Leibstadt/Beznau
Gesperrte Grenzübergänge: Auch AKW hoffen auf Entschärfung – deutsche Angestellte satteln auf Velos um

Die langen Staus haben nicht nur Folge für deutsche Angestellte in Gesundheitsberufen, sondern auch in Kernkraftwerken. Auch wenn sich die Situation unterdessen entschärft hat.

Philipp Zimmermann
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Das Atomkraftwerk in Leibstadt – im Hintergrund die deutsche Grenzregion.

Das Atomkraftwerk in Leibstadt – im Hintergrund die deutsche Grenzregion.

Philipp Zimmermann

"Vor allem am Grenzübergang Koblenz ist zu Stosszeiten mit einer verlängerten Wartezeit zu rechnen." Darauf weist der Kanton Aargau im neuen Lage-Bulletin vom Donnerstag hin. Die explizite Erwähnung zeigt, dass die Situation an der Grenze problematisch ist. Das ist seit Anfang letzter Woche so: Die teilweise Schliessung der Grenze auf deutscher Seite, verbunden mit Kontrollen der Bundespolizei, sorgte für lange Staus. Betroffen waren davon gerade Grenzgänger, die morgens in die Schweiz und abends zurück nach Deutschland fahren. Sie mussten besonders in den ersten Tagen Wartezeiten von über drei Stunden in Kauf nehmen. Am ersten Abend standen Autos mit deutschen Kennzeichen bis nach 22 Uhr vor der Rheinbrücke des Grenzübergangs Koblenz-Waldshut.

Leidtragende waren gerade Angestellte aus Deutschland, die in Spitälern und Klinken im Aargau arbeiten. Für das Kantonsspital Baden wurde dies zu einem riesigen Problem, wie Mediensprecher Omar Gisler sagte. Die Angestellten schafften es teilweise nicht rechtzeitig zur Arbeit. "Die Grenzgänger spielen eine fundamentale Rolle, damit wir die Gesundheitsversorgung gewährleisten können", so Gisler. Die Reha-Clinic in Bad Zurzach wandte sich an die Eidgenössischen Zollverwaltung mit der Forderung. Sie fordern, dass an einem der komplett geschlossenen Grenzübergänge in Bad Zurzach oder Kaiserstuhl eine erleichterte Einreise für ihren Angestellten möglich wird.

Angestellte satteln aufs Fahrrad um

Nun zeigt sich: Die Gesundheitsinstitutionen waren mit diesem Problem nicht allein. Jeder Vierte der rund 500 Mitarbeitenden des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL) wohnt im Ausland, wie Sprecher Thomas Gerlach sagt. "Sie waren zunächst mit längeren Wartezeiten an der Grenze konfrontiert und mussten deshalb früher von Zuhause losfahren."

Velofahrer müssen umkehren am gesperrten Grenzübergang Leibstadt-Dogern.

Velofahrer müssen umkehren am gesperrten Grenzübergang Leibstadt-Dogern.

Philipp Zimmermann

Auf den Betrieb des Kraftwerks samt Stromerzeugung habe die Situation keine Auswirkungen gehabt, so Gerlach. "Die Situation habe sich nach wenigen Tagen wieder normalisiert." Allerdings: "Manche Mitarbeitende haben auch auf das Fahrrad umgestellt", sagt Gerlach. Gesperrt ist aber auch der Grenzübergang Leibstadt-Dogern: Beim dortigen Wasserkraftwerk führt eine schmale Brücke über den Rhein, welche Velofaher normalerweise passieren dürfen. Nun müssen einige Mitarbeitende mit dem Velo eine zirka 12 Kilometer lange Schlaufe via den Grenzübergang Koblenz machen, ehe sie am Arbeitsort ankommen.

Am Dienstag staut sich der Verkehr vor dem Grenzübergang Koblenz-Waldshut erneut im Feierabendverkehr.
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Der Verkehr staut sich auf der Zufahrtsstrasse von Klingnau her.
Und der Verkehr staut sich auf der Zufahrtsstrasse von der anderen Seite her, aus Richtung Rietheim und Bad Zurzach.
Es staut am Grenzübergang Koblenz
17.40 Uhr: Stau auf der Umfahrungsstrasse auf Höhe Ausfahrt Koblenz in Richtung Bad Zurzach.
17.40 Uhr: Auch in Richtung Rietheim staut sich in Koblenz der Verkehr.
17.40 Uhr: Auch auf der Landstrasse in Richtung Kantonsstrasse viel stehendes Blech.

Am Dienstag staut sich der Verkehr vor dem Grenzübergang Koblenz-Waldshut erneut im Feierabendverkehr.

pz

Wartezeiten auch für Beznau-Angestellte

Die Staus waren auch im Kernkraftwerk Beznau (KKB) in Döttingen ein Thema. Von den 460 Mitarbeitenden wohnen 65 in Deutschland, also 14 Prozent. "Einige dieser Mitarbeitenden sind betroffen und sie haben teilweise mit Wartezeiten im Stau zu rechnen", sagt Antonio Sommavilla, Sprecher des Stromkonzerns Axpo. "Die Besetzung der einzelnen Funktionen ist aber so ausgelegt, dass eine blosse Verspätung keine Auswirkungen auf den Betrieb hat."

Wie das KKL hat auch das KKB für die Mitarbeitenden, welche aus dem Ausland anreisen, Passierscheine ausgestellt. Gleiches tat das Bundesamt für Energie vorsorglich für Mitarbeitende von kritischen Infrastrukturen, um allfällige Probleme an einem Grenzübergang zu vermeiden. Die Betreiber der beiden AKW machen also offenbar keinen Druck, um die Situation an den Grenzübergängen zu verbessern. "Wir haben schon darüber diskutiert", meint Gerlach allerdings. Und Sommavilla sagt: "Die Öffnung weiterer Grenzübergänge wäre aber sicher nützlich, um die Warteschlangen zu verringern, die sich vor den derzeit offenen Grenzübergängen bilden."