Frottee-Schwänli und Negligé

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Sind Sie ein Wintertyp, so von der Temperatur her? Ich nicht. Und immer wenn meine Sehnsucht nach Berlin übermächtig zu werden droht, denke ich an die nasskalte Zeit zwischen November und Februar zurück, die dort gerne noch von einer kräftigen Bise begleitet wird. Buuh! Aber auch im Zurzibiet kann es jetzt morgens um sieben Uhr recht dunkel und garstig sein.

Interessanterweise scheint mich das früher überhaupt nicht gestört zu haben. Das ist mir kürzlich in den Sinn gekommen, als ich die Promenade in Zurzach entlang spazierte und plötzlich vor dem Fabrikgebäude der «Triumph» stand. Drei Jahre lang bin ich diesen Weg beinahe täglich gegangen, ziemlich munter, trotz der frühen Stunde. Das KV war nicht mein Traum­beruf, aber das Leben ist kein Wunschkonzert, und die «Stifti» in der Textilbranche gefiel mir dann durchaus.

Damals gab es bei der «Triumph» nicht nur die Miederabteilung, sondern auch noch die Weberei mit den Frotteewaren. Gerade zur Weihnachtszeit herrschte Hochbetrieb. Geschenk­packungen mit einem Set Wasch-, Hand- und Bade­tücher waren beliebt. Und stand dann auch noch der eigene Name drauf, wurde das Ganze richtig persönlich. «Frohe Festtage» konnte man als Einwebung ebenfalls haben – keine Ahnung, ob so etwas heute noch Mode ist. Mein persönlicher Favorit für Weihnachten waren allerdings die Frottee-Schwänli aus Waschlappen. Sie waren nicht nur praktisch, sie sahen auch hübsch aus und waren erst noch günstig. Heute kann man sie dank des Videoportals «Youtube» locker selbst basteln, wobei die Anleitung für Elefanten offenbar häufiger nachgefragt wird.

Ja, die «Triumph». Mitte der Sechzigerjahre wurde in den dortigen Fabrikhallen noch richtig produziert. Ratternde Webstühle, vor allem aber lange Reihen, in denen vorwiegend junge Frauen Büstenhalter nähten, und das im Akkord. Die Spitzenteile trugen Namen wie «Amourette» oder «Doreen», verheissungsvoll und leicht verrucht. Der Alltag war weniger romantisch. Da dominierten hautfarbige «Liebes­töter», Korsetts mit Haken, es ging um zeitliche Vorgaben, speditive Abläufe, einpacken, verschicken, fakturieren. Wir Lehrlinge durchliefen alle Abteilungen der Firma, und diese Erfahrung war Gold wert. Sie hat mir später als Journalistin geholfen, bei meinen Berichten die Praxis nie aus den Augen zu verlieren.

Spontan erinnere ich mich an lange Nachmittage im «Postbüro», wo ich mit Edi Meier und Ueli Bächli Hunderte von Rechnungen in Kuverts steckte, und unvergesslich ist mir auch die Zeit in der Lohnbuchhaltung. Da diktierte der Chef, Herr Lüthy, dem Fräulein Hürzeler regelmässig Gesuche für Arbeitsbewilligungen. Die waren nötig, da der Grossteil der Näherinnen aus Italien stammte.

Die Frauen waren blutjung, nur wenig älter als ich selbst. Sie wohnten bei katholischen Schwestern, ganz in der Nähe der Fabrik. Ein strenges Regiment soll dort geherrscht haben. Ora et labora eben. Aber zumindest an Weihnachten durften die meisten nach Hause.

Item. Die «Triumph» hat mich geprägt. Ich sehe meinen Freundinnen noch immer von weitem an, ob ihr BH richtig sitzt oder nicht, und wenn ich irgendwo im Ausland auf eine Werbung mit dem Krönchen stosse, «heimelet» mich das ein wenig an. Zwar soll es nicht mehr so glänzen wie zur Blütezeit – aber solange sich das Vermögen der Besitzer­familien Spiesshofer und Braun laut der Aargauer Zeitung gegen 500 Millionen Franken bewegt, muss einem ja nicht gleich bange werden.

An mir persönlich verdient die «Triumph» nicht gross. Im Gegenteil: Dank der Advent-Aktion «Let’s celebrate together» habe ich im Outlet-Laden auf meinen spärlichen Einkauf sogar einen Rabatt bekommen und beim Würfeln zusätzlich ein Zentimetermass mit Logo gewonnen. Fast so schön wie ein Schwänli! Und falls Sie noch den ultimativen Geschenktipp brauchen: Negligés sollen wieder mächtig im Trend sein. Möglichst in Seide und mit viel Spitze!

In diesem Sinne: Eine knisternde Weihnachtszeit!

Ursula Hürzeler Die gebürtige Bad Zurzacherin

ist eine der prägendsten Medienstimmen des Landes. Sie

moderierte das «Echo der Zeit»

und «10 vor 10». Hürzeler lebt

heute in Bern.