Kleindöttingen
Hier erhalten Notdürftige Essen und viel Herzlichkeit für nur einen Franken

Die Abgabestelle «Hand und Herz» verteilt immer am Montag und Freitag Esswaren an Notdürftige und Sozialhilfebezüger. Ein Besuch.

Barbara Scherer
Drucken
Durch «Hand und Herz» werden pro Woche über 150 Personen mit Esswaren verpflegt. Alex Spichale

Durch «Hand und Herz» werden pro Woche über 150 Personen mit Esswaren verpflegt. Alex Spichale

Alex Spichale

Eine junge Frau schiebt einen Kinderwagen entlang der Hauptstrasse um eine Hausecke, ein Mädchen hüpft um sie herum. Vor einer blauen Tür stehen bereits einige Männer mit Zigaretten. Mit einem breiten Lächeln grüsst man sich. Drinnen sitzen vereinzelt Personen an den runden Klapptischen, vor ihnen stehen Kaffeetassen und Teller mit Kuchenstücken drauf: «Hand und Herz» heisst das Angebot für Notdürftige und Sozialhilfebezüger in der Freien Evangelischen Gemeinde Unteres Aaretal im in Kleindöttingen.

Immer Montag und Freitag werden dort für einen Franken Lebensmittel verteilt. Im Eingangsbereich befindet sich zeitgleich eine Kaffeestube: Hier können sich die Leute austauschen und kennen lernen. «Viele Leute nutzen dieses Angebot und kommen schon früher», sagt Leiterin Jeannette Wüthrich.

Helfer sind gleichzeitig Kunden

Beliefert wird die «Hand und Herz»-Abgabestelle von der Schweizer Tafel. Diese sammelt überschüssige, einwandfreie Lebensmittel ein und verteilt sie gratis an soziale Institutionen. «Wir beziehen auch Esswaren direkt von Geschäften in der Region», erklärt Wüthrich. Kisten voller Brote, Gemüse und Früchte werden in die Abgabestelle getragen. Rund 30 ehrenamtliche Helfer arbeiten bei «Hand und Herz» mit. Die meisten von ihnen sind selbst Kunden. So auch der Kassier Jebbar Barsababni. Ursprünglich kommt der 32-Jährige aus dem Iran. Der studierte Mathematik, wurde in seiner Heimat politisch verfolgt und lebt nun seit vier Jahren in der Schweiz.

«Bei der Ausgabestelle habe ich Freunde gefunden und viel Herzlichkeit erfahren», sagt Barsababni. «Jetzt möchte ich das zurückgeben können.» Deshalb hilft er als Buchhalter aus. «Alle Helfer bekommen ein Arbeitszeugnis von uns. Besonders Asylsuchende können damit bei der Jobsuche nachweisen, dass sie bereits gearbeitet haben», sagt Wüthrich. So gehören in den letzen Jahren immer mehr Asylsuchende zu den Stammkunden der Abgabestelle. Wobei die meisten von ihnen aus Eritrea und Afghanistan stammen, davon wohnen einige im kantonalen Asylzentrum Leuggern im Ortsteil Felsenau.

Doch nicht jeder mit einem schmalen Portemonnaie ist berechtigt, bei der Abgabestelle vorbeizuschauen. Die Sozialämter der umliegenden Gemeinden bestimmen, wer Anrecht auf eine Bezugskarte hat und wie viele Esswaren einem Haushalt zustehen. Einzelpersonen dürfen daher nicht gleich viele Produkte beziehen wie Familien. So werden durch «Hand und Herz» pro Woche über 150 Personen mit Esswaren verpflegt. Vor über vier Jahren wurde das Projekt ins Leben gerufen. «Die Idee war es, aus christlicher Nächstenliebe einen Beitrag für die Gesellschaft zu liefern», sagt Wüthrich.

«Es holt Leute aus der Isolation»

Damit alles geordnet zu- und hergeht, dürfen sich nicht alle gleichzeitig bedienen: In einer zufälligen Reihenfolge holen die Bezüger die Lebensmittel. Dafür mischt der Kassier Jebbar die Bezugskarten. Einen nach dem anderen ruft er dann nach vorne, während die anderen geduldig an ihren Tischen warten. Mit grossen Einkaufstaschen geht es in den Nebenraum, wo die Lebensmittel gestapelt sind.

Wer seine Tasche gefüllt hat, geht meist nicht gleich nach Hause. Gemeinsam wird noch Kaffee getrunken und geplaudert. «Das Programm hilft nicht nur beim Wocheneinkauf aus, es holt viele Leute auch aus der Isolation», sagt Wüthrich. Tatsächlich bestätigen einige der Besucher, dass sie durch die Abgabestelle Anschluss gefunden haben. Dabei trägt die Abgabestelle auch ihren Teil zur Integration bei. So lernen viele Asylsuchende ihre ersten deutschen Wörter hier. Das beginnt bereits im Kinderhort, den die Abgabestelle anbietet: Während die Eltern in Ruhe ihren Kaffee geniessen, können sich die Kinder austoben.

Dort hütet Anita Germann regelmässig. Die 66-Jährige nutzt seit einem Jahr das «Hand und Herz»-Angebot. «Mir reichte das Geld der Pension nirgendshin, und das, obwohl ich immer gearbeitet habe», erklärt Germann. Damit sie auch etwas zurückgeben kann, entschied sich die temperamentvolle Rentnerin, mitzuhelfen. Die Kinder kennen die Frau mit dem Kurzhaarschnitt bereits bestens. Bevor es an den Maltisch geht, ziehen die Knirpse die Schuhe aus. «Im ganzen Haus gelten Regeln, das ist auch gut so», sagt Germann, während sie Papier an die Kinder verteilt. Fast alle von ihnen sprechen zu Hause kein Deutsch, doch im Hort reden die Kinder Deutsch.

Obwohl die Abgabestelle in einer christlichen Gemeinde stattfindet, wird nicht missioniert. «Wir wollen für alle Menschen zugänglich sein und verhalten uns möglichst neutral», erklärt Wüthrich. Weihnachtsschmuck findet man deshalb keinen bei «Hand und Herz». Um 16 Uhr schliesst die Abgabestelle jeweils. Dann treten die Bezüger mit vollen Einkaufstüten und neuen Bekannten den Heimweg an.

Aktuelle Nachrichten