Bad Zurzach
Früher in Lumpen – heute mit Frack, Melone und Zylinder

Über 60 Spielerinnen und Spieler aus der ganzen Schweiz, aus Deutschland und Österreich sind mit ihren prächtigen, historischen Drehorgeln nach Bad Zurzach gekommen und haben Kostproben ihrer Repertoires gegeben.

Ursula Burgherr
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Parade zur Feier des 25 Drehorgeltreffens in Bad Zurzach
8 Bilder
Über 60 Teilnehmer waren dabei
Festlich gewandete Drehorgelspielerin im Biedermeierlook
Zwischen 4000 und 20 000 Franken kostet eine Drehorgel
Drehorgeltreffen in Bad Zurzach
Die Organisatoren des Drehorgeltreffens in Bad Zurzach - Georg und Theres Dietschi
Der Flecken bot die ideale Kulisse

Parade zur Feier des 25 Drehorgeltreffens in Bad Zurzach

Ursula Burgherr

Die Besucher fühlten sich wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Die «Örgelimänner» trugen Melone, Zylinder, Frack oder Gehrock; die Frauen waren hübsch in Trachten oder Biedermeierkostüme gewandet.

Beim Stöbern in den Auslagen des gleichzeitig zum Drehorgeltreffen stattfindenden Floh- und Antiquitätenmarktes hörte man von überall her Musikfetzen. Melodien wie «Puppchen, Du bist mein Augenstern» (1912) oder «Amazing Grace» (1831) perlten durch den Bad Zurzacher Flecken.

Von weit her kamen die Musikmacher teilweise angereist wie das Ehepaar Becker aus Karlsruhe und Martin Sauer aus dem bayerischen Landshut. Auch Lorenzo und Elsbeth sind leidenschaftliche Drehorgelspieler und besuchen so viele der landesweit stattfindenden Treffen wie möglich. An Weihnachtsmärkten sammelt das Ehepaar Geld für Spendehilfswerke.

Damit lehnen sie an eine ursprüngliche Tradition an: Nach dem Ersten Weltkrieg bekamen Kriegsversehrte vom Staat zu günstigen Konditionen eine Drehorgel, damit sie mit Spielen ihren spärlichen Lebensunterhalt verdienen konnten, statt einfach nur zu betteln. Meist standen die Leierkasten-Männer in Lumpen auf der Strasse und nicht in so schicken Outfits wie heutzutage.

Das Drehorgelspiel ist mittlerweile zum reinen Hobby geworden und die Kleinode – viele mit wertvollen Intarsien, geschnitzten Figuren und Malereien verziert – kosten zwischen 4000 und 20 000 Franken.
Bis zu 100-jährig sind die Instrumente alt, und meist müssen Liebhaber lange auf Occasionsmärkten suchen, bis sie ihr Wunschobjekt finden.

Cecile Mohn bekam zum 60. Geburtstag eine Lochband- und zum 70. eine Walzenorgel geschenkt. Es sei gar nicht so einfach am Hebel zu drehen, ohne ins Stocken zu geraten, erklärte sie. Der 80-jährige Martin Zumbach aus Baar ist einer der letzten Handwerker in der Schweiz, der Stiftwalzen noch selber herstellt und Drehorgeln repariert. «Ich habe schon Walzen bis nach Dänemark und auf die Lofoten-Inseln verschickt», erzählte er. «Aber die junge Generation, die sich noch für dieses Genre interessiert, ist dünn gesät.»

Georg und Theres Dietschi organisieren (als Nachfolger von Erica und Ruedi Schupp) zusammen mit dem Tourismusbüro Bad Zurzach seit fünf Jahren das Drehorgeltreffen. Die Zwei: «Uns ist es wichtig, dass diese Tradition weitergepflegt wird und zu neuer Blüte gelangt.»

Gute Laune machte das Fest allemal. «Es ist eine Freude all die fröhlichen Gesichter zu sehen, die mit der Sonne den ganzen Tag um die Wette strahlten», meinte Gemeindeammann Reto S. Fuchs bei der abendlichen Ehrung der Spielerinnen und Spieler.

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