Mögliches Motiv
Familiendrama in Würenlingen: Ging es um die Erbschaft?

Welches Motiv bewegte den Täter von Würenlingen dazu, vier Menschen und anschliessend sich selbst zu töten? Möglicherweise ging es um eine Erbschaft, die ihm seine Schwiegereltern vorenthalten wollten.

Urs Moser
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Ein unbeteiligter Nachbar wurde auf der Strasse erschossen.

Ein unbeteiligter Nachbar wurde auf der Strasse erschossen.

newspictures.ch

Der Todesschütze von Würenlingen, der vier Menschen umbrachte und sich danach selbst richtete, war polizeilich bekannt. Der 36-jährige Schweizer war schon 2007 wegen Körperverletzung und 2012 wegen Drohung aufgefallen. Erst wenige Wochen vor der Bluttat von Würenlingen wurde an seinem Wohnort im Kanton Schwyz eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Man muss annehmen, dass der Mann als potenziell gefährlich galt. Jedenfalls suchte die Schwyzer Polizei am 2. April an seinem Domizil – ohne Ergebnis – nach Waffen. Die Tatwaffe musste sich der Mann erst vor kurzem beschafft haben. Einen Waffentragschein besass er nicht, die Pistole war nicht registriert. Damit erschoss der Täter die Eltern und den Bruder seiner Ehefrau und einen Nachbarn der Familie. Gesichert ist, dass es sich bei der Tatwaffe nicht um eine Armeepistole handelte.

Schüsse in Wohnquartier in Würenlingen – Mehrere Tote
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In diesem Haus erschoss der Täter seine Verwandten.
Das Haus befindet sich am Langackerweg: Anwohner hörten an jenem Samstagabend gegen 23 Uhr Schüsse.
Die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort.
Markus Gisin, Chef Aargauer Kriminalpolizei, an der Medienkonferenz am Tag nach der Tat: «Es sind relativ viele Schüsse gefallen.»
Der Familienvater mit türkischer Abstammung war zehn Tage vor der Bluttat von Würenlingen aus der psychiatrischen Behandlung entlassen worden.
Der Täter, Semun A., war der Polizei bereits bekannt.
Wegen häuslicher Gewalt war er ab April 2015 in der Psychiatrie.
Daniel von Däniken von der Aargauer Oberstaatsanwaltschaft.
Polizeikommandant Michael Leupold.

Schüsse in Wohnquartier in Würenlingen – Mehrere Tote

Keystone

Fürsorgerische Unterbringung

Fürsorgerische Unterbringung

Unter allen Massnahmen des Erwachsenenschutzrechts stellt die fürsorgerische Unterbringung in einer Institution ( zum Beispiel psychiatrische Klinik, Pflegeheim) wohl den schwersten Eingriff in die persönliche Freiheit eines Menschen dar. Fürsorgerisch zur Behandlung und Betreuung untergebracht werden können nur Personen, die von einer psychischen Störung oder einer geistigen Behinderung betroffen oder schwer verwahrlost sind. Eine fürsorgerische Unterbringung wird grundsätzlich durch die kantonal zuständige Erwachsenenschutzbehörde angeordnet. Es ist also dieselbe Behörde, die auch für die Errichtung von Beistandschaften zuständig ist, im Aargau das Familiengericht. Neben der Erwachsenenschutzbehörde können auch Ärzte eine fürsorgerische Unterbringung anordnen. In den meisten Kantonen haben alle Ärzte dieses Recht, in einzelnen Kantonen jedoch nur einige von ihnen. Wenn ein Arzt oder eine Ärztin eine fürsorgerische Unterbringung anordnet, darf dies nur nach vorheriger persönlicher Untersuchung geschehen. Zudem ist eine solche Unterbringung von Gesetzes wegen zeitlich beschränkt: Die Kantone legen die entsprechenden Fristen fest, wobei sie nicht über sechs Monate hinausgehen dürfen. (az)

Was sich am Langackerweg in Würenlingen genau abspielte, bleibt Gegenstand weiterer Ermittlungen. Gegen 23 Uhr am Samstagabend gingen bei der Kantonspolizei Meldungen ein, im sonst beschaulichen und ruhigen Quartier seien Schüsse zu hören. Polizei und Rettungskräfte rückten sofort aus, aber für die Opfer kam jede Hilfe zu spät. Die schnell vor Ort eingetroffenen Einsatzkräfte konnten nur noch deren Tod feststellen. Über die Hintergründe der fürchterlichen Tat ist noch sehr wenig bekannt. Auf jeden Fall war das Haus der Familie L. an diesem Abend zum Schauplatz einer Familientragödie geworden. Der Täter, ein 36-jähriger Familienvater, hatte seinen 57-jährigen Schwiegervater, seine 58-jährige Schwiegermutter und deren 32-jährigen Sohn erschossen, der im gleichen Haus wohnte.

«Alle Indizien weisen auf ein Beziehungsdelikt hin» – Genaueres konnte Polizeikommandant Michael Leupold gestern noch nicht mitteilen. In einer ersten Phase des Einsatzes sei das ganze Quartier abgeriegelt und durchsucht worden, erläuterte Markus Gisin, Chef der Aargauer Kriminalpolizei. Noch in der Nacht auf Sonntag habe man eine andere Gefahrenlage, zum Beispiel einen Amoklauf oder gar einen terroristischen Akt, ausschliessen können. Den Ermittlern vor Ort muss sich ein grauenvolles Bild geboten haben. Auf alle Opfer hatte der Täter mehrere Schüsse abgegeben. «Die Opfer wurden regelrecht hingerichtet», sagt Polizeisprecher Bernhard Graser.

Getöteter Nachbar unbeteiligt

Was die fürchterliche Tragödie noch unfassbarer macht: Sie forderte auch ein Zufallsopfer. Was immer sich genau in dieser Nacht im Haus der Familie L. abspielte – das vierte Opfer, der 46-jährige Sohn der Nachbarsfamilie K., war nach bisherigen Erkenntnissen in keiner Weise darin involviert. Es ist nach Polizeiangaben noch nicht klar, ob er den Täter überhaupt gekannt hatte. Der Todesschütze hatte sein Auto beim Haus der Familie K. parkiert. Man weiss nicht, warum sich der Sohn der Nachbarsfamilie vor dem Haus aufhielt. Möglicherweise war er auf die Strasse gegangen, weil er die Schüsse gehört hatte. Auf jeden Fall lief er dabei geradewegs dem Todesschützen in den Weg, der ihn 50 Meter vom ersten Tatort entfernt mit mehreren Schüssen niederstreckte und danach in unmittelbarer Nähe auch sich selbst erschoss. Das Schicksal des unbeteiligten Nachbarn hätte in dieser Nacht in Würenlingen auch manchen anderen treffen können, der vielleicht gerade zu dieser Zeit auf dem Heimweg vom Weinfest war.

Ging es um Erbschaftsstreit?

Genauere Erkenntnisse zu den Tatumständen stellten Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft für diese Woche in Aussicht. Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion aller Leichen angeordnet. Über das Motiv des Täters lässt sich vorderhand nur rätseln. Dass es schon früher zu Auseinandersetzungen im Haus der Familie L. gekommen wäre, ist zumindest nicht aufgefallen. Anwohner schildern die Familie L. als ruhige, unauffällige Nachbarn. Sehr beliebt war der Vater als Mitglied der Altherren vom FC Turgi. Wie Tele M1 berichtet, soll aus dem familiären Umfeld von einem Erbschaftsstreit berichtet worden sein, in dem der Schwiegersohn leer ausgegangen sei. Es gehe um ein Chalet in Ennenda im Kanton Glarus.

Bestätigt ist von offizieller Seite aber nur, dass der Täter von seiner Ehefrau, der Tochter der Familie L., getrennt lebte. Die drei Kinder befinden sich in familienexterner Obhut. Auch ihre Mutter befindet sich seit längerer Zeit im Kanton Schwyz in einer fürsorgerischen Unterbringung.