Böbikon
Hund beisst ein trächtiges Reh tot – sein Herrchen outet sich nicht

Spaziergänger fanden eine tote Rehgeiss im Wald – der zuständige Jagdaufseher Reto Willi ist schockiert. Es ist schon das zweite Mal in diesem Jahr, dass in seinem Revier ein Reh gerissen worden ist – und bis zum Tod Höllenqualen ausstehen musste.

Angelo Zambelli
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Ein grauenhafter Anblick: die von einem Hund gerissene Rehgeiss im Wald bei Böbikon.ZVG

Ein grauenhafter Anblick: die von einem Hund gerissene Rehgeiss im Wald bei Böbikon.ZVG

Am Mittwoch letzter Woche erhielt Jagdaufseher Reto Willi aus Rekingen einen Anruf: Spaziergänger meldeten, sie hätten im Wald bei Böbikon ein gerissenes Reh gefunden. Es ist das zweite Mal in diesem Jahr, dass im Jagdrevier Zurzach Ost ein Reh von einem Hund zu Tode gebissen wurde.

Beim Fundort zeigte sich Jagdaufseher Willi ein grässliches Bild: Der höchstwahrscheinlich trächtigen Rehgeiss war die rechte hintere Flanke zerfleischt worden, Teile des Mauls und der Ohren fehlten. Jagdaufseher Willi erkannte sofort, dass das Reh von einem Hund gerissen worden war. In einem Leserbrief in der Regionalzeitung «Die Botschaft» schildert Willi seine Eindrücke: «Die Rehgeiss ist bei lebendigem Leib angefressen worden. Jeder kann sich vorstellen, welch qualvollen Tod das Tier erleiden musste.»

Rehrisse durch Hunde: Rückgang der gemeldeten Fälle

«Die Jagdverordnung des Kantons Aargau schreibt vor, dass Hunde im Wald und am Waldrand vom 1. April bis 31. Juli an der Leine zu führen sind«, sagt Reto Fischer von der Sektion Jagd und Fischerei im Departement Bau, Verkehr und Umwelt. «In der übrigen Zeit können Hunde auf Waldstrassen unter direkter Aufsicht ohne Leine geführt werden. Für Jagd- und Polizeihunde im Einsatz und bei der Ausbildung gelten diese Einschränkungen nicht.»

Seit 1999 führt die Sektion Jagd und Fischerei eine Statistik über Rehrisse durch Hunde. Die Zahlen weisen einen markanten Rückgang aus: 1999 waren 123 Risse durch Hunde gemeldet worden. In den folgenden neun Jahren schwankte die Zahl zwischen 118 (2006) und 82 (2007) gemeldeten Vorfällen, wobei Experten schätzen, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist. Seit 2009 bewegen sich die Zahlen im zweistelligen Bereich: 2011 waren es 40; 2012 59. Vereinzelt wurden auch Risse von Feldhasen, Füchsen, Dachsen und Wildschweinen gemeldet. (Za)

«Es ist gar nicht so schlimm . . .»

Für das Verhalten des Hundehalters hat Willi kein Verständnis: «Ihnen ist es völlig egal, wenn ein Reh elendiglich zugrunde geht.» Willi schildert auf Anfrage der Aargauer Zeitung, was er von Zeitgenossen zu hören bekommt, die ihre Hunde im Wald partout nicht anleinen wollen: «Es ist gar nicht schlimm, wenn mein Hund ein Reh reisst. Früher oder später schiesst ein Jäger das Wild ohnehin ab.»

Vor längerer Zeit hat Reto Willi eine Hundebesitzerin schriftlich verwarnt, weil sie ihren Hund nicht angeleint hatte, obwohl dies vom Gesetz vorgeschrieben wird (siehe Kastentext) und mit einer Busse bestraft werden kann. Zwei Wochen später traf er die Frau im Wald wieder mit frei herumlaufendem Hund an. Willis Kommentar: «Eine Handvoll Unverbesserliche bringt die grosse Mehrheit von Hundebesitzern, die sich korrekt verhalten, in Verruf.»

Die Hunde selbst nimmt Willi in Schutz: «Sie haben einen angeborenen Jagdtrieb. Es ist die Pflicht der Hundehalter, darauf zu achten, dass ihre Tiere keine Möglichkeiten erhalten, Wild zu reissen.»

Junge sind dem Tod geweiht

Für Adrian Thoma, Jagdaufseher im Revier Zurzach West ist es ein Graus, sich die Leiden der im Raum Böbikon aufgefundenen Rehgeiss vorzustellen: «Hatte sie Junge, werden diese – völlig auf sich allein gestellt – den Winter nicht überleben. Rehe nehmen kein fremdes Kitz an.»

Greife ein Hund ein Reh an, sei dieses meist auf verlorenem Posten: «Ein Dackel wird ein gesundes Reh kaum erwischen. Grössere Hunde aber haben die weitaus bessere Ausdauer als Wild und deshalb keine Mühe, ein Reh zu stellen und zu Tode zu beissen», erklärt Thoma. Im Revier Zurzach West ist in diesem Jahr ein ähnlich gelagerter Fall wie in Böbikon bekannt geworden. Weitere 18 Mal musste der Jagdaufseher ausrücken, weil Wild bei Kollisionen auf der Strasse oder auf der Bahnlinie getötet wurde.