Würenlingen
Gedenkfeier zum Flugzeugabsturz: Bundesbehörden unerwünscht – Aargauer Parlamentarier nicht eingeladen

In Würenlingen wird am Freitag an den Absturz einer Swissair-Maschine vor 50 Jahren erinnert. Aargauer Parlamentarier sind nicht eingeladen.

Daniel Weissenbrunner
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Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.
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Nach der Bombenexplosion im Frachtraum stürzte die Coronado der Swissair ab.
Trümmerteile liegen nach dem Absturz verstreut im Wald von Würenlingen, ganz in der Nàhe des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) und des AKW Beznau.
Den ersten Helfern zeigt sich ein Bild des Grauens: Trümmer- und Leichenteile liegen verstreut im Wald.
Die Unglücksmaschine: Die Convair-990 Coronado HB-ICD der Swissair.
Passanten sehen sich die Trümmer des Flugzeuges an.
Der Swissair-Captain versuchte nach der Detonation zum Flughafen Kloten zurückzufliegen. Doch Rauch im Cockpit verunmöglichte die Sicht.
Die 38 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Absturz ums Leben.
Pressekonferenz der Eidgenössischen Flugunfall-Kommission: Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil. Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil.
Die Trümmer der Maschine.
Ehrenzermonie nach der Ankunft der Körper der israelischen Opfer auf dem Flughafen Lod inahe Tel Aviv am 6. März 1970.
Die Trümmer der Maschine.
Links ein neuer, rechts der in den Trümmern gefundene, zerstörrte Höhenmesser, der die Explosion im Frachtraum auslöste.
Ein Wegweiser führt in Würenlingen zum Denkmal bei der Absturzstelle im Wald.
In der Tonhalle in Zürich fand am 26. Februar 1970 eine Trauerfeier statt.
Die Bundesräte Roger Bonvin (links) und Ernst Brugger (rechts) bei der Trauerfeier in der Tonhalle in Zürich.
Bei Würenlingen wird am 7. März 1971 an der Absturzstelle eine Gedenkstätte eingeweiht.
Die Gedenkfeier am 18. Februar 1990 beim Denkmal auf der Absturzstelle.

Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.

Keystone

Arthur Schneider ist in diesen Tagen eine viel gefragte und viel beschäftigte Person. Fast pausenlos flattern beim 79-Jährigen Medienanfragen ins Haus. Das Schweizer Fernsehen, NZZ, «Blick», alle wollen etwas von ihm wissen. Er sei momentan gut ausgelastet, sagt Schneider. Denn neben den zahlreichen Interviews kümmert er sich auch um die Gedenkfeier zum Flugzeugabsturz von Würenlingen, der sich diesen Freitag zum 50. Mal jährt.

Am 21. Februar 1970 stürzte der Swissair-Flug 330, der sich von Zürich nach Tel Aviv befand, um 13.34 Uhr in den Wald zwischen dem Dorf und der Forschungsanstalt PSI. Alle 47 Personen an Bord kamen beim Absturz ums Leben. Schnell war klar, dass es sich bei der Tragödie um einen Terroranschlag handelte. Im Frachtraum der Coronado war eine Bombe explodiert. Als Hauptverdächtige galten zwei Mitglieder einer palästinensischen Splittergruppe. Zu einem Prozess gegen die beiden ist es nie gekommen.

Arthur Schneider sass an jenem Tag daheim vor dem Fernseher, als er draussen einen gewaltigen Knall hörte. Er war damals 29-jährig und neu im Amt als Würenlinger Gemeinderat. Die dramatischen Ereignisse haben ihn bis heute nicht losgelassen. Er begann unermüdlich über die Hintergründe zu recherchieren. Er schrieb unter anderem ein Buch («Goodbye everybody»). «Mir ist es immer darum gegangen, herauszufinden, wer die Drahtzieher dieses Verbrechens waren.»

Keine Abrechnung mit Aargauer Politkern

Von der Politik und der Justiz fühlte er sich in seinen Bemühungen in all den Jahren sträflich im Stich gelassen. «Dabei hätten die Angehörigen der Opfer und die Bevölkerung ein Recht zu erfahren, was tatsächlich geschehen ist.» Dieses traurige Kapitel in der Schweizer Luftfahrt dürfe nicht in Vergessenheit geraten, mahnt Schneider. Zu diesem Zweck organisiert er zusammen mit Ruedi Berlinger, dem Sohn des Piloten der Unglücksmaschine, übermorgen den Anlass an der Absturzstelle. Hunderte von Einladungen haben er und Berlinger verschickt. Angeschrieben wurden neben den Angehörigen, auch jüdische und israelische Organisationen, oder etwa der Berufsverband des Cockpitpersonals der Fluggesellschaft Swiss, Aeropers.

Nicht im Verteiler befinden sich indes die Adressen von Bundesbehörden: Weder der Bundesrat, Bundesanwaltschaft noch Aargauer Nationalräte erhielten ein entsprechendes Schreiben. Schneider, der bei seinen Nachforschungen auf deren Mithilfe gehofft hatte, begründet die Nichtberücksichtigung nicht als Abrechnung. «Es wäre aber unglaubwürdig, jenen Personen eine Plattform zu bieten, die jahrelang nichts unternommen haben», sagt Arthur Schneider.

Seine Kritik richtete sich zuletzt um die Wiederwahl von Michael Lauber. Der umstrittene Bundesanwalt wurde vergangenes Jahr in seinem Amt vom Parlament bestätigt. «Lauber versenkte den Flugzeugabsturz mit der Verjährungserklärung. Er degradierte eine befugte Einsprecher zur Privatperson und gewährte kein Rechtsmittel», so Schneider. Von den Aargauer Parlamentariern sei ihm nur eine Person bekannt, die gegen Lauber stimmte. Für ihn sei das eine Schande und ein Verrat, sagt Arthur Schneider.

Israelischer Botschafter unter den Gästen

Ausgenommen von der Nichtberücksichtigung ist Jean-Pierre Gallati: Der SVP-Politiker wird allerdings nicht in seiner Funktion als Nationalrat am Anlass in Würenlingen teilnehmen, sondern als Vertreter der Aargauer Regierung eine Grussbotschaft überbringen und einen Kranz an der Gedenkstätte niederlegen. Besuch aus Bern hat sich trotzdem angekündigt: Zum Kreis der geladenen Gäste gehört Jacob Keidar, der israelische Botschafter in der Schweiz und Liechtenstein. An Board der Swissair-Maschine befanden sich auch 15 israelische Staatsbürger. Ebenfalls anwesend ist Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds.

Vorbereitet ist auch das Sicherheitskonzept: Verantwortlich ist die Kantonspolizei Aargau. Sie wird mit rund einem halben Dutzend uniformierter Personen vor Ort sein und sich mit den Security-Leuten von Botschafter Keidar absprechen. «Wir erachten den Anlass aber nicht als problematisch», sagt Kapo-Sprecher Bernhard Graser auf Anfrage. «Einer würdigen und stillen Feier sollte so nichts im Wege stehen», hofft Arthur Schneider.

Arthur Schneider im ausführlichen Interview:

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