Bad Zurzach
Ex-Ammann radelt mit 25 Abenteurern von Moskau nach Peking

In 80 Tagen mit dem Velo von Moskau nach Peking: Alt-Gemeindeammann Marcel Iseli erzählt von Polizeieskorten, russischer Propaganda und seinen Freudentränen.

Stefanie Garcia Lainez
Merken
Drucken
Teilen
Mit einem Fest im Kreml starteten die 25 Teilnehmer auf die 7800 Kilometer lange Fahrt.
22 Bilder
Von Moskau nach Peking
Start in Moskau
In Russland immer mit dabei: die Polizeieskorte
Nach der Überquerung der Wolga wurden die Schweizer von Ärztinnen eingeladen, mit ihnen den Doktorandentitel zu feiern.
Einkaufen in Russland.
Auf einen Schwatz mit den Einheimischen in Russland.
Betten im Nightliner
Unterwegs in Sibirien
Die langen, geraden Strecken in der Mongolei faszinierten.
Rudolf Brönnimann im Kontakt mit Einheimischen.
Bei 21 Grad bestreiten die Velofahrer die letzte Etappe in der Mongolei, vorbei an grasenden Pferden.
Der Birmenstorfer Walter Herzog (kniend bei einem Heidelbeerverkäufer)
Der Nussbaumer Rudolf Brönnimann vor dem Baikalsee.
Unterwegs in der Mongolei
Ein Kamel in der Mongolei
Schlafraum im Nightliner
Marcel Iseli: "Vieles hätte schiefgehen können."
Die Koffer der Teilnehmer sind gepackt
Aufenthaltsraum im Nightliner
Ankunft in Peking.
Ziel der Reise - Platz des Himmlischen Friedens in Peking

Mit einem Fest im Kreml starteten die 25 Teilnehmer auf die 7800 Kilometer lange Fahrt.

zvg

In 80 Tagen mit dem Velo von Moskau nach Peking – quer durch Sibirien und die Mongolei bis zum Platz des Himmlischen Friedens: 25 Abenteurer legten die 7800 Kilometer lange Strecke zurück. Geleitet hat die Tour Marcel Iseli. Als Alt-Gemeindeammann von Bad Zurzach und ehemaliger FDP-Grossrat dürfte er vielen noch in Erinnerung sein.

Heute ist er Mitinhaber von «Hürzeler Bicycle Holidays». Und als solcher hat er während dreier Jahre diese bisher längste Fahrt geplant. «Vieles hätte schiefgehen können. Und einiges kam anders als erwartet», sagt Marcel Iseli, der zwischen seinen Velotouren momentan für wenige Tage im Flecken weilt.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit den Gesetzeshütern. «Wir rechneten damit, dass wir regelmässig Probleme mit der Polizei haben würden», sagt der 59-Jährige. Doch er sollte sich täuschen: Denn der Chef von Tourismus Russland sorgte mit einer Polizeieskorte dafür, dass die Gruppe reibungslos durch das Zarenreich radeln konnte. «Russland wollte sich in allen Facetten positiv zeigen und tat alles, um sich ins richtige Licht zu rücken», sagt Iseli.

Mit Fest im Kreml gestartet

Als es bei Regen und kalten 12 Grad am 12. Juni endlich losging, richtete der Tourismus-Chef ein Fest im Kreml aus. «Krethi und Plethi waren bei der Feier dabei.» Das Fernsehen, der Kreml-Direktor, eine Vertreterin der Schweizer Botschaft, Volkstanzgruppen – alle machten der Schweizer Gruppe ihre Aufwartung.

Und in jeder grösseren Stadt wurden die Abenteurer mit Salz und Brot empfangen. Und immer mit dabei: Die Polizisten, welche die Gruppe als stille Begleiter im Auto bis an die Grenze zur Mongolei begleiteten. Und dort, wo die 4 Frauen und 21 Männer für die Nacht haltmachten, parkierten auch die beiden Polizisten. Während die Velofahrer in Luxus-Nightlinern schliefen, übernachteten sie draussen im Auto. Als Störung oder gar Kontrolle empfand die beiden niemand. Im Gegenteil: Als ein Velofahrer auf einer Etappe vom Regen überrascht wurde, packten die Polizisten dessen Velo kurzerhand in den Kofferraum und fuhren ihn die letzten Kilometer. An der Grenze zu jedem Oblast, wie die Verwaltungsbezirke heissen, wechselte die Eskorte.

Wohin die Velofahrer auch kamen: Überall empfingen sie freundliche Gesichter. «Die Gastfreundschaft übertraf alle unsere Erwartungen», sagt Iseli. So wurden die Schweizer nach der Überquerung der Wolga auf dem Weg nach Kazan von Ärztinnen eingeladen, mit ihnen den Doktorandentitel zu feiern. Ein paar der Gruppe gerieten im Uralgebirge mitten in ein Geburtsfest – und kamen fast nicht mehr weg. Andere wiederum wurden von Bauern zum Znacht eingeladen. Kommuniziert wurde mit Händen und Füssen oder einer Übersetzungsapp.

Graues Wetter, Frost und Deportationen – das kam Iseli in den Sinn, als er vor der Reise an Sibirien dachte. Doch auch hier: Er wurde vollkommen überrascht. «Wir fuhren bei rund 20 Grad durch wunderschöne Wälder, entlang farbiger Blumenwiesen und an Seen vorbei. An den Rändern lag kein bisschen Abfall.» Am Baikalsee flossen aus lauter Begeisterung sogar Tränen. «Für einen der Teilnehmer ging ein Traum in Erfüllung, als wir am Baikalsee sassen», sagt Iseli.

Edelweiss in der Mongolei

Auch wenn er über die drei Wochen in der Mongolei spricht, gerät Iseli ins Schwärmen: «Die schönste Velostrecke der Welt führt definitiv durch die Mongolei», ist er überzeugt. «Kilometer für Kilometer kein einziges Auto, unzählige Yaks und endlose Felder mit Edelweiss.» Etwas weniger idyllisch gestaltete sich die Fahrt durch das Kohleabbaugebiet in China, wo sie knapp eine Woche unterwegs waren. Am Abend kam die Gruppe jeweils von Kopf bis Fuss russgeschwärzt am Treffpunkt an. Und in einer Stadt wurde auf der anderen Strassenseite ein Schaf geschlachtet, während die Schweizer gerade ihr Mittagessen verspeisten.

Einer der schönsten Momente war für Iseli die Ankunft in Peking am 25. August bei fast 30 Grad. «Wir kamen alle heil an, ohne Verletzungen, ohne Streitereien in der Gruppe und ohne Magenbeschwerden.» Letzteres sei wohl auf das Glas Wodka jeden Abend zurückzuführen.

Bald zieht es Iseli wieder nach Russland: Übernächsten Sommer geht es von St. Petersburg 10 000 Kilometer quer durch Sibirien nach Wladiwostok.