Kaiserstuhl
Gesucht in Kaiserstuhl: Neue Steuerzahler

Um die vielen leerstehenden Wohnungen zu vermitteln und das Städtli zu beleben, führt die Gemeinde am Sonntag einen Wohntag durch. Der ungewöhnliche Anlass ist eine «Flucht nach vorne», wie es Stadtammann Ruedi Weiss ausdrückt.

Nadja Rohner
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Kaiserstuhl hat heute rund 400 Einwohner.

Kaiserstuhl hat heute rund 400 Einwohner.

ZVG Gemeindeverwaltung

Tage der offenen Tür kennen wir. Kaiserstuhl macht am Wochenende aber gleich so viele Türen auf, dass man gar von einem Tag des offenen Städtlis reden kann: Mit dem «1. Kaiserstuhler Wohntag» will der Stadtrat der flächenmässig kleinsten Gemeinde im Aargau potenzielle Neuzuzüger gewinnen.

Der ungewöhnliche Anlass ist eine «Flucht nach vorne», wie es Stadtammann Ruedi Weiss ausdrückt. Denn: Kaiserstuhl hat durch Wegzüge und Todesfälle in den letzten Jahren 15 bis 18 Prozent des Steuersubstrats einbüssen müssen. Das belastet die Rechnung erheblich, zumal Kaiserstuhl bereits zu den Gemeinden mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung im Kanton zählt.

Statt einfach den Steuerfuss – heute bei 120 Prozent – zu erhöhen, ziehe man es vor, Ursachenbekämpfung zu betreiben, sagt der Ammann. Das Problem: «Wir haben einen massiv höheren Leerwohnungsbestand, als uns guttut», so Weiss. «Er ist etwa dreimal so hoch wie in den Nachbargemeinden.» Um dies zu ändern und das Städtli wieder mehr zu beleben, werden am Sonntag 25 Wohnobjekte – alle zu vermieten oder zu verkaufen – zur Besichtigung offen stehen.

Damit man sich ein Bild machen kann, wie die meist leerstehenden Objekte bewohnt aussehen könnten, öffnen auch sechs Kaiserstuhler Familien ihre Stubentür. «Kaiserstuhl bietet eine einzigartige Altstadt inmitten der Natur», sagt der Stadtammann. «Nun müssen wir noch das Publikum finden, das an dieser Kombination Freude hat.»

Damit sich die Gäste und potenziellen Neuzuzüger in Kaiserstuhl wohlfühlen, ist am Wohntag auch der historische Stadtturm zur Besichtigung geöffnet; jede Stunde finden Städtliführungen statt. Auf Wunsch werden Kinder beim Spielplatz betreut. Ausserdem gibt es mehrere Festbeizen und eine Kafistube. Die Kuchen dafür backen die Kaiserstuhler selber und sponsern sie.

«Das Engagement in der Bevölkerung für den Wohntag ist gross», betont der Ammann. «Die Kaiserstuhler freuen sich und werden am Sonntag auch gerne auf der Strasse Auskunft darüber geben, wie es sich bei uns wohnen lässt – und zwar ganz ehrlich.»

Schönheit mit Ecken und Kanten

Aber für welche Neuzuzüger ist das Städtli überhaupt geeignet? Kaiserstuhl besteht praktisch nur aus einer pittoresken Altstadt mit historischer Bausubstanz. Einheitsbrei wie in Neubausiedlungen gibt es in «Kaisi» wahrlich nicht, jede der Wohnungen in den alten, stolzen Bürgerhäusern ist auf ihre Art speziell. Das macht die Gemeinde zu einem optischen Bijou, hat aber auch Tücken.

So umfassen die Wohnungen oft mehrere Stockwerke oder liegen im Dachgeschoss der hohen Häuser, Lifte gibt es aber im ganzen Städtli fast keine. Auch die relativ steilen Gassen sind für Gehbehinderte eher nicht geeignet. Der nahe Flughafen Zürich bringt, neben vielen Vorteilen, auch etwas Fluglärm mit sich. Die schöne Lage direkt am Rhein, an der Grenze zu Zürich und Deutschland, hat ebenfalls zwei Seiten: Sie ist eher ungünstig, wenn jemand in Baden arbeitet und dabei auf den Bus angewiesen ist – es gibt zwar eine Direktverbindung, allerdings beträgt die Fahrzeit 52 Minuten.

«Dafür haben wir hervorragende S-Bahn-Verbindungen nach Zürich und Bülach–Winterthur», sagt der Ammann. Auch nach Bad Zurzach kommt man rasch. «Ideal ist Kaiserstuhl also unter anderem für Menschen mit Arbeitsort am Flughafen, in Zürich Nord, in der Region Bülach oder im Zürcher Unterland.» Auch für Selbstständige oder Kunsthandwerker, die von zu Hause aus arbeiten, eignet sich Kaiserstuhl – viele leerstehende Ladengeschäfte mit verwaisten Schaufenstern warten auf eine neue Nutzung.

Generell sieht Ammann Weiss grosses Neuzuzügerpotenzial bei Zürchern: «Zum Beispiel solche, die in der City keinen günstigen Wohnraum finden.» Punkten dürfte Kaiserstuhl bei den Zürchern ausserdem, weil die Kinder künftig im zürcherischen Weiach respektive Stadel zur Schule gehen sollen und nicht mehr im Aargau.

1. Kaiserstuhler Wohntag am Sonntag, 31. Mai, 11 bis 18 Uhr. Anreise am besten mit öV, Gratistag des Zürcher Verkehrsverbundes nutzen.

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