Zurzach-Studenland
Familie erobert das Pfarrhaus – diese Kirche geht weg vom Pfarrer als Chef

Mit Marcus Hüttner übernimmt kein Priester, sondern der Pfarreiadministrator die Leitung in Bad Zurzach.

Andreas Fretz
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Es ist noch ein Platz frei: Der neue Gemeindeleiter Marcus Hüttner hofft auf Unterstützung durch einen Priester.

Es ist noch ein Platz frei: Der neue Gemeindeleiter Marcus Hüttner hofft auf Unterstützung durch einen Priester.

Unter den Füssen eine neue Bodenheizung, an der Decke dicke Balken aus Holz, die über 700 Jahre auf dem Buckel haben: Marcus Hüttner sitzt in seinem Büro der Pfarrei St. Verena in Bad Zurzach.

Aufgehoben zwischen Moderne und Tradition. Seit 2011 ist der 43-Jährige Pfarreiadministrator des Verbands Zurzach-Studenland. Der Spagat zwischen Moderne und Tradition, den Hüttner im Kerzenschein geniesst, ist für die katholische Kirche eine grosse Herausforderung. «Pfarrer sind rar geworden», sagt Hüttner. Als klar wurde, dass Pfarrer Raimund Obrist Bad Zurzach per Ende November verlässt, war auch klar, dass es schwer werden würde, einen Nachfolger zu finden. Der Priestermangel wiegt so schwer, dass in Bad Zurzach nun ein neues Modell zum Tragen kommt.

Pfarreiadministrator Hüttner, promovierter Theologe zwar, aber kein Priester, übernimmt per Dezember die Gemeindeleitung von Pfarrer Obrist. In Bad Zurzach ist das ein Novum, andernorts musste auch schon zu dieser Massnahme gegriffen werden: Dann nämlich, wenn das bischöfliche Personalamt keinen Pfarrer findet.

«Damit geht die Kirche weg vom Pfarrer als Chef der Gemeinde. Das ist fast schon eine kleine Revolution», sagt Thomas Haag, Präsident der Kirchenpflege St. Verena. Schon einmal, von November 2013 bis August 2014, nachdem Pfarrer Urs Zimmermann zurückgetreten war, hatte Hüttner die Übergangsleitung inne.

«Doch diesmal ist es das Modell, mit dem wir in die Zukunft schreiten, das wir beibehalten wollen», sagt Haag. Vier Varianten hatten die Zurzacher ausgearbeitet, jene mit Hüttner erhielt von der Bistumsleitung den Segen.

Der Kirchenpflegepräsident sagt, dass die Aufgabe des Gemeindeleiters eher mit der Aufgabe eines Personalchefs zu vergleichen sei. So kann sich ein Priester – wenn denn einer gefunden wird – voll auf die Aufgaben der Seelsorge konzentrieren.

Gut möglich, dass diese Aufgabenteilung die Suche nach einem Priester gar erleichtert. Ein sogenannt mitarbeitender Priester wird in Bad Zurzach nun gesucht.

Bis diese Vakanz besetzt ist, wartet auf Marcus Hüttner neben dem Mehr an Verantwortung auch mehr Arbeit. «Ab Dezember werde ich die Leitung wahrnehmen, aber keinen neuen Mitarbeiter haben. Es ist ganz klar, dass wir im Pfarreienverband wieder einen Priester benötigen», sagt er.

Hüttner stammt aus dem fränkischen Bamberg. 2004 ist er in die Schweiz gekommen, weil er in Deutschland keine Aussicht auf eine Anstellung hatte. Am Gottesdienst zum 1. Advent (27. November) erhält er von Generalvikar Markus Thürig die Missio, die Beauftragung des Bischofs.

Hüttner darf dann Trauungen und Taufen vornehmen, nicht aber die Eucharistiefeier, die heilige Messe. Er darf keine Beichten abnehmen oder Kranksalbungen sprechen. «Mit ein bisschen Glück haben wir bis im Sommer einen mitarbeitenden Priester», verleiht Hüttner seiner Hoffnung Ausdruck.

Selbst Priester zu werden, war für ihn nur kurzzeitig ein Thema. «Ich habe zwar mit dem Priesterseminar begonnen, aber schnell realisiert, dass das nicht mein Weg ist», sagt Hüttner. Der Kirche wollte er indes treu bleiben. So wurde er Pfarreiadministrator. Heute wohnt Hüttner in Endingen. Er ist dreifacher Familienvater.

Töchterchen Mia wird an Heiligabend vier Jahre alt, die Zwillinge sind sechseinhalb. Die Bistumsleitung in Solothurn befürwortet und unterstützt das neue Modell in Bad Zurzach, stellte aber eine Bedingung: Hüttner muss nach Bad Zurzach ziehen. Im Sommer wird er mit seiner Familie in die oberen Stockwerke des Pfarrhauses zügeln.

«Jedes Kind erhält ein eigenes Zimmer», freut sich Hüttner stellvertretend für seinen Nachwuchs. Auch Kirchenpflegepräsident Thomas Haag findet es toll, dass mit einer Familie Leben in das Pfarrhaus einzieht.

«Als die Gemeindeleitung ein Thema wurde, habe ich nicht lange überlegen müssen», sagt Hüttner, «ich fühle mich wohl in der Pfarrei und im Verband.» Die zusätzliche Verantwortung übernimmt er gerne, auch wenn durch die Mehrbelastung eine harte Zeit auf ihn zukommt. Doch auch freudige Ereignisse erwarten ihn: Bereits am 4. Dezember darf Hüttner in seiner neuen Funktion die erste Taufe durchführen.