Schneisingen
Experte sprach über das Leben von Musik-Genies

«Kultur bi eus» lud in Schnesingen ein zu Musik, Malerei, Dichtung mit Ueli Ganz – der Funke sprang auf die Zuhörer über

Rosmarie Mehln
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Er wirkt ruhig und besonnen, und doch staunt man über seine Bemerkungen: Ueli Ganz bei seinem Auftritt im Gemeindehaus. ZA

Er wirkt ruhig und besonnen, und doch staunt man über seine Bemerkungen: Ueli Ganz bei seinem Auftritt im Gemeindehaus. ZA

Angelo Zambelli

Meteorologisch beginnt der Frühling in zwei Wochen; astronomisch lässt er sich noch drei weitere Wochen Zeit – offiziell. Draussen allerdings ist seine Nähe ja bereits spürbar und am Freitagabend war er gar mit einer Vielfalt seiner Facetten eingedrungen ins Dachgeschoss vom Schneisinger Gemeindehaus. Dorthin hatte «Kutlur bi eus» unter dem Titel «Frühling lass dein blaues Band. . .» eingeladen zu einem Abend mit Musikgeschichten.

Es waren nicht viele Zuhörer gekommen. Aber wie sagt der Franzose doch so treffend: «Les absents ont toujours tort» – die Abwesenden haben immer Unrecht. Tatsächlich erlebten die Anwesenden zwei ebenso beglückende wie bereichernde Stunden rund um Malereien, Musikbeispiele und spannende Geschichten aus dem Leben verschiedenster Komponisten. Wobei vieles in sehr direktem, zumindest aber in einem weiteren Sinne mit Frühling zu tun hatte: Von Botticellis 1487 entstandenem Bild «La Primavera» über das Lied «Komm lieber Mai und mache. . .», das Wolfgang Amadeus Mozart 1791 nicht nur vertont, sondern auch als Leitmotiv für sein letztes Klavierkonzert verwendet hat, bis zum Skandal bei der Uraufführung von «Le sacré du printemps» von Igor Strawinski 1913 im Théâtre des Champs-Elysées in Paris.

Die Funken springen über

«Frühling lässt sein blaues Band. . .» ist das 20. Programm von Ueli Ganz aus Wettingen. Er hatte Musik und Kunstgeschichte studiert und dann 40 Jahre lang als Ausbildungsleiter bei der Swissair die Brötchen für seine Familie verdient. Seine Liebe zur Musik hatte er in jener Zeit vor allem in das Kammerorchester Kloten gesteckt, das er 1963 gegründet und 20 Jahre lang geleitet hat. Inzwischen ist Ganz 80-jährig, sieht aus wie höchstens 70 und sprüht nur so von Leidenschaft und Wissen rund um Musik und Malerei.

Auch wenn er ruhig und besonnen wirkt, so springen seine Funken glühend über auf seine Zuhörer. Man staunt über seine Bemerkungen zu Francisco di Goyas Bild «Der Sonnenschirm» und freut sich über August Rodins Skulptur «Paolo und Francesca». Gebannt hört man Ueli Ganz zu, wenn er über Tragödien aus dem Leben von Musikgenies spricht: Von Mozarts Armut und Krankheit an dessen Lebensende, von Ludwig van Beethovens Taubheit, Schuberts Vereinsamung. Man erfährt, dass Antonio Vivaldi rote Haare hatte und schmunzelt darüber, dass Joseph Haydn sich weigerte, dem Wunsch seines Mäzens zu folgen und das Quaken von Fröschen in sein Oratorium «Die Jahreszeiten» einzubauen.

Vor allem aber bekamen die Zuhörer dort, zuoberst im Schneisinger Gemeindehaus, eine Ahnung vom Unterschied zwischen Musik hören und Musik verstehen. Feinfühlig und in kleinen Schritten führte Ueli Ganz zu den Hintergründen und in die Tiefen grosser musikalischer Werke aus drei Jahrhunderten. So etwa auf das Murmeln der Quellen, das Säuseln sanfter Winde, ein kurzes Gewitter und Vogelgezwitscher in «La Primavera» von Vivaldis «Die vier Jahreszeiten». Aber auch die Tragik des «Trunkenen im Frühling» aus Gustav Mahlers «Das Lied der Erde».

Mit den musikalischen Müsterchen ab Band wolle er, sagte Ganz, seine Zuhörer «gluschtig machen auf mehr!» Und das ist ihm ebenso ausgezeichnet gelungen, wie die Musik zusammen mit den Bildern und Geschichten wahrlich frühlingshafte Emotionen auslösten: Liebliche und turbulente, aufwühlende und harmonische, himmelblaue und wolkenverhangene.