Endingen
Harmonische Zukunft – selbst gemacht

Arthur Schiferli ist einer von sieben Mundharmonika-Doktoren in der Schweiz. Er hat einen Kurs belegt, «Feuer gefangen» an diesem Instrument und jeden Tag geübt. Heute lehrt er selber.

Marc Reinhard
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Aargauer Zeitung

Der arbeitslose Endinger Arthur Schiferli ist 58 und hat entsprechend ungünstige Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Auf dem Abstellgleis steht er aber trotz Hunderten erfolglosen Bewerbungen nicht: Er baut jetzt seine eigenen Schienen.

Eine riesige freundliche Bobtaildame begrüsst einen an der Trottenstrasse 14 und gleich anschliessend ebenso freundliche Augen, die dem Mundharmonika-Doktor gehören. Ein kräftiger Händedruck, ein paar herzliche Sätze zum Willkomm, es fällt auf: Hier herrschen weder Verbitterung noch Resignation. Heute nicht mehr. Man spürt vielmehr Aufbruch, Mut und Genugtuung über den vielversprechenden Weg, den Schiferli mit seinem grossen Hobby gerade einschlägt.

Der Muha-Doktor

Arthur Schiferli hat vor fünf Jahren begonnen, Mundharmonika zu spielen. Er hat einen Kurs belegt, «Feuer gefangen» an diesem schwierig zu lernenden Instrument und jeden Tag geübt. Heute unterrichtet er selbst Schüler. Irgendwann ist ein Kollege gekommen mit «einem Problem an den Stimmzungen seiner Harmonika». Er habe sich das Instrument angesehen und innert weniger Tage reparieren können. Schickt man dasselbe an die Herstellerfirma, kann die Reparatur mit etwas Pech schon mal zwei Monate dauern. «Muha-Spieler wollen nicht warten, sie wollen spielen!» sagt Schiferli. Der Kollege war bass erstaunt, und Arthur Schiferli auch: Sein Flair für Feinmechanik war geboren. Also hat er sich mit Werkzeug ausgerüstet und fortan Mundharmonikas repariert.

Fachliteratur hat ihn ständig begleitet, rasch war der weltoffene Mann in der überschaubaren Schweizer Szene mit Kontakten vernetzt. Heute bekommt der sympathische «Schnoregygeler» - vom Schweizer Verband der Mundharmonikaspieler längst in den Stand eines Muha-Doktors erhoben - immer mehr Aufträge und erlebt damit seinen beruflichen dritten Frühling. Schiferli erweitert jetzt nach und nach seine Dienstleistungen: Er experimentiert mit Materialien und kann die unterschiedlichen Klangeigenschaften von Holz, Blech und Kunststoff ganz genau unterscheiden.

Er verschraubt die Stimmplatten doppelt, weil er festgestellt hat, dass sie nur so absolut luftdicht schliessen. Er baut die Deckel für den Kanzellenkörper aus Nussbaum- oder Fruchtbaumholz in Trompetenform, was einer Erfindung gleichkommt. «Die Harmonika klingt so viel offener, voller» weiss er, der dabei ist, sich in einem kleinen Markt einen grossen Namen zu machen.

Ein eigenes Trio - das wärs

Er bekomme Komplimente und Anerkennung von Muha-Spielern. Für einen Kunden hat er kürzlich eine komplett vergoldete Mundharmonika hergestellt und ist selbst begeistert: «über Gold gleiten die Lippen am allerbesten!» Kostenpunkt: Ca. 8500 Franken (!). Arthur Schiferli hat sich warmgeredet, in seiner Stimme schwingt Leidenschaft. Fasziniert habe ihn das Thema Mundharmonika schon viel früher, «ich glaube es war an der Badenfahrt 97, als ich eine kleine Band spielen hörte». Die Vielseitigkeit habe ihn überrascht, könne man mit einer Mundharmonika doch praktisch alle Musikstilrichtungen spielen.

Er setzt sein Lieblingsstück an den Mund und spielt «Banks of Ohio», einen alten Country-Klassiker. «Sie sollten die Zuhörer sehen, wenn ich mit meinen Schülern an Unterhaltungsabenden spiele. Da fliesst so manches Rührungstränchen.» Der Endinger Muha-Doc möchte die Zukunft nicht auf sein Musikzimmer und seine Werkstatt beschränken. «Ein eigenes Mundharmonika-Trio, das wärs!»