor der spätgotischen Statue der heiligen Verena: «Ich fühle mich sehr mit ihr verbunden».
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Schwester Ursula Niecholat ist Sakristanin in der Pfarrei St. Verena in Bad Zurzach
 Schwester Ursula Niecholat ist Sakristanin in der Pfarrei St. Verena in Bad Zurzach, fotografiert im Verenamünster mit einer Figur der Heiligen Verena im Hintergrund.
Nonne Ursula Niecholat
 Schwester Ursula Niecholat ist Sakristanin in der Pfarrei St. Verena in Bad Zurzach, fotografiert im Verenamünster beim Auswechseln des Ewig Licht.

Sakristanin Ursula Niecholat vor der spätgotischen Statue der heiligen Verena: «Ich fühle mich sehr mit ihr verbunden».

Sandra Ardizzone

Vom Altar bis zur Krypta gleicht das Verenamünster einem Hochsicherheitstrakt. Hinter dem kunstvoll verzierten Gitter, wo sich die Kirchenschätze befinden, sind überall Bewegungsmelder installiert. Sakristanin Ursula Niecholat wurde schon mehrmals mitten in der Nacht in ihrer winzigen Wohnung im Oberflecken von Bad Zurzach angerufen, weil plötzlich der Einbruchsalarm losgegangen war. «Es handelte sich bis jetzt Gott sei Dank immer um Fehlalarme», sagt die 64-Jährige. Während des Gesprächs prüft sie bei den zwei «ewigen Lichtern» im Chorraum, ob noch alle Kerzen brennen. Dann rafft sie ihren Habit und führt die Journalistin in die Krypta, wo die heilige Verena beigesetzt ist.

Der Schüsselbund klimpert, als die Ordensfrau das Gitter aufschliesst. Ihr liebevoller Blick fällt zuerst auf den Sarkophag. Anschliessend huscht sie zu den Regalen mit den Opferlicht-Kerzen, um sie aufzufüllen. «Verena war eine Eremitin wie ich. Ich fühle mich sehr mit ihr verbunden», sagt Ursula Niecholat. Ihr Ordenskleid trägt sie immer bei den Liturgien. 2002 trat die gebürtige Tiengerin ins Kloster ein. «Mein ursprünglicher Beruf war Schaufenstergestalterin, nachher studierte ich visuelle Kommunikation», erzählt sie, «aber ich fragte mich immer: Ist das alles?» Schon als Kind sei sie still gewesen und habe ein tiefes Bedürfnis nach Spiritualität gehabt. Gestalterisch ist sie heute noch für verschiedene kirchliche Institutionen tätig, entwirft Flyer und Logos. Sie ist bestens ausgerüstet mit Mac und iPad und hat sogar ein Facebook-Profil. Auch im Kloster war «das Schöpferische» – wie Ursula Niecholat es bezeichnet – ihre Kernkompetenz.

Es droht der Austritt

Dass der Name ihres Ordens nicht genannt wird, ist ihrer Diskretion zuzuschreiben. Denn sie befindet sich momentan in einer schwierigen Situation. Nach der Erlaubnis für eine Beurlaubung sei es ihr nicht mehr gelungen, den Weg ins Kloster zurückzufinden, erzählt sie. Doch sie hat bei ihrem Eintritt das Gelübde der «Stabilitas loci» abgelegt, welches sie verpflichtet, bis zum Tod in ihrem Kloster zu bleiben. «Mein grosser Wunsch ist es, am Wallfahrtsort Bad Zurzach als Nonne und Einsiedlerin zu leben und derweil meiner Arbeit als Sakristanin nachzugehen, die ich 2015 begonnen habe. Doch die Funktion, die ich jetzt ausübe, ist nicht vereinbar mit dem Reglement meines Ordens.» Deshalb werde ihr wahrscheinlich der Austritt nahe gelegt, fügt sie hinzu. Der Ausschluss würde ihr ein Stück Boden unter den Füssen wegziehen. Trotzdem will sie den gewählten Weg weitergehen und hofft, dass sie noch einige Jahre in der Pfarrei St. Verena arbeiten kann.

Auch mal gerne ein Glas Wein

Die Liebe und Sorgfalt, mit der Ursula Niecholat ihre Arbeit erledigt, berührt. Alles was sie macht, ist für sie Berufung. Die Blumengestecke für Gottesdienste kombiniert sie mit selbstgesuchten Wildkräutern. Sie gewährt der Besucherin einen Blick in den Schrank mit den nach Farben geordneten Messgewändern, für deren Pflege sie zuständig ist. «Ich bereite für jeden Gottesdienst sämtliche Kirchengeräte und sakralen Gefässe vor, richte die Messbücher und stecke die Nummern der Lieder, die gesungen werden», erklärt sie und holt dann neue Kerzen für das Friedenslicht vor dem Marien-Altar. In ihrem Blickfeld steht die spätgotische Statue der heiligen Verena. «Ich fühle mich zwischen den beiden Frauen sehr wohl», sagt die Gläubige und schenkt ihrem Gegenüber ein Lächeln.

Gibt es Platz für Geselligkeit in ihrem Leben? «In Wirtschaften findet man mich nicht. Aber an einem Geburtstag trinke ich gerne ein Glas Wein. Ich bin nicht frömmlerisch, sondern ganz normal. Trotzdem gehe ich meinen Weg. Der Glaube ist mir wichtig.» In der Freizeit trifft man Ursula Niecholat auch in Zivilkleidung. Sie ist eine passionierte Naturfotografin und oft am Rhein anzutreffen, wo sie Biber oder Ringelnattern ablichtet.

Wie es im Kloster vorgegeben war, betet sie immer noch fünfmal täglich. «Ohne Dialog mit Gott könnte ich nicht leben.» Als Sakristanin wird sie mit Leben und Tod konfrontiert. «Sterben ist eine der grössten Prüfungen für uns Menschen.» Ihre Augen hinter der markanten Brille blicken nachdenklich, als sie sagt: «Ich bin mir zwar gewiss, dass es das ewige Leben gibt. Aber wie es aussehen wird, weiss ich nicht.»