Zurzach
Frauenflaute statt Frauenpower im Gemeinderat? «Kann nicht sein, dass man das Feld den Männern überlässt»

Die neue Gemeinde Zurzach sucht Kandidaten für den Gemeinderat. Auf der Liste stehen bisher praktisch nur Männer. Was läuft falsch? Eine Spurensuche.

Daniel Weissenbrunner
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Männersache: Die Ammänner der Zurzibieter Fusionsgemeinden anlässlich der Unterzeichnung des Zusammenschlussvertrags.

Männersache: Die Ammänner der Zurzibieter Fusionsgemeinden anlässlich der Unterzeichnung des Zusammenschlussvertrags.

Alex Spichale

In vielen Schweizer Städten herrschte vergangenes Wochenende Hochbetrieb. Bern, Basel, Zürich befanden sich fest in Frauenhänden. Tau­sende gingen zum Jahrestag des Frauenstreiks vom 14. Juni 2019 auf die Strasse und machten auf ihre Forderungen nach Gleichstellung, Gleichberechtigung und Mitbestimmung erneut lautstark aufmerksam.

Während in den Chefetagen von Unternehmen nach wie vor ein krasses Missverhältnis besteht, ist der Frauenanteil bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst deutlich angestiegen. Er erhöhte sich von 32 auf 42 Prozent im Nationalrat, im Ständerat von 15 auf 26 Prozent.

Der Kommentar:

Umso grösser ist die Ernüchterung gerade in weiten Teilen im Zurzibiet: Am letzten Freitag wurde die erste Liste mit den Kandidaturen für den künftigen Gemeinderat der neuen Gemeinde Zurzach bekannt ge­geben, die am 1. Januar 2022 in Kraft tritt. Unter den zehn offiziellen Bewerbungen aus den acht Fusionsgemeinden, die für einen der sieben Sitze im Gemeinderat antreten, befindet sich mit Esther Käser nur eine Frau. «Das ist tatsächlich ernüchternd», sagt die 56-jährige Gemeinderätin aus Rekingen.

Das sind die bisher bekannten Kandidierenden:

Kandidiert als Gemeindeammann: Andi Meier.
12 Bilder
Für das Amt des Vizeammanns stellen sich zwei Kandidaten zur Verfügung: Peter Lude, aktuell Vizeammann von Bad Zurzach.
Und Christian Trottmann, aktuell Vizeammann von Rekingen.
Nun folgen die Kandidaten für den Gemeinderat: Adrian Thoma, Ammann in Böbikon.
Sheela Süess (l.) und Esther Käser. Die dritte Frau im Wahlkreis 1 ist Franziska Maag aus Rümikon. Die einzige Frau im Wahlkreis 2 heisst Franzisca Zölly aus Bad Zurzach.
Esther Käser ist Gemeinderätin in Rekingen
Sheela Süess ist Gemeinderätin in Baldingen.
Heiri Rohner, Wislikofens Gemeindeammann.
Cyrill Tait, Stadtrat in Kaiserstuhl.
Markus Perreten, Vizeammann in Rümikon.
Peter Moser, Gemeinderat in Bad Zurzach.
Sebastian Laube, Gemeinderat in Rümikon.

Kandidiert als Gemeindeammann: Andi Meier.

AZ

Das Feld nicht den Männern überlassen

Deutlicher wird die Kommu­nikationsverantwortliche Susanne Holthuizen vom Verein «Zurzibieter Frauen», der sich für die Förderung von Frauen in Unternehmen und Behörden im Bezirk einsetzt. «Es kann nicht sein, dass man das Feld einfach den Männern überlässt.»

Eine abschliessende Erklärung, weshalb das Interesse für ein Amt im künftigen Gremium derart gering ist, hat Holthuizen nicht. Es sei nun aber zwingend, dass etwas unternommen werde, damit die Frauen angemessen vertreten seien. «Wir bieten hierzu gerne Hand, in Form von Coachings.»

Holthuizen hätte es zu­dem begrüsst, wenn die Umsetzungskommission, die für die Organisation des Zusammenschlussvertrags zuständig ist, das Gespräch mit den «Zurzibieter Frauen» gesucht hätte, um dem Thema mehr Beachtung zu schenken.

Reto S. Fuchs, Präsident der Umsetzungskommission, erklärt, dass man innerhalb der einzelnen Gemeinden mehrere Aufrufe gemacht habe, auch mit dem Wunsch nach einem guten Geschlechtermix. Es sei aber nicht Aufgabe der Kommission, aktiv Wahlpolitik zu betreiben.

Zu den angesprochenen Personen gehörte auch Irene Keller, Gemeinderätin in Böbikon. Sie habe sich eine Kandidatur zwar überlegt, sagt sie. Gerade, weil sie sich eine höhere Frauenbeteiligung wünsche. Ausschlaggebend für den Verzicht sei schliesslich der Zeitaufwand gewesen, und dass sich in ihrer Gemeinde zwei fähige, erfahrene Männer für das Amt zur Verfügung stellen würden. Mit ihrer Haltung zementiert Keller ein gängiges Rollenbild. «Wären Frauen nur halb so überzeugt von sich wie viele Männer, wäre das Problem der Untervertretung auf einen Schlag beseitigt», sagt Susanne Holthuizen, die einst im Gemeinderat in Lengnau politisierte. Es liege daher auch an den Frauen selbst, den Mut aufzubringen.

Hoffnung auf eine Sogwirkung

Esther Käser pflichtet dem bei. Es habe sie einige Überwin­- dung gekostet, sich aufzustellen. Letztlich habe sie zugesagt, weil sie überzeugt sei, dass sich der Blickwinkel von Frauen gegenüber jenen von Männern in mancher Hinsicht unterscheide. «Wir fangen mit der neuen Gemeinde auf einer grünen Wiese an. Dazu würde ich gerne den Dünger liefern, damit die junge Pflanze ‹Zur­zach› gedeihen kann», so Käser.

Mit ihrer Kandidatur hofft sie, die eine oder andere Frau für ein Engagement in der Gemeinde Zurzach zu bestärken. Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 13. August. «Bis dahin gibt es noch einiges zu tun», sagt Susanne Holthuizen. Der erste Wahlgang findet am 27.September statt.