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Harzender Einkaufstourismus: Warum Schweizer weniger ennet der Grenze einkaufen

Der Boom geht seinem Ende entgegen: 42 Prozent der Geschäfte in Südbaden vermelden rückläufige Umsätze mit Schweizern.

Susann Klatt-D’Souza
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Die Schweizer gehen weniger häufig über die Grenze einkaufen. Töngi/Archiv

Die Schweizer gehen weniger häufig über die Grenze einkaufen. Töngi/Archiv

Martin Töngi

Im Waldshuter Parkhaus Viehmarktplatz reiht sich vor allem samstags ein Schweizer Auto neben dem anderen. An diese Bilder hat man sich in der Deutschen Grenzregion gewöhnt, ebenso wie an die prall gefüllten Einkaufswagen an der Kasse und die vollen Grenzübergänge. Doch nun scheint die Spitze erreicht, die Zahlen der Schweizer Einkaufstouristen sind rückläufig. Nur noch 14 Prozent machen laut einer Umfrage in Südbaden in diesem Jahr bessere Geschäfte mit den Schweizern als 2016. 44 Prozent vermelden: Stagnation. Und satte 42 geben sogar an, dass die Umsätze mit den Eidgenossen rückläufig sind.

Einen leichten Rückgang in Waldshut bestätigen sowohl der Handelsverband Südbaden als auch die IHK Hochrhein-Bodensee. Jochen Seipp, Vorsitzender des Ortsverbands Waldshut-Tiengen im Handelsverband Südbaden: «Waldshut verzeichnet einen leichten Rückgang in der Besucherfrequenz der Innenstadt im Vergleich zum Vorjahr.» Weiter sagt er: «Nach wie vor bietet sich der hiesige Einzelhandel durch Angebotsvielfalt und Serviceangebot als sehr attraktiv an.»

Waldshut-Tiengen ist die Nummer 1

Die Einzelhandelszentralität zeigt ab einem Wert über 100 Prozent die Anziehungskraft einer Stadt nach aussen. Bei der IHK Hochrhein-Bodensee liegt Waldshut-Tiengen (bei Städten über 10 000 Einwohnern) mit einem Wert von 222,3 Prozent auf Platz 1. Es folgen Singen (190), Bad Säckingen (174), Lörrach (150) und Konstanz (146).

Jörg Holzbach, stellvertretender Vorsitzender des Waldshuter Werbe- und Förderungskreises (W+F): «Ob die Zahl an Schweizer Kunden zurückgegangen ist, kann ich bisher noch nicht einschätzen. Stagnation würde es meiner Einschätzung nach besser treffen. Aber das war abzusehen, es konnte nur schwerlich auf diesem Niveau weiter nach oben gehen. Ausserdem machen unsere Nachbarn gerade Hausaufgaben und es ergeben sich nicht mehr in allen Produktgruppen Vorteile.» Gitta Wehrle-Maier, Inhaberin eines Waldshuter Sportfachgeschäftes und im Beirat des W+F, hat in ihrem Geschäft einen leichten Rückgang verzeichnet. «Dennoch können wir uns nicht beklagen, denn wir haben glücklicherweise immer noch sehr viele Schweizer Kunden.» Als Ursache nennt Wehrle-Maier unter anderem den sinkenden Frankenkurs.

Bertram Paganini, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hochrhein-Bodensee, bestätigt ebenfalls einen leichten Rückgang in Waldshut-Tiengen. Als Grund nennt er unter anderem die mangelnde Infrastruktur und meint damit Staus und zu wenige Parkplätze. Ein weiterer Grund sei, dass die Schweizer Einzelhändler vor allem im Lebensmittelbereich ihre Preise deutlich gesenkt hätten, um wieder Kunden zu gewinnen. Vor allem Schweizer, die weiter als 30 Kilometer nach Deutschland fahren müssen, blieben deshalb eher in ihrem Heimatland. «Jetzt ist es an Deutschland, die Rahmenbedingungen zu verbessern wie die Stausituation an den Grenzübergängen.» Das wäre laut Paganini durch elektronische Mehrwertsteuerrückerstattung möglich. «Wir arbeiten da mit Hochdruck dran.»

Schwer, das hohe Niveau zu halten

Bertram Paganini informiert weiter: «Das Hauptzollamt in Singen hat bereits im vergangenen Jahr ein Minus bei den Ausfuhrzetteln von 0,5 Prozent erreicht.» Allerdings habe es in Lörrach immer noch ein Plus gegeben. «Wir hatten zuvor eine Steigerung von 21 Prozent vom Jahr 2014 auf 2015. Da ist es schwer, das hohe Niveau zu halten.»

Doch gejammert wird in Waldshut nicht. Denn die Stadt ist weiter für Kunden weit über die Grenzen hinaus attraktiv. Laut Bertram Paganini spreche Waldshut-Tiengen Kunden im Radius von einer Stunde Fahrzeit an. «Das gelingt nur, weil es hier ein besonderes Einkaufsumfeld gibt und weil die Stadtverantwortlichen mit einem Handelskonzept seit vielen Jahren die Einzelhandelsentwicklung steuern und fördern.» Ansonsten wäre es kaum möglich, dass bei einer vorhandenen Einzelhandelskaufkraft der Stadt von 168 Millionen Euro für dieses Jahr ein Umsatz von 332 Millionen Euro prognostiziert wird. «Die aus diesen Zahlen ableitbare Einzelhandelszentralität ist ein Gradmesser für die Attraktivität einer Stadt. Ein Wert über 100 Prozent sollte mindestens erreicht werden. Waldshut-Tiengen erzielt einen Wert von 222,3 Prozent. Das ist nicht nur der höchste Wert einer Einkaufsstadt in der IHK-Region, sondern auch ein Spitzenwert in Baden-Württemberg», erklärt Paganini.