Rietheim
Historischer Moment: Nach 90 Jahren fliesst wieder Wasser im Chly Rhy

Am Mittwoch ist der letzte Damm am alten Rhein-Seitenarm in Rietheim entfernt worden. Nun führt der Chly Rhy im renaturierten Auengebiet wieder Wasser, 9 Jahrzehnte, nachdem er trocken gelegt worden war.

Nadja Rohner
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Der Chly Rhy kann wieder fliessen
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Endlich: Der «Chly Rhy» kann wieder fliessen. Aus der Stromschnelle wird innert Stunden ein träge dahinfliessender Strom.

Der Chly Rhy kann wieder fliessen

Philipp Schuppli/Pro Natura Aargau

Im August 2001 stand in der Aargauer Zeitung: «Schoggitaler für Biber und Auen – Ein Teil des Erlöses aus der Taleraktion des Heimat- und Naturschutzes kommt einem grossen Aargauer Projekt zugute, den Bibern und Auen von Rietheim am Rhein bei Zurzach». Das Projekt war damals, vor 14 Jahren, schon geboren: Bei Rietheim soll ein Auengebiet entstehen und der alte Rhein-Seitenarm – der Chly Rhy – wieder durchflutet werden.

Am Mittwochvormittag, kurz vor 11 Uhr, war es so weit. Nur noch ein aufgeschütteter Zufahrtsweg teilte den Chly Rhy. Stück für Stück wurde er abgetragen. Der Baggerführer machte es spannend: Er hatte nicht nur zuvor die beiden Durchflussrohre im künstlichen Damm verstopft, um den Pegel oberhalb des Dammes möglichst hoch ansteigen zu lassen – für die Show –, er schien sich auch extra viel Zeit zu lassen mit dem Ausbaggern, um die Spannung zu erhöhen. Nach jeder Schaufel voll Kies und Dreck erwarteten die Zuschauer den Durchbruch, ja, eine veritable Sintflut.

Dabei war das Publikum eigentlich viel zu klein für diesen historischen Augenblick: Neben Gemeindeammann Beat Rudolf, der Projektleitung von Kanton und Pro Natura/Crea Natira sowie Ingenieuren und Bauarbeitern wurden lediglich ein paar zufällig vorbeigekommene Passanten Zeugen des Moments, als der Chly Rhy zum ersten Mal seit der Trockenlegung vor 90 Jahren wieder frei fliessen konnte. Auch der Biber liess sich nicht blicken. Er wird wohl in der Nacht vorbei gekommen sein. Dann, wenn sich das Wasser verteilt und den heute noch reissenden Flussabschnitt in einen ruhig dahinfliessenden Strom verwandelt hat.

Im Chly Rhy wird die meiste Zeit des Jahres Wasser fliessen. Bei Hochwasser sorgt ein Einlaufbauwerk dafür, dass der Seitenarm nicht früher über die Ufer tritt als der Rhein. Insgesamt ist der 1,5 Kilometer lange Seitenarm auf eine Breite von 10 Metern ausgehoben worden. Er weist ein Gefälle von etwas weniger als 0,1 Prozent auf. «Der Chly Rhy wurde so geplant, dass er möglichst vielfältige Wasserlebensräume aufweist», sagt Erik Olbrecht, Projektleiter vom Departement Bau, Verkehr und Umwelt.

«Es gibt langsam und schnell fliessende Abschnitte, tiefe und flache Stellen sowie abschnittsweise steile Ufer – dort kann der Eisvogel seine Brutröhren anlegen.» In den Nebenarmen mit stehendem Wasser fühlen sich Muscheln wohl. «Es ist erwünscht, dass der Chly Rhy künftig sein Flussbett selber umgestaltet und damit immer wieder neue Strukturen schafft: Sandbänke, Prallhänge oder Kolke», sagt Olbrecht. «Je vielfältiger das Gewässer und seine Ufer sind, desto mehr unterschiedliche Tiere und Pflanzen leben hier.»

Einweihungsfeier der renaturierten Aue am Samstag, 20. Juni. Offizieller Festakt um 11 Uhr, danach Grilladen und musikalische Unterhaltung, Info-Posten

Chly Rhy

Mit dem rund 1,5 Kilometer langen Rhein-Seitenarm Chly Rhy in Riethein, an der letzten kraftwerksfreien Fliessstrecke zwischen Bodensee und Basel gelegen, ist das grösste revitalisierte Auengebiet am Hochrhein entstanden. Er ist ein Kernstücks des Aargauer Auenschutzparks.

Der Weg zur Realisierung war lang: Er begann 2010 und führte bis vor das Bundesgericht. Dieses wies schliesslich die Beschwerde eines Rietheimer Landwirts ab. Er hatte unter anderem Hochwasserschäden befürchtet und sich wegen der Enteignung eines «kleinen, aber strategisch wichtigen Landstücks» gewehrt.

Rund 150'000 Kubikmeter Erdmasse sind für die Realisierung des Chly Rhy abgetragen worden, die grösstenteils wegen des im benachbarten Koblenz in den 60er-Jahren geplanten und nie realisierten Wasserkraftwerks aufgeschüttet worden waren.

Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 9,38 Millionen Franken, wovon der Bund 4,8 und der Kanton 2,08 tragen. 1,5 Millionen Franken steuern Dritte bei, den Restbetrag übernimmt Pro Natura Aargau. (az)