Koblenz
Gemeindeammann über Giroflex-Verkauf: «Die Firma ist ein Teil unserer Identität»

Der Verkauf des renommierten Bürostuhl-Herstellers Giroflex hat Gemeindeammann Andreas Wanzenried überrascht. Obwohl das Unternehmen in einer schwierigen Lage steckte und im letzten Jahr mehrere Dutzend Stellen abgebaut hat.

Philipp Zimmermann
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Die Zukunft von Giroflex in Koblenz ist ungewiss. Dies bereitet Gemeindeammann Andreas Wanzenried sorgen.

Die Zukunft von Giroflex in Koblenz ist ungewiss. Dies bereitet Gemeindeammann Andreas Wanzenried sorgen.

zim/montage az

Die Nachricht hat in Koblenz eingeschlagen: Der schweizweit bekannte Bürostuhl-Hersteller Giroflex ist an den norwegischen Konzern Flokk verkauft worden. Bis Ende Jahr bleiben der Standort und die Arbeitsplätze erhalten. In diesem Zeitraum wollen die neuen Eigentümer mit der Giroflex-Geschäftsleitung eine Analyse vornehmen. Was dann passiert, scheint aber in den Sternen zu stehen. Der neue Besitzer kann zurzeit keine Garantie abgeben, dass der Produktionsstandort in Koblenz erhalten bleibt. Klar ist einzig, dass die Marke Giroflex weitergeführt wird.

Von der Nachricht überrascht worden ist Gemeindeammann Andreas Wanzenried. "Wir sind nicht informiert worden", stellt er fest. "Wir wussten aber, dass Giroflex gegen Anfang Jahr Stellen reduziert hat." Waren es im Frühling noch knapp 250 Mitarbeitende, so sind es aktuell noch 200, wobei 130 am Hauptsitz und 50 beim Zulieferbetrieb Espisa in Koblenz beschäftigt sind. "Wir wussten auch, dass Giroflex im umkämpften Markt nach Lösungen sucht, um effizienter zu werden", ergänzt Wanzenried.

Giroflex ist nicht nur ein grosser Arbeitgeber im Bezirk Zurzach, sondern auch mit Abstand der grösste in Koblenz, das an der deutschen Grenze am Rhein liegt. Der Bürostuhl-Hersteller ist für Koblenz aber nicht nur deswegen ein besonders wichtiges Unternehmen.

Das ist der Standort von Bürostuhl-Hersteller Giroflex Hier in Koblenz, wenige hundert Meter vom Grenzübergang zu Waldshut (D), befindet sich der Hauptsitz und Produktionsstandort von Giroflex. Im Jahr 1972 eröffnete hier Albert Stoll eine Fabrik, die im Laufe der Jahre zu einem Traditionsbetrieb wurde. 
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Hier befindet sich der Eingang. 200 Mitarbeitende beschäftigt das Unternehmen zurzeit (Juli 2017), 130 an diesem Hauptstandort, 50 weitere bei der Tochter Espisa, die sich auch in Koblenz befindet.
Im Juli 2017 hat der norwegische Möbelkonzern Flokk das Koblenzer Traditionsunternehmen übernommen.
Giroflex in Koblenz
Hier befindet sich auch ein Fabrikladen.
Hier befindet sich auch ein Fabrikladen.
Die Warenannahme von Giroflex.
Werbeplakat von Giroflex neben dem Produktionsort und Hauptsitz an der Kantonsstrasse, die viel befahren wird und die zum Grenzübergang Koblenz-Waldshut führt.
Wenige hundert Meter vom Giroflex-Standort entfernt befindet sich die Grenze zu Deutschland (Waldshut-Tiengen). Ein Drittel der Belegschaft wohnt im deutschen Raum.

Das ist der Standort von Bürostuhl-Hersteller Giroflex Hier in Koblenz, wenige hundert Meter vom Grenzübergang zu Waldshut (D), befindet sich der Hauptsitz und Produktionsstandort von Giroflex. Im Jahr 1972 eröffnete hier Albert Stoll eine Fabrik, die im Laufe der Jahre zu einem Traditionsbetrieb wurde. 

Philipp Zimmermann

"Bei Zoll und SBB haben einst auch viele Leute gearbeitet", erklärt Wanzenried. "Doch wer uns über die ganze Zeit bis heute als grosser Arbeitgeber begleitet hat, das ist Giroflex." Albert Stoll gründete die Fabrik 1872, also vor fast 150 Jahren. Sein gleichnamiger Sohn entwickelte in den Zwanzigerjahren den Urvater des modernen Bürostuhls. Der weltweit patentierte "Federdreh" war der erste Arbeitsstuhl mit drehbarer Säulenfederung und beweglicher Rückenlehne. Er wurde zum wichtigsten Umsatztreiber für das Koblenzer Unternehmen.

Heute geniesst die Firma den Ruf eines Qualitätsbetriebs, der hochwertige Bürostühle selbst entwickelt und herstellt und dabei in der Schweiz führend ist. "Giroflex ist ein Stück von Koblenz' Identität", sagt der Gemeindeammann. "Weitere Stellenreduktionen würden uns schmerzen."

Über 45 Millionen Umsatz

2016 hat das Koblenzer Unternehmen einen Umsatz von 45,5 Millionen Franken erwirtschaftet, 90 Prozent davon in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, in den Niederlanden und Belgien.

50 Prozent des Umsatzes macht das Unternehmen im Euro-Raum. Entsprechend stark wurde es getroffen, als die Schweizer Nationalbank Anfang 2015 den Euro-Mindestkurs aufhob und dieser abstürzte. Die Branche steht unter Preisdruck. Als Folge davon hat Giroflex Produktionsschritte ausgelagert.

Markenname "Giroflex"

Albert Stoll III., der Enkel des gleichnamigen Firmengründers, ersetzte 1948 den Namen "Federdreh" durch "Giroflex", um die Marke international verwendungsfähig zu machen. "Giroflex" ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus griechisch-lateinisch-italienischen Wurzeln. Den "Federdreh" hatte Albert Stoll II., Sohn des Gründers, 1927 als Markenzeichen schützen lassen.