Flüchtlingsboykott
Gemeindeammann von Rekingen: «Ich habe nicht das Gefühl, dass wir etwas falsch gemacht haben»

Erstmals nimmt Gemeindeammann Werner Schumacher Stellung zur Flüchtlingsdebatte. «Es kann nicht sein, dass die Kosten einfach auf die Gemeinden abgewälzt werden», betont er.

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Gemeindeammann Werner Schumacher mit Regierungsrätin Susanne Hochuli an einer Infoveranstaltung im Jahr 2014. Tim Honegger

Gemeindeammann Werner Schumacher mit Regierungsrätin Susanne Hochuli an einer Infoveranstaltung im Jahr 2014. Tim Honegger

Tim Honegger

Bisher hat Werner Schumacher konsequent geschwiegen. Das Reden überliess er Gemeinderat Roman Knöpfel, dem Ressortverantwortlichen. Schon bei seinem Amtsantritt im Jahr 2014 hatte Rekingens Ammann Werner Schumacher angekündigt, dass er den Gemeinderäten mehr Verantwortung übertragen will. Doch nun, da die 950-Seelen-Gemeinde eine Woche lang für nationalen Gesprächsstoff gesorgt hat, nimmt auch der Ammann Stellung.

Kurzer Rückblick: Der Gemeinderat von Rekingen rief Hausbesitzer dazu auf, keine Wohnungen an anerkannte Flüchtlinge zu vermieten. «Sobald die Gemeinde kostenpflichtig ist, bedeutet dies den finanziellen Ruin für Rekingen. Aus diesem Grund bitten wir die Eigentümer von Liegenschaften, künftig von Mietverträgen mit Asylanten Status B abzusehen», stand im «Strichpunkt», dem offiziellen Publikations-organ der Zurzibieter Gemeinde.

«Fühlen uns alleingelassen»

«Alles, was Gemeinderat Roman Knöpfel gesagt hat, deckt sich mit meiner Meinung», sagt Schumacher nun. Die Kernbotschaft für ihn: «Wir wollen aufzeigen, dass einiges auf die Gemeinden zukommt, vor allem auf die kleineren.» Das Problem: Anerkannte Flüchtlinge sind überdurchschnittlich häufig arbeitslos und verursachen daher hohe Sozialkosten. Im Aargau trägt der Kanton die Sozialhilfe für die ersten fünf Jahre, danach wird die Wohngemeinde zur Kasse gebeten. Mit 125 Prozent hat Rekingen schon jetzt den zweithöchsten Steuerfuss im Aargau. Schumacher wünscht sich, dass vom Kanton andere Modelle entwickelt werden. «Es kann nicht sein, dass die Kosten einfach auf die Gemeinden abgewälzt werden», sagt der Ammann und fügt an: «Wir fühlen uns alleingelassen.»

Der Aufruf des Rekinger Gemeinderats hat zahlreiche Reaktionen provoziert: von Entrüstung bis Beifall. «Wir haben damit gerechnet, aber nicht in dem Ausmass. Für Rekingen ist das ein Ausnahmezustand», sagt Schumacher. Der «Blick», der «Tages-Anzeiger» oder die «NZZ» haben berichtet. Die Caritas und der Verein Netzwerk Asyl Aargau haben sich in die Diskussion eingeschaltet, Asyl-Hardliner und SVP-Nationalrat Andreas Glarner sowie Gemeindeammänner-Präsidentin Renate Gautschy haben sich zu Wort gemeldet.

«In der Sache gleich vorgehen»

«Ich habe nicht das Gefühl, dass wir etwas falsch gemacht haben», sagt Werner Schumacher rückblickend. In der Sache, so ist er überzeugt, würde der Gemeinderat wieder gleich vorgehen, «aber in der Kommunikation würden wir vielleicht einen anderen Weg wählen». Schumacher selbst hat zahlreiche Mails von Privaten und Institutionen erhalten. «Die unterstützenden Voten überwiegen», sagt er, «viele finden es gut, dass wir über die Situation und die Kosten reden.» Aber es gebe auch die unangenehmen Mails, jene, in denen der Gemeinde konkret Rassismus vorgeworfen werde.

Schumacher betont, dass die Zeilen im «Strichpunkt» lediglich als Aufruf gedacht waren. «Die Gemeinde wird keine Schritte erwägen, das auch durchzusetzen. Damit würden wir zu stark in die Freiheit des Einzelnen eingreifen.» Bereits haben einige der sechs anerkannten Flüchtlinge mit Status B eine Wohnung in Rekingen bezogen. Es sind die ersten, seit 2009 die kantonale Asylunterkunft eröffnet wurde. Seit einer Aufstockung im Jahr 2014 finden 143 Asylsuchende in Rekingen Platz. Wer anerkannt wird, muss eine eigene Wohnung suchen.

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